Bagdad - Schon vor einem Jahr wurde eine Frühjahrsoffensive zur Rückeroberung der irakischen Stadt Mossul von der Terrormiliz Islamischer Staat angekündigt. Gemeint war das Frühjahr 2015. Doch noch immer beherrschen die Dschihadisten die zweitgrößte Stadt des Landes. Amerikanische und irakische Experten gehen nun davon aus, dass die Befreiung von Mossul erst nächstes Jahr gelingen wird.

Denn die irakische Armee ist noch im Aufbau begriffen. Und der IS schafft es, durch gezielte Attacken die Sicherheitskräfte an verschiedenen Stellen des Landes zu binden. „Mossul wird sehr kompliziert“, sagt Brett McGurk, Sondergesandter des amerikanischen Präsidenten bei der Internationalen Allianz gegen die IS-Terrormiliz.

Es sei wichtig, dass der entscheidende Schlag gut geplant sei. Und Bündnisspprecher Christopher Garver räumt eint: „Die Truppen, die den Angriff auf die Stadt führen sollen, stehen noch nicht zur Verfügung.“

Die Einnahme Mossuls im Norden Iraks war im Sommer 2014 Höhepunkt des Vormarsches des IS mit dem Ziel, in Syrien und dem Irak ein „Kalifat“ auszurufen. Das irakische Militär war damals quasi eine „Geisterarmee“: Mehr als ein Drittel der Soldaten legten die Uniform ab und die Waffen nieder und flüchteten. Zwar war immer noch von Zehntausenden Soldaten die Rede, es stellte sich aber heraus, dass viele gar nicht existierten und Befehlshaber eine Menge Leute vorgetäuscht hatten, um mehr Sold zu kassieren.

Inzwischen hat das Militär, unterstützt von der internationalen Allianz, einen Teil der vom IS kontrollierten Gebiete zurückerobert. Als Erfolge galten die Offensive auf Tikrit im Frühjahr 2015 und die Rückeroberung von Ramadi Ende des Jahres. Doch Mossul - eine Stadt mit mehr als einer Million Menschen - gilt als Nagelprobe im Kampf gegen die Terrormiliz. Militärexperten schätzen, dass etwa acht bis zwölf Brigaden - das wären 24 000 bis 36 000 Mann - notwendig sind, um Mossul zu befreien.

Das internationale Bündnis hatte Ende 2014 mit der Ausbildung irakischer Truppen begonnen, mittlerweile haben etwa 18 500 Soldaten ein siebenwöchiges Training absolviert. Ob ein solcher Crashkurs für den Kampfeinsatz ausreicht, bezweifeln manche. Auf dem Stützpunkt Machmur knapp 70 Kilometer südöstlich von Mossul sind derzeit etwa 2000 bis 3000 Soldaten stationiert. „Wir sind ausgebildet, qualifiziert und kampfbereit“, sagt der irakische Oberstleutnant Mohammed al-Wagaa. „Aber wir haben nicht genug Stärke, um Mossul einzunehmen.“

Der IS macht sich die Schwäche zunutze und versucht derzeit überall im Land, Soldaten zu binden, um die Militärführung daran zu hindern, den Stützpunkt Machmur zu verstärken. Truppen sichern Stellungen in der Mitte und im Westen Iraks und verteidigen bereits vom IS zurückeroberte Landstriche gegen neue Angriffe der Terrormiliz. Elitetruppen der Antiterroreinheit sind zum Beispiel in der Nähe von Tikrit und Baidschi sowie in Habanija im Einsatz. Ein Befehlshaber der Truppe in Ramadi, der Hauptstadt der Provinz Anbar, sagt, die örtlichen Sicherheitskräfte seien zu schwach für die Verteidigung des Gebiets.

Man könne nicht einfach ein Gebiet zurückerobern und dann wieder abziehen, erläutert Garver von der internationalen Allianz. „Daesh kommt zurück und erobert wieder das Gebiet, um das monatelang gekämpft wurde.“ Daesh ist der arabische Name für den IS.

Immer wieder verübt die Terrororganisation verheerende Anschläge in Bagdad und anderen größeren Städten. Erst am Sonntag kamen bei der Explosion einer Lastwagenbombe in der Hauptstadt 61 Menschen ums Leben. Dies könnte den Truppenaufbau im Norden des Landes verzögern, glaubt Patrick Martin, Irak-Experte am Institut für Kriegsforschung in Washington. „Wenn es wirklich schlimm wird und sich viele Angriffe wie diese ereignen, wird sich das Kalkül (des Militärs) wahrscheinlich verlagern.“

Um Bagdad zu schützen, planen die Sicherheitskräfte nun den Bau eines Schutzwalls. Gelänge dies, stünden mehr Truppen für die Rückeroberung Mossuls zur Verfügung. Doch gehen US-Experten davon aus, dass dies noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Möglicherweise gebe es noch dieses Jahr „vereinzelte Operationen“ im Umkreis der vom IS gehaltenen Stadt, sagte US-Generalleutnant Vincent Stewart, Chef des Militärgeheimdienstes DIA, im Februar im Kongress. Die Einnahme Mossuls aber sei eine große Operation und „nicht etwas, was ich im nächsten Jahr kommen sehe“.