Oldenburg - Die Natur erobert sich die Donnerschwee-Kaserne zurück. Grasbüschel, Blumen und kleine Birken wachsen in den Fugen der Betonplatten, über die einst schwere Lastwagen rollten und Soldaten marschierten. Die Bundeswehr gab die Kaserne zusammen mit dem Fliegerhorst im Jahr 2007 auf.

Heinz Backhaus (63) hat von 1971 bis 1977 Jahre seines Lebens in der Kaserne verbracht. 19 Hektar ist das Areal groß, über das Backhaus in Begleitung der NWZ  mit dem Rad eine kleine Rundfahrt unternimmt. Beim Blick auf die Gebäude werden Erinnerungen wach. An Feiern im Unteroffiziersheim oder die Verpflegung aus der Truppenküche, in der es auch, wenn das Verfalldatum ablief, die unter Soldaten berühmt berüchtigten Einmannpackungen (kurz EPa) gab. Das Verpflegungspaket der Bundeswehr reichte aus, einen Soldaten einen Tag lang zu ernähren, falls keine Feldküche oder Kantine erreichbar war. Backhaus hat die Küche des Unteroffiziersheims der EPa vorgezogen, erzählt er schmunzelnd.

Der Mann ist ein gebürtiger Oldenburger, war Zeitsoldat und froh, nach der Grundausbildung wieder nach Oldenburg zurückkehren zu dürfen. Im Luftwaffenversorgungsregiment 6 war er mit seinen Kameraden zuständig für die Belieferung der Luftwaffenstadorte in Nordwestdeutschland mit Treibstoff, Munition und anderen Ausrüstungsgegenständen. Aber auch Papier und Kugelschreiber gehörten zum Sortiment. Gelagert wurden zahlreiche Materialien in Hallen, die in der Donnerschwee-Kaserne jetzt leer stehen oder an Zivilisten zur privaten Nutzung vermietet sind.

Der Bundeswehr hat Backhaus viel zu verdanken, erzählt er, als vor dem Thomasblock Halt gemacht wird. Zum Ende seiner Dienstzeit war der 63-Jährige Spieß, die „Mutter der Kompanie“ sozusagen. Zwischendrin war er Grundausbilder von Soldaten, die zum Beginn ihrer Bundeswehrzeit im Thomasblock untergebracht waren. „Ich weiß nicht, wie oft wir vom Thomasblock zum Hubschrauberlandeplatz marschiert oder gerannt sind“, sagt Backhaus. Mit Hermann Schüller übrigens – der Geschäftsführer der EWE Baskets war damals Truppenoffizier.

Der Umgang mit den jungen Leuten hat in Backhaus den Plan reifen lassen, auch nach der Bundeswehrzeit mit Jugendlichen zu arbeiten. In Vechta studierte er Sozialpädagogik und war von 1987 bis 2010 Stadtjugendpfleger in Oldenburg.

Bei der Rundfahrt über den Fliegerhorst kommen auch unangenehme Erinnerungen hoch. Etwa daran, wie er als Offizier vom Wachdienst bei dichtem Nebel nachts mit entsichertem und vorgehaltenem Gewehr hinter der Werkstatt vor dem Wachhabenden stand, der auf Kontrollgang war. Backhaus: „Dem Mann fiel die Parole nicht gleich ein, eine höchst brenzlige Situation.“

In der Turnhalle, in der einst Soldaten Sport trieben, sind heute Skater aus der OTB-Rollsportabteilung unterwegs, neben dem ehemaligen Offiziersheim an der Kranbergstraße hat der Verein Jugendkulturarbeit eine Bleibe gefunden. Das Offiziersheim selbst wird für Tagungen und Weiterbildungen genutzt. Zu dem Heim gehören ein Tennisplatz und eine große Wiese sowie eine wunderschön gelegene Terrasse.

Auch an das Kino, das den Soldaten zur Unterhaltung am Abend diente, kann Backhaus sich erinnern. Oder an den ABC-Schutzraum, in dem die Funktion der Gasmasken überprüft wurde. „Wir mussten die Masken aufsetzen, Reizgas strömte ein, und wenn die Augen tränten wusste man, dass die Maske undicht war“, lacht Backhaus.

Aus dem Feuerwehrlöschteich hinter dem Thomasblock hat sich im Lauf der Jahre ein Biotop entwickelt, auf dem Enten schwimmen. Der ehemalige Sanitätsbereich, in dem ein Zahnarzt für die Soldaten am Standort Oldenburg für die Versorgung von 12 000 Männern zuständig war, wächst immer mehr zu. Büsche versperren die Sicht durch die Fenster ins Innere.

Die Stunden des Idylls in Donnerschwee sind gezählt. Bald werden die ersten Bagger anrollen und die ehemalige Kaserne in ein Wohnquartier verwandeln.

Zumindest die denkmalgeschützten Gebäude werden die Erinnerungen weiter wachhalten. Etwa daran, wie vor vielen Jahren ein Soldat nach einer Feier mit einer Eisensäge die Pfosten seines Bettes absägen wollte. Backhaus lachend: „Der Mann glaubte, dass sein Bett mit ihm davonlaufen will.“

Thomas Husmann
Thomas Husmann Redaktion Oldenburg