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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Auf dem Weg ins Mittelalter

20.05.2014

Wilhelmshaven Es ist 16 Uhr als Fregattenkapitän Kurt Leonards am Montag auf der Brücke der Fregatte „Niedersachsen“ das Kommando zum Ablegen gibt. Für Marineschiffe eine eher ungewöhnliche Aufbruchszeit, denn normalerweise ist der klassische Auslauftermin um 10 Uhr vormittags. Der besondere Zeitpunkt hat mit der nicht alltäglichen Aufgabe zu tun, die vor den Besatzungsmitgliedern der Niedersachsen liegt.

Das Kriegsschiff, das noch im vergangenen Jahr vom Sommer bis kurz vor Weihnachten im indischen Ozean am Horn von Afrika vor der Küste Somalias in der Anti-Piraten-Mission „Atalanta“ im Einsatz war, hat jetzt die Innenstadt Londons als Ziel. Dort darf es eine besondere historische Mission erfüllen. Und damit die „Niedersachsen“ präzise zum geplanten Zeitpunkt in der britischen Hauptstadt ankommt, nehmen sich Kommandant Leonards und seine Besatzung einen halben Tag mehr Zeit für die Anreise, um unterwegs für alle Eventualitäten gewappnet zu sein.

Historisches Zeremoniell

Bis 14 Uhr hatten alle Besatzungsmitglieder am Montag an Bord zu sein, und um 14.10 Uhr nahm der erste Offizier der Fregatte eine Musterung der angetretenen Soldatinnen und Soldaten vor und informierte über das Programm der nächsten Tage.

Höhepunkt wird am kommenden Freitag das historische Zeremoniell „Constable’s Dues“ sein. Dabei geht es um die Übergabe eines Fasses Wein an die Wächter an der Londoner Tower Bridge, je nach Sichtweise eine Art Zoll oder Wege-Maut oder auch „Bestechung“. Jedenfalls gehört es zu den besonders heilig gehaltenen Traditionen der britischen Marine, jedes Jahr diese symbolische „Bestechung“ im Stadtzentrum Londons vorzunehmen.

Dass in diesem Jahr diese ehrenvolle Aufgabe erstmals in der Geschichte von einem deutschen Schiff – der Wilhelmshavener Fregatte „Niedersachsen“ – übernommen werden darf, hat damit zu tun, dass das britische Königshaus und das deutsche Adelshaus Hannover seit genau 300 Jahren verbunden sind. Für die „Niedersachsen“ ein besonderer Glücksfall und ein Höhepunkt in der 32-jährigen Geschichte des Schiffes. Schließlich steht in absehbarer Zeit die Außerdienststellung der Fregatte an, und da freut man sich umso mehr, wenn es gegen Ende der Dienstzeit noch so hochrangige repräsentative Aufgaben gibt.

Herausforderung

Und eine seemännische Herausforderung ist es auch. Während bis Dienstagabend nautischer Normalbetrieb laufen wird, gilt es dann für fast zwölf Stunden, besondere Schwierigkeiten zu meistern. Schließlich sind die 130 Meter langen Fregatten ja nicht gebaut, um in so engen Flüssen wie der Themse zu operieren.

In aller Frühe, so der Plan, wird die „Niedersachsen“ – selbstverständlich mit Lotsenunterstützung – am Mittwoch die Londoner Innenstadt erreicht haben. Dann geht es zu dem prominentesten Liegeplatz, der überhaupt in London vorstellbar ist. Unmittelbar im Schatten der Tower-Bridge wird die Wilhelmshavener Fregatte an der „HMS Belfast“, einem leichten Kreuzer aus dem Zweiten Weltkrieg, festmachen, der dort als Museumsschiff und Touristenattraktion liegt.

Beim Einlaufen wird es ein nicht alltägliches Spektakel geben, denn als historisch-symbolisches Zeichen für die friedliche Absicht des Besuchs wird das deutsche Kriegsschiff 19 Schuss Salut abfeuern. Damit wurde früher signalisiert, dass die Kanonenrohre leergeschossen waren und keine Gefahr mehr drohe. Da dies Zeremoniell heute mehr als selten ist, wurde es auf dem Weg nach London bereits in der Nordsee geübt.

Höhepunkt des historischen Zeremoniells ist der Freitag, wenn am Mittag nach einem genau festgelegten und minutiös geplanten Zeitplan die „Bestechung“ vollzogen wird. Dabei wird dem Publikum dann erklärt, wie es zu diesem Brauch gekommen ist: „Im Mittelalter glaubten die englischen Könige, es sei ihr Recht, eine Maut auf alle Schiffe auf der Themse zu erheben. So war der Constable, der Burgvogt des Tower von London, im Namen des Königs ermächtigt, diese Zölle einzufordern.“ Der Stadt sei es ein Dorn im Auge gewesen und so habe sie sich beim König beklagt, dass der Constable unrechtmäßig handelte.

Zwei Fässer Wein

Im Jahr 1381 verfügte dann König Richard II. eine Liste, die genau festlegte, welche Zölle seiner Meinung nach gerechtfertigt seien. Danach musste jedes Schiff, das am Tower von London vorbeifuhr, dem Constable zwei Fässer Wein abführen. Diese Regelung galt bis ins 17. Jahrhundert – bis der zunehmende Schiffsverkehr auf der Themse die Einforderung der Zölle unmögliche machte.

Inzwischen ist die Maßnahme zu einer reinen Traditionsveranstaltung geworden, bei der dann in diesem Jahr die „Niedersachsen“-Besatzung ein Fässchen Wein überreichen wird – begleitet von mehreren Empfängen, mit denen die deutsch-britische Verbundenheit gepflegt werden soll.

Jürgen Westerhoff
Redakteur
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2055

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