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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Anwältin: „Angeklagter genießt Prozess“

08.12.2014
Oldenburg  – 
Frage: Frau Lübben, das Landgericht Oldenburg hat im Mordprozess gegen den Ex-Krankenpfleger Niels H. eine Zwischenbilanz gezogen. Wie schätzen Sie das ein?
Lübben: Der Vorsitzende Richter Bührmann hat ja nicht eindeutig gesagt, dass er ihn bislang für überführt hält. Aber aus seinen Worten habe ich schon verstanden, dass die Richtung dahin geht, dass Niels H. in allen Anklagepunkten verurteilt wird. Im Fall des verstorbenen Patienten Hans S. vielleicht nicht wegen vollendeten Mordes, sondern wegen versuchten Mordes. Das wäre dann zweimal Mord und dreimal versuchter Mord. Und der Richter hat für mich bestätigt, dass die besondere Schwere der Schuld festgestellt wird. Was bedeutet, dass nicht nach 15 Jahren überprüft wird, ob Niels H. wieder aus dem Gefängnis rauskommen kann, sondern vielleicht erst nach 20 Jahren.
Frage: Würde ein Geständnis von Niels H. den Prozess abkürzen und den Angehörigen helfen?
Lübben: Es würde den Angehörigen helfen. Nicht nur den Angehörigen in diesem Prozess, sondern allen Menschen, die von dem laufenden Ermittlungsverfahren betroffen sind. Ein Geständnis würde Sicherheit und Beruhigung schaffen. Ein voll umfängliches Geständnis könnte allerdings dazu führen, dass dann die Möglichkeit für den Angeklagten besteht, früher aus dem Gefängnis herauszukommen.

Verteidigerin aus Delmenhorst

Gaby Lübben vertritt im Prozess zu den Klinik-Opfern in Delmenhorst und Oldenburg die Nebenkläger. Die 37-jährige ist Diplom-Juristin und gründete Ende 2004 in Delmenhorst die Kanzlei Lübben.

Frage: Bislang schweigt der Angeklagte. Rechnen Sie denn noch mit einem Geständnis?
Lübben: Ich kann es nur vermuten. Aber da der Mann einen gesteigerten Geltungstrieb hat, gehe ich davon aus, dass er kein Geständnis ablegen wird, zumindest nicht zeitnah. Er genießt den Prozess, er ist im Mittelpunkt, er steht in der Presse. Ich denke, dass das ihn leiten wird.
Frage: Für Sie steht aber fest, dass Niels H. der Täter ist?
Lübben: Ja. Und nicht nur in den jetzt angeklagten fünf Fällen. Wir gehen davon aus, dass auch die bis zu 186 weiteren Fälle in den Kliniken Delmenhorst und Oldenburg höchstwahrscheinlich von ihm verursacht wurden.
Frage: Welche Dimension hat der Fall inzwischen?
Lübben: Das ist eine ganz große Dimension. Weil ganz viele Familien betroffen sind, die sich zu Hause Gedanken machen: War unser Angehöriger auch ein Opfer? Es rufen ganz viele Menschen an, die im Ungewissen sind.
Frage: Streben Sie einen Zivilprozess und Schadenersatzforderungen gegen die betroffenen Kliniken an?
Lübben: Wir versuchen, uns mit den Krankenhäusern bei den nachgewiesenen Fällen außergerichtlich zu einigen. Wir gehen davon aus, dass das Klinikum Oldenburg mit uns nicht nur über die bisher bekannten zwölf Fälle reden wird. Das Klinikum Delmenhorst ist allerdings derzeit nicht gesprächsbereit. Dort wird immer noch das Motto gelebt: Kopf in den Sand stecken, statt aktiv das Problem anzugehen. Wenn wir keine Einigung erzielen können, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach einen Gerichtsprozess geben.
Frage: Was werfen Sie den Kliniken vor?
Lübben: Dem Klinikum Oldenburg werfen wir vor, dass trotz der damals schon bekannten Probleme mit überhöhten Kaliumwerten bei verstorbenen Patienten nichts unternommen wurde. Man hat Niels H. einmal versetzt. Als er weiterhin auffällig war, hat man gesagt: Wir müssen das Problem loswerden – und Niels H. ein gutes Zeugnis ausgestellt. Ansonsten hätte er gar nicht in Delmenhorst anfangen können. Diese Verantwortung für die Morde in Delmenhorst muss Oldenburg übernehmen. Im Klinikum Delmenhorst hat man zwischen Ende 2002 und Mitte 2005 zweieinhalb Jahre lang geschlafen. Die haben ganz viele Anzeichen nicht wahrnehmen wollen. Es gab aktive Hinweise auf die Mehrbestellungen des Herzmittels Gilurytmal. Man hat sogar die Bestellung vereinfacht. Selbst jetzt behauptet das Klinikum noch, dass man von der Gefährlichkeit dieses Medikaments nichts gewusst habe, und dass die Sterberate angestiegen sei, weil eine neue Station eröffnet wurde.
Frage: Sie haben der Staatsanwaltschaft eine neunjährige Ermittlungsblockade vorgeworfen. Was halten sie von den eingeleiteten internen Ermittlungen gegen zwei Staatsanwälte wegen Strafvereitelung im Amt und Rechtsbeugung?
Lübben: Das Ermittlungsverfahren, das jetzt geführt wird, ist ein reiner Showprozess, um die Bevölkerung zu beruhigen. Denn wenn lediglich die beiden ersten Staatsanwälte, die an dem Fall beteiligt waren, als Beschuldigte gelten, sind die Taten höchstwahrscheinlich verjährt. Die Nebenklage fordert, dass sämtliche Staatsanwälte, die mit diesem Fall betraut waren und sind, in die Ermittlungen einbezogen werden. Da fehlen also mindestens noch zwei. Nur so kann das Vertrauen in die Staatsanwaltschaft wieder hergestellt werden.
Frage: Gilt die Kritik auch für die Polizei?
Lübben: Die Polizei hat vorbildliche Arbeit geleistet. Die Nebenklage und ich werfen ihr keine Versäumnisse vor.
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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