• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Wo die Stasi im Nordwesten spitzelte

07.05.2016

Oldenburg /Emden /Hannover Einmal führen sie ihn nachts in den Hof. Er muss sich in die Mitte stellen, um ihn herum überall Uniformen, und dann spürt er etwas Kaltes im Nacken, es macht KLACK, das war’s. Er bricht zusammen, natürlich macht er sich in die Hosen, „wenn man denkt, dass man tot geht, öffnen sich ja die Körperöffnungen“, sagt Jürgen Ritthaler. Aber er geht nicht tot, er kommt wieder zu sich. Die Uniformierten zwingen ihn, den Hof von seinen Exkrementen zu säubern.

46 Jahre ist das jetzt her, aber hinter seiner Brille sammeln sich noch immer Tränen, seine Stimme kippt. Immer Hunger! Verfaulte Kartoffeln! Fischköpfe! Glitschiges Brot! „Ich habe alle meine Zähne verloren!“, schluchzt Jürgen Ritthaler. „Ich bin von 73 Kilo auf 39 Kilo runter! Ich sah aus wie ein Gerippe! Die Leute fragten mich: Kommst Du aus Auschwitz?“

Aber Jürgen Ritthaler war nicht in Auschwitz, er war im Stasi-Gefängnis.

Eine falsche Antwort

Jetzt sitzt er da in Sitzungszimmer 1105 des Niedersächsischen Landtages: ein gelernter Zerspanungsfacharbeiter, 65 Jahre alt, graue Haare, grauer Pullunder. Es tagt die Enquetekommission „Verrat an der Freiheit – Machenschaften der Stasi in Niedersachsen aufarbeiten“, Tagesordnungspunkt 1: Opferanhörung. Ritthaler schaut die Ausschussmitglieder an. „Entschuldigung“, sagt er, seine Stimme wackelt noch. „Mich wühlt das immer ein bisschen auf, wenn ich darüber spreche.“ Im Sitzungszimmer ist es jetzt sehr still.

„Wir wollen das wissen“, hat der Abgeordnete Hans-Dieter Haase, 60 Jahre alt, vorher gesagt, „wir wollen aufklären.“ Aber Haase, SPD-Mann aus Emden, sagte auch: „Ich bin Ostfriese, Nordwestdeutschland. Wir hatten da kaum Berührungen.“

„Das Tal der Ahnungslosen“, brummt Gernot Preuß, Jurist, 81 Jahre alt. Auch Preuß wird hier als Stasi-Opfer aussagen: Zweieinhalb Jahre saß er wegen „staatsfeindlichen Menschenhandels“ im Gefängnis; er war Fluchthelfer. (Und auch ihm wird gleich die Stimme versagen, wenn er von seiner Haft erzählt: 16 Mann auf einer Zelle, in einer Ecke ein Kübel als Toilette, kein Vorhang, kein Sichtschutz. „Wir wurden unserer Menschenwürde beraubt!“) Mitte der 60er Jahre dann sein Freikauf.

Was hat das mit Nordwestdeutschland zu tun, mit Niedersachsen? Mehr, als es zunächst den Anschein hat.

Erstens hat es miteinander zu tun, weil mitten unter uns Menschen wie Gernot Preuß oder Jürgen Ritthaler leben. Ritthaler war 14 Jahre alt, als er in der Schule seinem Lehrer widersprach. Es ging um das Massaker von Katyn, bei dem 1940 mehr als 20 000 Polen starben. „Das waren die Deutschen“, sagte Ritthalers Lehrer. „Das stimmt nicht“, sagte Jürgen Ritthaler. Er hatte heimlich den „Spiegel“ gelesen; darin stand, dass die Polen von Sowjetsoldaten ermordet worden waren (Ritthaler hatte Recht).

Für den Rest der Schulzeit hatte er Rede- und Frageverbot. Er durfte kein Abitur machen. Als er mit 19 Papiere für eine Ungarnreise abholen wollte, wurde er festgenommen: Fluchtverdacht, kommen Sie bitte mit zur Klärung eines Sachverhalts. „Das dauerte dann eineinhalb Jahre“, sagt Ritthaler. Die Verhöre! „So mussten wir sitzen“, er rutscht auf seinem Stuhl herum, er macht es vor, er quetscht die Hände unter seine Oberschenkel. „Machen Sie das mal stundenlang!“

Aus der Haft freigekauft

1971 wurde Ritthaler von der Bundesrepublik Deutschland aus der DDR-Haft freigekauft. Insgesamt befreite die Bundesrepublik bis 1990 33 755 politische Häftlinge aus DDR-Gefängnissen. Der Preis: fast 3,5 Milliarden D-Mark. Ein großer Teil der Befreiten ließ sich in Niedersachsen nieder, dem westdeutschen Bundesland mit der längsten Grenze zur DDR.

Jürgen Ritthaler lebt in Rosengarten, Landkreis Harburg. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen“, sagt er, „ich laufe nachts herum.“ Als er im Westen zum Amtsarzt ging, um seine Haftfolgeschäden anerkennen zu lassen, sagte der zu ihm: „Sie waren doch nur in einem Gefängnis.“

Ein Auftrag des Landtags an die Enquetekommission lautet nun: „Opfer des MfS in Niedersachsen anerkennen und gegebenenfalls Fragen der Entschädigung klären“.

Zweitens hat Nordwestdeutschland mit der Stasi zu tun, weil ihre Augen und Ohren weit in die Bundesrepublik hineinreichten: bis tief in das Tal der Ahnungslosen.

Im Sitzungszimmer hat der Elektromonteur Andreas Hartlep, geboren 1963 in Erfurt, das Wort. Er hatte sich 1983 in Berlin auf den Alexanderplatz gestellt mit einem Plakat: „Ich bitte um Ausreise“. Stundenlange Verhöre. Schlafentzug. Dunkelhaft. Stockschläge in die Hoden. Zwangsarbeit: Hartlep musste täglich 5000 Bolzen für Möbelrollen beringen. Die Bolzen wurden anschließend in den Westen geliefert, an IKEA und Quelle. 1984: Freikauf in die Bundesrepublik.

Und wieder bricht eine Männerstimme. „Wenige Tage nach meiner Ankunft in Hannover wusste die Stasi bereits, wo ich in Hannover gemeldet war!“, sagt Hartlep.

Gernot Preuß, der neben Hartlep sitzt, nickt eifrig. Nach seinem Freikauf in den Westen lebte die Familie in einem kleinen Dorf bei Verden/Aller. Die Stasi gab den Auftrag: „Erkundigungen zu Familie Preuß einholen“. Die Informationen kamen postwendend. „Das zeigt doch, dass das Alltagsgeschäft war“, sagt Preuß.

Für die Auslandsspionage war im Ministerium für Staatssicherheit (MfS), besser bekannt als Stasi, die Hauptverwaltung A zuständig, kurz: HVA. 4700 Hauptamtliche arbeiteten dort, außerdem rund 15 000 Inoffizielle Mitarbeiter. Die meisten von ihnen waren DDR-Bürger, laut der Stasi-Unterlagenbehörde BStU standen aber auch 3000 Westdeutsche im Dienst der Stasi.

Die Angst kehrt zurück

IM Günther aus Emden. Er spionierte in den 50er Jahren für die Stasi in den Lagern Emden, Borkum und Aurich, wo zahlreiche DDR-Flüchtlinge untergebracht waren.

IME Klaus, „Inoffizieller Mitarbeiter im besonderen Einsatz“. Klaus beobachtete für die Stasi die Arbeiten einer Wilhelmshavener Firma am Wrack des DDR-Schiffes „Capella“, das 1976 vor Borkum gesunken war.

Die Einsätze von Günther und Klaus konnten von der Behörde BStU aufgearbeitet und dokumentiert werden. Es gibt aber auch ungeklärte Fälle im Nordwesten.

IM Alexander aus Oldenburg, ein Sozialwissenschaftler. Alexander spionierte in der Universität. Wer er war und was er berichtete, weiß man noch nicht; entsprechende NWZ -Recherchen liefen ins Leere. Seine Akten wurden, wie viele HVA-Akten, in den letzten Tagen der DDR vernichtet.

BStU-Mitarbeiter Dr. Georg Herbstritt sagt: Allein in Magdeburg gibt es 43 Säcke mit von Hand zerrissenem Material der HVA, das Niedersachsen betrifft.

Ein ganz anderer Fall: IM Klaus Franz, ein Stasi-Spitzel in Neustadt/Sachsen. Er flüchtete aus Angst vor Racheakten gleich nach dem Mauerfall aus Neustadt in Sachsen. Er lebt jetzt unerkannt im Landkreis Vechta.

Auch das gehört zum Auftrag der Landtagskommission: „Täter identifizieren und gegebenenfalls eine Strafverfolgung einleiten“.

27 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen. „Es gibt möglicherweise noch viele Menschen, die sehr viel zu verlieren haben“, ahnt der Abgeordnete Hans-Dieter Haase. Er sagt: „Wir wissen, dass wir zu keinem abschließenden Ergebnis kommen werden. Es wird einen Abschlussbericht geben, eine Dokumentation. Und wir werden dem Landtag Ansätze geben können für weitere Arbeit.“

Fred Herrmann, Postmitarbeiter, Jahrgang 1952, ergreift das Wort. Er sagt, er war schon als Kind ein Gegner der DDR. Mit 22 schrieb er einen Brief an die Schweizer Fluchthilfefirma Aramco. Drei Jahre Haft. 24 Mann in einer Zelle, die Betten vier Etagen hoch. Kriminelle. Was hast denn Du angestellt, fragten sie ihn? „Ich habe einen Brief geschrieben“, antwortete er. Zwangsarbeit. Einmal, sagt er, habe er geweint. Er hatte ein Postpaket aus der Bundesrepublik geschickt bekommen: Lebensmittel. „Sie sind im verschärften Vollzug, das steht Ihnen nicht zu. Das Paket wird vernichtet.“ Das Paket wurde vernichtet, „ich habe geflennt“, sagt Herrmann. 1976 wurde er freigekauft.

Und was ist 2016?

Im Sitzungszimmer sagt der Zeuge Andreas Hartlep: „Keiner meiner Peiniger ist je bestraft worden. Sie wurden alle perfekt in die neue Bundesrepublik integriert. Die Richterin blieb Richterin. Der Staatsanwalt wurde Rechtsanwalt.“

Jürgen Ritthaler sagt: Wenn er doch mal schlafen könne, dann habe er Albträume. „Ich finde diese ständige Verharmlosung der DDR unerträglich.“

Und Gernot Preuß fragt: „Wie viele Schweinehunde sind im Westen wohl nicht enttarnt worden?“

„Ich fühle mich in diesem Land nicht mehr sicher“, sagt Andreas Hartlep, „nach dem Mauerfall sind meine Angstgefühle zurückgekehrt.“ Und wieder ist es sehr still im Sitzungszimmer 1105.

Vielleicht ist das hier Hauptaufgabe der Landtagskommission: das Leid der Stasi-Opfer vor dem Vergessen bewahren.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2020
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.