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NWZonline.de Nachrichten Politik

Forschung: Algen sorgen für knallig blaue Gummibärchen

27.10.2020

Neustadt-Glewe Große Schaufelräder drehen sich langsam in 100 Meter langen Wasserbecken und halten eine tiefgrüne Brühe in steter, sanfter Bewegung. Das Wasser ist leicht salzig, 25 Grad warm – was für ein tropisches Klima in der Halle sorgt – und riecht entgegen den Erwartungen nach nichts. Sechs dieser Becken stehen in dem ehemaligen Gärtnerei-Großgewächshaus im mecklenburgischen Neustadt-Glewe. Die Dr. Eberhard Bioenergie GmbH & Co. KG versucht dort den Schritt von der Pilot- zur industriellen Produktion von Algen für Lebensmittel. Kleinere Becken stehen in einer zweiten Halle; dort haben Biologe Jörg Ullmann und seine Kollegen zuvor Erfahrungen gesammelt.

Die Hoffnung

Wissenschaftler sehen in proteinreichen Algen einen möglichen Pfeiler der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung. „Um die Welt im Jahr 2100 zu ernähren, müssen die globale Landwirtschaft, die Nahrungskette sowie das Verhalten aller Verbraucher grundlegend geändert werden“, sagt Anja Kuenz vom Thünen-Institut für Agrartechnologie in Braunschweig.

Grundlegende Ressourcen wie Phosphor, Wasser und fossile Brennstoffe, die eine intensivere Landwirtschaft und die Nutzung unfruchtbarer Flächen ermöglichen, würden immer knapper und teurer. Neue Konzepte für die Lebensmittel- und Futterproduktion, die Nährstoffe etwa aus Abwässern recycelt, müssten entwickelt werden. „Die integrierte Nutzung von Mikroalgen könnte eine Chance für die globale Landwirtschaft sein.“

Die Voraussetzungen

Viel brauchen Algen nicht zum Wachsen, das zeigen sie seit Jahrmillionen in den Ozeanen: Licht, Kohlendioxid und Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor. Doch Kuenz weiß: „Die Herausforderung wird darin bestehen, die passende Alge am richtigen Ort und in einer perfekten aber einfachen Kombination aus Abwasserbehandlung, CO2-Biomitigation und Nährstoffrecycling zu kultivieren.“

Die Wettbewerber

Neustadt-Glewe zählt zu den größten Algenproduzenten in Europa, das in dem Bereich im Vergleich zu Asien aber noch in den Kinderschuhen steckt, wie Ullmann sagt. Der Biologe hat zunächst in Klötze in Sachsen-Anhalt eine erste Algenzucht aufgebaut. In 500 Kilometer langen Glasröhren, die rund 600 000 Liter Wasser fassen, wachsen dort Chlorella-Algen. Der Experte betreut nun auch die davon unabhängige Produktion in Neustadt-Glewe.

Die Abnehmer

„In Asien ist die Tradition, Algen als Lebensmittel zu nutzen, schon alt“, sagt Ullmann. Um auch die Deutschen auf den Geschmack zu bringen, hat der Biologe ein Algen-Kochbuch geschrieben und arbeitet mit Herstellern zusammen, um zum Beispiel mit Algenextrakt gefärbte Nudeln auf den Markt zu bringen. Gummibärchen-Hersteller nutzen bereits das tiefe Blau der Spirulina-Alge.

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