Corona hat Spuren in der Kultur hinterlassen. Kulturminister Falko Mohrs (SPD) erklärt, wie das Land nun hilft.
Herr Minister, wenn Sie in einem Theaterstück mitspielen könnten, welche Rolle würde Ihnen gefallen?
MohrsIch hatte während meiner Schulzeit im 12. Jahrgang im Stück „Einer flog übers Kuckucksnest“ die Rolle des Draufgängers McMurphy gespielt.
Ich hatte eher an „Nathan, der Weise“ gedacht, weil Sie in Ihrer Rolle zwischen den Wünschen der Kulturschaffenden und dem Machbaren ausgleichen müssen.
MohrsVielleicht geht es dann doch eher um Herrn Taschenbier mit einem Sams.
Falko Mohrs (38, SPD) ist seit dem 8. November 2022 niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur. Zuvor war der Diplom-Kaufmann aus Wolfsburg von 2017 bis 2022 Mitglied des Bundestags. Mohrs war unter anderem in der VW-Konzernlogistik tätig. 2009 bis 2010 war er Jugenddelegierter bei der UN-Vollversammlung.
Bald steht die Haushaltsklausur der Landesregierung an. Müssen sich die Wissenschafts- und Kultureinrichtungen im Land Sorgen machen?
MohrsDie Steuerschätzung ist weniger optimistisch ausgefallen, aber ich führe gute Gespräche mit dem Finanzminister. Natürlich werden wir nicht alle Bedarfe befriedigen können, aber die Richtung muss stimmen. Wir haben im Koalitionsvertrag vereinbart, mehr für Kultur und Wissenschaft zu tun.
Das Land stockt die Bundeshilfe bei den Energiekosten von Theater und Kultureinrichtungen auf 100 Prozent auf. Gehen Sie ebenso konsequent die Sanierung der maroden Uni-Gebäude und Kulturhäuser an?
MohrsGemäß Koalitionsvertrag ist vorgesehen, dass das Land Niedersachsen bis 2040 klimaneutral ist. Die Landesverwaltung – inklusive Hochschulen und Kulturbauten – soll bereits 2035 klimaneutral sein. Daher werden wir die Gebäude konsequent energetisch sanieren. Dabei soll uns die künftige Landesliegenschafts-Gesellschaft nach vorne bringen – vor allem bei den Hochschulen. Das bereits bestehende Investitionsprogramm für die kleinen Kultureinrichtungen wird um 3 Millionen Euro aufgestockt, um energetische Maßnahmen durchführen zu können.
Das Geld dürfte kaum ausreichen...
MohrsKleinere Maßnahmen wie eine moderne Beleuchtung oder die Reparatur undichter Fenster helfen oft auch in der Energiebilanz.
Das Gesamtprogramm liegt bei 27 Mio. Euro. Ist das Geld schon ausgezahlt worden?
MohrsVon den 27 Mio. Euro sind bereits 5 Mio. im Bereich der Erwachsenenbildung im Februar ausgezahlt worden. Für die kommende Woche ist die Auszahlung an Landeseinrichtungen wie Staatstheater, Landesmuseen und Landesbibliotheken in Höhe von rund 4,3 Mio. Euro vorgesehen. Hierzu parallel laufen die Vorbereitungen für die Auszahlungen weiterer 5 Mio. Euro an von uns institutionell geförderte Einrichtungen und sieben Theater und Orchester in kommunaler Trägerschaft. Zum Teil ist dies bereits erfolgt, zum Teil für die kommenden Tage vorgesehen. Insgesamt werden zeitnah rund 9,3 Mio. Euro an kulturelle Einrichtungen in Niedersachsen ausgezahlt. Die höheren Energiekosten können pauschal und kurzfristig geltend gemacht werden. Die Staatstheater beispielsweise kennen ja ihren Verbrauch und den Kostenanstieg. Eine institutionelle Förderung gibt es auch für Einrichtungen wie beispielsweise das Freilichtmuseum Cloppenburg oder die Kunsthalle Emden. Ab dem 6. Juni können zudem Anträge gestellt werden für Mittel zur Co-Finanzierung des Bundesprogramms.
Sie haben ein weiteres Programm im Volumen von 50 Mio. Euro angekündigt. Worum geht es dabei?
MohrsWir wollen Konzert- oder Festival-Veranstalter helfen, die bestimmte Risiken eingehen. Die Einnahmen von bis zu 4000 verkauften Tickets können quasi „verdoppelt“ werden. Ziel soll es vor allem sein, Veranstaltungen in der Fläche sicherzustellen. Gern hätten wir das Programm eher gestartet, aber wir mussten zunächst das Bundesprogramm und die Bereitstellung einer Internet-Plattform für die Antragstellung abwarten. Die Hilfen können rückwirkend zum 1. Januar beantragt werden.
Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage wünschen sich Theaterbesucher eine soziale Preisgestaltung sowie mehr Stücke für Kinder und Jugendliche. Was sagen Sie?
MohrsNach der Corona-Pandemie sind die Abo-Zahlen deutlich zurückgegangen – auch beim Staatstheater Oldenburg. Allerdings kommen neue Gruppen und alle Häuser weiten ihre Angebote für das jüngere Publikum deutlich aus. Die Spanne reicht vom „Jungen Theater“ über Formate wie „Kinder im Orchester“ bis hin zu Aufführungen in Schulen. Alle Einrichtungen machen sich auf den Weg, das jüngere Publikum abzuholen. Übrigens gilt das Gleiche in puncto Diversität – also Menschen mit anderen Sprachen, anderem kulturellen Hintergrund oder gar mit einer Beeinträchtigung anzusprechen. Die Theater waren schon immer Vorreiter von gesellschaftlicher Veränderung.
Ein anderes Thema: Die Zahl der Studierenden in Niedersachsen sinkt. Ist unsere Hochschullandschaft nicht mehr attraktiv genug?
MohrsStudierende aus Ländern wie China kommen nach der Corona-Krise nicht mehr; davon ist beispielsweise die TU Clausthal betroffen. Manche Rückgänge sind aber schwer erklärbar. Darum wollen wir den Hochschulen mehr Autonomie geben, damit sie flexibler reagieren können. Mit zusätzlichen 576 Mio. Euro aus Mitteln der Volkswagen Stiftung werden wir Forschung und Lehre deutlich attraktiver machen. Allein 150 Mio. Euro aus dem Programm investieren wir in die Digitalität der Hochschulen. Das ist bundesweit einmalig und darüber sollten wir sehr selbstbewusst sprechen.
Gilt das auch für die Spitzenforschung?
MohrsJa, von aktuell bundesweit 57 Exzellenzclustern werden sechs in Niedersachsen gefördert. Für die neue Förderperiode gibt es deutlich mehr Bewerbungen von niedersächsischen Hochschulen. Wir sind sehr optimistisch, mehr Cluster zu bekommen. Unser Ziel bleibt, eine Exzellenz-Universität für Niedersachsen.
An der European Medical School (EMS) in Oldenburg gibt es derzeit 120 Studienanfänger pro Wintersemester. Eigentlich sollen es 200 werden. Wann steht dafür die Finanzierung?
MohrsDie Landesregierung steht dazu, dass es künftig 200 Medizinstudienplätze pro Jahrgang geben soll. Wir sprechen auch darüber, ob noch mehr möglich sind. Zunächst einmal müssen die Neubauten für die EMS und der entsprechende Mehraufwand der Kliniken finanziell abgesichert werden. Das wird eine Kraftanstrengung, die wir aber meistern wollen.
