• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik

„Nicht nur antiisraelisch, sondern auch antisemitisch“

22.10.2016

Oldenburg /Göttingen Der Oldenburger Pädagoge und Autor Christoph Glanz wird wegen seiner öffentlichen Israel-Kritik Antisemitismus vorgeworfen. Doch ist jede Kritik am israelischen Staat gleich Antisemitismus? NWZ-Redakteur Dr. Alexander Will hat den Göttinger Antisemitismus-Forscher Samuel Salzborn zu diesem Thema befragt.

Frage: Haben wir in Deutschland 70 Jahre nach dem Nationalsozialismus noch ein Antisemitismus-Problem?

Samuel Salzborn (39) aus Hannover gilt als einer der renommiertesten Antisemitismusforscher. Er ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften in Göttingen. Zu seinen Publikationen zählt „Kampf der Idee. Die Geschichte politischer Theorien im Kontext“ und „Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie“.

Samuel Salzborn: Ja, das haben wir. Wenn man Antisemitismus versteht wie die Nationalsozialisten, also als etwas, das rassistisch begründet wurde und in die Vernichtung, die Shoa, geführt hat, dann sind das sicher nur noch relativ wenige Personen, die ähnliche Vorstellungen noch heute vertreten. Das betrifft das neonazistische, rechtsextreme Spektrum. Aber Antisemitismus hat sich schon vor dem Nationalsozialismus auch anders artikuliert, und vor allem danach tut er das. In der Antisemitismus-Forschung spricht man dann zum Beispiel vom „Schuldabwehr-Antisemitismus“, der die Verantwortung der Deutschen für die Vernichtung der Juden abwehrt. In einer weiteren Variante wird Antisemitismus über einen Umweg kommuniziert. Man hat noch immer das gleiche antisemitische Ressentiment, äußert es aber in einer nicht öffentlich diskreditierten Form. Das ist dann zum Beispiel die Variante des gegen Israel gerichteten Antisemitismus.

Frage: Letzteres ist ja ein schmaler Grat. Wo sehen Sie die Grenze zwischen legitimer Kritik an politischem Handeln in Israel und Antisemitismus?

Salzborn: Aus meiner Sicht ist das weder ein schmaler Grat noch sonderlich schwierig zu differenzieren. Kritik zeichnet sich dadurch aus, dass sie rational nachprüfbar ist. Sie ist auch bereit, die eigene Meinung zu revidieren, wenn sie mit Fakten oder besseren Argumenten konfrontiert wird. Antisemitismus ist das nicht. Antisemitismus ist wirklichkeitsresistent. Insofern ist die Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Kritik an Israel eine sehr einfache. Nur wird von vielen, die antisemitisch motiviert gegen Israel zu Felde ziehen, immer wieder gern behauptet, man könne Israel nicht kritisieren. Das Gegenteil ist der Fall, das haben auch zahlreiche Studien gezeigt. Mit der Behauptung, man könne Israel nicht kritisieren, weil man dann als Antisemit bezeichnet wird, schießt man sich zudem selbst ins Knie, weil es in aller Regel Antisemiten sind, die das behaupten. Und die wollen eben von vornherein ihre Ressentiments gegen Kritik imprägnieren.

Frage: Jetzt kommt ein zweiter Begriff ins Spiel – Antizionismus. Ist das ein Synonym für Antisemitismus? Wie ist das einzuordnen?

Salzborn: Man muss verstehen, dass da Etiketten bemüht werden, wenn man behauptet, man sei ja gar nicht antisemitisch, sondern „nur“ antizionistisch. Das ist eine Tarnstrategie, um der Klassifizierung als antisemitisch zu entgehen, die ja nach wie vor in der öffentlichen Auseinandersetzung mit vollem Recht eine Stigmatisierung der Position bedeutet.

Lesen Sie auch: Der umstrittene Bericht von Christoph Glanz im Original

Frage: Nun würden Antizionisten möglicherweise sagen, wir haben ja nichts gegen Juden, wir haben nur etwas gegen den Staat Israel.

Salzborn: Das ist zunächst häufig nicht zutreffend. Da werden oft die Taten einzelner Jüdinnen und Juden auf das Kollektiv hochgerechnet. Zudem kann man das eine nicht vom anderen trennen. Der Staat Israel ist auch als Folge und Reaktion auf den Nationalsozialismus als Schutzraum für Jüdinnen und Juden entstanden. Er ist nun mal im Zweifelsfall der einzige Ort, an dem sie Schutz vor Verfolgung finden. Wenn man diesen Schutzraum angreift und dann behauptet, man hätte nichts gegen Juden, dann ist das verlogen.

Frage: Nun setzt sich die internationale politische Kampagne Boykott, Desinvestment und Sanktionen (BDS) vorgeblich für die Rechte der Palästinenser ein. Kritiker sagen, BDS habe antisemitische Züge. Wie schätzen Sie das ein?

Salzborn: Es ist zunächst eine internationale palästinensische Interessenkampagne. Der schließen sich viele Menschen auf der Welt an, die sicher in unterschiedlichem Umfang über den Charakter von BDS informiert sind. Möglicherweise sind da auch einige dabei, denen tatsächlich die Menschenrechte am Herzen liegen. Der Kern der Kampagne ist jedoch eindeutig und zweifelsfrei einer, der auf die Delegitimierung Israels zielt, der das Existenzrecht Israels de facto in Frage zu stellt. Außerdem: Eine Boykott-Kampagne gegen einen demokratischen Staat richtet sich immer zuerst gegen die einzelnen, davon betroffenen Menschen. Der Einzelne in Israel wird also nicht dafür verantwortlich gemacht, was er tut, sondern dafür, was er aus Sicht der BDS-Kampagne ist. Das alles zusammengenommen, ist es eindeutig, dass man bei der BDS-Kampagne nicht nur von einer antiisraelischen Kampagne sprechen kann, sondern wegen der Delegitimierung und der Ethnisierung auch von einer antisemitischen.

Frage: Findet man da auch ältere Elemente des „klassischen Antisemitismus“?

Salzborn: Es kommen unterschiedliche Dimensionen zusammen. Die Kampagne ist ja ursprünglich eine palästinensische. Sie weist zunächst bestimmte Elemente aus dem europäischen Kontext des Antisemitismus nicht auf. Aber seit es gelungen ist, in Teilen der westlichen Welt Anhänger zu gewinnen, vermischen sich viele Motive. Wenn man also sieht, dass die BDS-Kampagne öffentlich mit Schildern vor Geschäften auftritt, bei denen man sich nicht nur an NS-Parolen erinnert fühlt, sondern bei denen die Parolen auch wortidentisch sind, dann sieht man, was sich da mischt. Ein großes Problem besteht darin, dass eine solche Kampagne auch in Deutschland Fuß fassen kann, weil die eigene Vergangenheit offenbar noch zu wenig aufgearbeitet ist.

Frage: BDS-Aktivisten zeigen oft ein quasi religiöses Sendungsbewusstsein. Woran liegt das?

Salzborn: Das müsste man in den einzelnen Biografien der Personen nachsehen. Mein persönlicher Verdacht: Wir haben es bei denen, die sich sehr stark antiisraelisch und auch antisemitisch äußern mit Personen zu tun, in deren Familienbiografien ganz oft nicht aufgearbeitete NS-Vergangenheit ruht. Das heißt, dass man hier zur Entlastung – vielleicht sogar der eigenen Familiengeschichte, aber mindestens der eigenen Vergangenheit im nationalen Kontext – sich eine Form des Umweges sucht. Bei der versucht man, die Kinder und Enkel der Opfer in Regress zu nehmen, um die eigene Vergangenheit zu entlasten. Das hat bisweilen nicht nur verbal-aggressive Züge, sondern auch religiös-missionarische. Dabei geht es eben um das Bemühen, die Last der Vergangenheit, die auf den eigenen, persönlichen Schultern ruht, los zu werden. Da das aber auf diesem Umweg nicht geht und man sich trotzdem mit der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen müsste, wird das ganze immer wütender, immer aggressiver und immer hassgeladener und deswegen oft eben auch so missionarisch im Sinne einer Erlösungshoffnung, die aber letztlich nicht eintreten kann.

Frage: In der BDS-Bewegung sind verschiedentlich auch Juden aktiv. Können Juden Antisemiten sein?

Salzborn: Es ist durchaus ein Fehler zu denken, dass eine Weltanschauung auch immer mit einer bestimmten religiösen oder kulturellen Zugehörigkeit zusammenhängt. Letzten Endes geht es bei Antisemitismus um eine Weltanschauung. Jeder Mensch kann letztlich jede Weltanschauung vertreten – unabhängig von der eigenen persönlichen, religiösen oder kulturellen Orientierung. Deshalb sollte man den Denkfehler nicht begehen, dass eine bestimmte religiös-kulturelle Zugehörigkeit vor bestimmten Weltbildern schützt. Gleichwohl ist es die absolute Ausnahmeerscheinung, weil natürlich die allermeisten Jüdinnen und Juden aus der eigenen Familiengeschichte wissen, dass der Antisemitismus nicht nur eine Weltanschauung, sondern eine Vernichtungsandrohung und eine Vernichtungspraxis ist. Es kommt sehr selten vor, und die Frage ist auch, wie bedeutsam dann tatsächlich diese jüdische Identität in den Familiengeschichten und bei den Personen ist. Das Verhältnis zwischen einer jüdischen Selbstlokalisierung und einer Instrumentalisierung ist da sicher vielfach fließend.

Frage: Warum hat der Antisemitismus ein so verdammt langes Leben?

Salzborn: Wenn man sich mit Antisemitismus auseinandersetzt, ist es immer die Frage, auf welcher Ebene das passiert. Wir können in der Geschichte der Bundesrepublik trotz vieler schwerfälliger Entwicklungen sehen, dass es auf der offiziellen Ebene ein Bemühen gibt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aber das klafft im Vergleich dazu mit Blick auf die Familiengeschichten eklatant auseinander. Gerade bei den Generationen, die in den 70er und 80er Jahren stärkeren Einfluss von den Großeltern hatten, gibt es eine große Diskrepanz zwischen öffentlicher Auseinandersetzung und wissenschaftlicher Forschung sowie der Frage der Auseinandersetzung innerhalb der Familien, der selbstkritischen Aufarbeitung, was eigene Großeltern oder Urgroßeltern möglicherweise an Täterbiographien haben. In manchen Fällen muss das gar nicht zu einer wirklich entsetzlichen Erkenntnis führen, in anderen schon. Das sind natürlich dann Situationen, in denen viel zusammenkommt und in denen Antisemitismus wieder aufleben kann: einerseits weil die Aufarbeitung fehlt, andererseits weil die Stereotype fortleben und schließlich auch aus der Angst heraus, was einem da blühen könnte, wenn man in den dunklen Keller der eigenen Familiengeschichte blicken würde.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Mitglied der Chefredaktion (Überregionales)
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2092
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.