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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

204 Brennstäbe strahlen im Becken

07.07.2016

Kleinensiel /Oldenburg Das Becken ist tief, die Flüssigkeit darin glasklar, nichts bewegt sich an der Oberfläche. Auf dem Grund sieht man ein Gestell, manchmal schimmert dort etwas im fahlen Licht der Kuppel. „Das sind die Kernbrennstäbe“, sagt Dominic Ransby so nüchtern, als ob er den normalsten Arbeitsplatz der Welt hätte. Oranger Overall, oranger Helm.

Im Abklingbecken des Kernkraftwerks Unterweser (KKU) in Kleinensiel (Kreis Wesermarsch) warten noch 204 Brennstäbe auf ihren Transport, umgeben von Bor-Säure, streng überwacht von Menschen und Maschinen. Der Reaktorkern direkt daneben, mit einem Betondeckel abgedeckt, hat schon längst Feierabend.

Angst in der Region

Dominic Ransby arbeitet seit 1992 hier, die meiste Zeit als Schichtleiter. Heute kümmert sich der Ingenieur um Rückbauplanung und Restbetrieb. Der veraltete Druckwasserreaktor wurde nach der Katastrophe von Fukushima 2011 umgehend abgeschaltet. So ungefähr im Jahr 2032 soll er abgerissen werden.

Der geplante Rückbau des Kernkraftwerks sorgt in der Region für Aufregung und Unsicherheit. Mehr als 1000 Einwendungen von Bürgern wurden Anfang dieses Jahres in Rodenkirchen diskutiert. Wie lange bleiben die Zwischenlager bestehen? Sind sie gegen einen Flugzeugabsturz oder Hochwasser geschützt? Wird kontaminiertes Material auf Deponien entsorgt?

KKU-Betreiber Preußen Elektra, bis vor einigen Tagen noch als Eon Kernkraft bekannt, will die Gemüter mit einer Informationsoffensive beruhigen. Am Mittwoch wurden Journalisten zur Besichtigung eingeladen. Im Herbst dürfen sich Anwohner die Freimessanlage anschauen, die gerade in einem ehemaligen Lager installiert wird. Alles sicher, alles im Griff, lautet die Botschaft. „Die Anlage ist zwar abgeschaltet, aber die Sicherheitsanforderungen sind identisch wie im Leistungsbetrieb“, betont Unternehmens-Sprecherin Almut Zyweck. „Wir prüfen uns zu Tode“, meint Dominic Ransby.

„Der Betrieb ist gefährlicher als der Rückbau“, sagte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) bei der Anhörung in Rodenkirchen. Gleichwohl gehe es immer noch, um „gefährliche radioaktive Stoffe“, fügte er hinzu. Zyweck betont, dass die Strahlenbelastung für Menschen durch die Umwelt viel größer sei als durch ein Kernkraftwerk – etwa in den Bergen. „Wir halten uns an die gesetzlichen Werte und unterschreiten sie.“

Langsam, aber lautstark setzt sich der riesige Kran unter der 56 Meter hohen Kuppel des Reaktorgebäudes in Bewegung. Ein Monstrum in orange, das 180 Tonnen heben kann. Am Haken hängen diesmal nur ein paar Absperrgitter.

Spätestens Anfang 2017 wird der Kran wieder stark belastet, wenn der nächste Castor-Transport ins benachbarte Zwischenlager ansteht. Ein Castor-Behälter, gefüllt mit 19 Brennstäben, wiegt ungefähr 125 Tonnen.

Geringe Strahlung

„Der Castor kommt liegend durch die Material-Schleuse“, erklärt Ransby und zeigt auf ein großes, weißes Tor. Dann wird er aufgerichtet, erster Deckel runter, per Kran ins 13,74 Meter tiefe Abklingbecken befördert, zweiter Deckel runter, mit Brennstäben beladen, Deckel wieder drauf. Absaugen, trocknen, Helium rein, später Stickstoff. „Die Castor-Beladung dauert eine Woche“, sagt Ransby. Und die Strahlung? „Sehr gering. Kein Problem.“

Im Zwischenlager für hoch radioaktiven Müll in Kleinensiel strahlen derzeit 27 beladene Castoren vor sich hin, 40 sollen es bis 2020 sein, wenn das Abklingbecken geleert ist. Sie werden vermutlich noch Jahrzehnte in der Wesermarsch stehen, die Endlagersuche hat erst begonnen.

Bedenken gibt es auch bei den Zwischenlagern für schwach- und mittelradioaktive Abfälle auf dem Betriebsgelände. Das zweite ist in Planung, aber noch nicht genehmigt. Bleiben sie auf Dauer?

Susanne Engstler, stellvertretende Leiterin des Kraftwerks, betont, dass die radioaktiven Abfälle für die Endlagerung in Schacht Konrad in Salzgitter vorbereitet werden. Insgesamt rund 3400 Tonnen.

Dominic Ransby erzählt, dass er nur zehn Minuten von der Eingangstür zu seinem Arbeitsplatz benötigt. Für den Besucher dauert es eine gefühlte Ewigkeit. Sicherheitsbereiche, Kontrolltüren, Strahlungsmessungen: „Keine Kontamination“, sagt die mechanische Frauenstimme immer wieder.

In der „heißen Werkstatt“ wartet Norbert Thümler, zuständig für Strahlenschutz. Der letzte Raum vor der Schleuse zum Reaktorgebäude ist Hygiene-Bereich, wird täglich dekontaminiert. „Hier kann man vom Boden essen, wenn man essen dürfte“, scherzt Thümler. Außer arbeiten darf man hier nichts.

Susanne Engstler legt den Fahrplan für den Rückbau des KKU vor. Preußen Elektra rechnet mit der Genehmigung durch das Umweltministerium Ende 2016. Für den Rückbau sind zehn bis 15 Jahre veranschlagt. Für den Abriss des Reaktorgebäudes gut zwei Jahre. Die Kosten werden auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt.

Im gesamten „Kontrollbereich“ müssen rund 193 000 Tonnen Material entsorgt werden. Laut Engstler sind davon etwa 176 900 Tonnen Gebäudemassen, die nach der Strahlenschutzverordnung uneingeschränkt freigegeben werden. Weitere etwa 12 700 Tonnen könnten zweckgerichtet für Deponierung, Verbrennung oder Recycling freigegeben werden.

Eon hat bereits einen Atommeiler „freigemessen“, wie es im Kraftwerksdeutsch heißt, 2014 im nordrhein-westfälischen Würgassen: 17 Rückbaujahre, 14 Millionen Arbeitsstunden, 1,2 Milliarden Euro Kosten. „Rückbau können wir“, verkündete der Energiekonzern damals.

Wiederanfahren möglich

In Kleinensiel dürfte es bald losgehen. Die Kühlkreisläufe im Reaktorkern sind bereits entleert. „Wir sind aber bereit zum Wiederanfahren“, sagt Engstler. So lange, wie noch nicht über eine Verfassungsbeschwerde der Energiekonzerne gegen den Atomausstieg entschieden ist.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich im KKU schon so manches verändert. Die Kantine ist fast leer, ein Parkplatz wird nicht mehr benötigt, weil die Belegschaft von 350 auf 200 Mitarbeiter geschrumpft ist, weil es keine Revision mehr gibt, zu der 1000 Techniker anrücken. Die Turbinen stehen still. Man bezieht Strom, statt zu liefern.

„Im Reaktorbereich war es früher laut und heiß“, erzählt Dominic Ransby. Besonders im Sommer, wenn das Wasser der Weser warm war, wenn die Kühlmittelpumpen auf Hochtouren liefen. Heute ist es nur noch warm, man hört die Lüftung leise surren.

Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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