Washington - Es war eine der spektakulärsten US-Geheimaktionen der vergangenen Jahrzehnte – und doch waren sich die Nachrichtendienste ihrer Sache alles andere als sicher. In den Monaten vor der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden äußerte der Geheimdienstanalyst Robert Cardillo intern immer wieder Zweifel, ob der Topterrorist sich wirklich in dem anvisierten Anwesen in Pakistan aufhielt. Schließlich rückte das Spezialkommando gegen Bin Laden trotzdem aus – trotz der Bedenken.
Dies ist nicht der einzige Fall, in dem zuletzt Unstimmigkeiten bei den US-Geheimdiensten öffentlich wurden. 16 verschiedene Geheimdienste leisten sich die USA. Doch fehlen ihnen oft die letzten Gewissheiten. Führende Geheimdienstverantwortliche interpretieren diese Meinungsverschiedenheiten allerdings als Fortschritt.
So spricht der Nationale Geheimdienstdirektor James Clapper von „gesundem Streit“. „Was ist schlecht am Dissens?“, fragt er. Zwar sehnten sich die Menschen nach Hellseherei. Aber: „Das werden wir nicht tun.“ Informationen seien nie perfekt. Für die neue Linie gibt es nach Darstellung von Experten nur einen Grund: die desaströse Fehlinformation der Geheimdienste, dass der irakische Diktator Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt. Damit sich eine ähnliche Blamage nie wiederholt, ermuntern sich die Geheimdienstexperten jetzt gegenseitig zur offenen Debatte. Danach kann es eine Mehrheits- und eine Minderheitsmeinung geben. Damit, so sehen es die Geheimdienste selbst, wird der Trend zur Einheitsmeinung in Gruppen durchbrochen.
