Wildeshausen - Die Wohnung am Huntetor in Wildeshausen ist karg, aber zweckmäßig eingerichtet. Auf dem Tisch stehen Cappuccino und Kekse. Auf den wackeligen Stühlen sitzen Osama Hejazi, seine Ehefrau Sahar und ihr Bruder Amer Mousa. Der fünfjährige Laith dreht derweil stolz mit dem kleinen Fahrrad seine Runden im Flur, lachend verfolgt von seiner ein Jahr jüngeren Schwester Lana. Eigentlich alles ganz normal.
Normalität
Doch die Normalität hört spätestens auf, als Osama über die wochenlange Flucht aus Syrien berichtet, die am 17. September in Wildeshausen endete. 9000 Euro Ersparnisse gingen drauf für die Reise per Bus, Zug, Schlauchboot und zu Fuß über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland.
Fast emotionslos berichtet Osama von den Schlepperbanden, mit denen er gefeilscht hat, von der anschließenden Odyssee im ersehnten Deutschland über München, Hamburg, Hannover, wo sein Bruder schon seit langem lebt, Braunschweig und Friedland bis nach Wildeshausen. Perfekt hat er funktioniert, der 32-jährige Familienvater, der die Hauptlast dieser Flucht trug. Doch dann kommen sie doch, die so lange zurückgehaltenen Tränen.
„Wir haben den Tod im Boot gesehen“, berichtet er mit leiser Stimme, denkt zurück an den anschließenden 14-tägigen Fußmarsch von Serbien nach Ungarn, die Kinder abwechselnd auf den Schultern und die schwangere Frau an der Hand.
Lange tat er, der ein Bekleidungsgeschäft in der Nähe von Damaskus hatte, sich schwer mit dem Gedanken an Flucht. Doch seit Ausbruch des Krieges im März 2011 habe es keinen schönen Tag mehr gegeben. Stattdessen hagelte es Bomben. Osamas kleine Nichte starb. Irgendwann schwand die Hoffnung, dass es wieder besser wird. „Ich habe keine positiven Gedanken an meine geliebte Heimat mehr“, sagt Osamas Schwager bitter.
Zwei Tage nach der Ankunft in Wildeshausen kam Sahar Hejazi ins Krankenhaus: Totale Erschöpfung, Unterernährung, vorzeitige Wehen. Zu diesem Zeitpunkt trat Krankenschwester Souraya Debbeler in ihr Leben. Wie schon so oft zuvor sollte die gebürtige Libanesin, die 1986 mit ihrer Familie nach Deutschland floh, vom Arabischen ins Deutsche übersetzen. Als sie den Namen Hejazi hörte, klingelte es bei ihr. „Das ist der Mädchenname meiner verstorbenen Mutter, die ebenfalls aus Syrien stammte“, erklärt sie. Sofort war da Sympathie und Respekt für die schwangere Frau, die all die Strapazen so klaglos gemeistert hatte.
Und da war auch die Erinnerung an die eigene Flucht als neunjähriges Mädchen mit dem Flieger von Beirut, dem damaligen „Paris des Orients“, nach Brettorf. „Das war schon eine harte Landung“, erinnert sich die Wildeshauserin.
Um es den Hejazis etwas leichter zu machen, packte sie kräftig mit an. Die Liste war und ist lang: Ganz oben standen Kindergartenplätze und Schuluntersuchung, ein Deutschkursus bei der VHS und Babysachen für den kleinen Jungen, der Anfang Dezember zur Welt kommen soll. „Bei all dem bin ich aber nicht allein, sondern werde von Familie und Freunden, allen voran meiner Schwägerin Sabine Müller und ihrer Freundin Petra Beneke toll unterstützt“, betont die engagierte Krankenschwester.
Alltagssorgen
Nachdem die dringlichsten Alltagssorgen abgearbeitet sind, gilt es nun die Daumen zu drücken, dass die Hejazis eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Erst mal sind die Syrer einfach froh, dem Krieg entronnen zu sein. „Wir möchten eine Zukunft für unsere Kinder im sichersten Land der Welt“, sagt Osama.
Die NWZ wird fortan in lockerer Folge über Familie Hejazi und ihr Ankommen in Deutschland berichten. Beim nächsten Mal, sagt Sahar lächelnd, werde hoffentlich nicht nur das Baby da sein, sondern auch die Verständigung auf Deutsch schon besser klappen. Das für sie wichtigste Wort kennen die Hejazis aber schon: „Dankeschön“.
