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Mehr als 185 Tote nach Explosionen in Sri Lanka

NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Bremer berichtet über sein Leben in ständiger Tarnung

20.07.2017

Im Nordwesten Viele Tränen dürften geflossen sein, als der Bundestag am 30. Juni sein Ja zur Homo-Ehe verkündet hat. Tränen der Freude, der Erleichterung und auch des Triumphes, dass die jahrzehntelange Diskriminierung endlich ein Ende hat. Die historische Dimension der Stunde erschließt sich aber vor allem denjenigen, die die düstersten Zeiten der deutschen Justiz gegenüber Homosexuellen selbst miterlebt haben, die Geltung des Paragrafen 175.

Zu ihnen gehört der Bremer Helmut Koch, einer der wenigen Zeitzeugen, die bereit sind, über das Erlebte zu berichten. Der 88-Jährige sagt: „Ich bin ganz gut durchgekommen“, aber er kennt nur zu gut die „entsetzliche Angst“ vor Entdeckung. „Das war lebenslange Camouflage“, sagt der Vielleser mit Faible für die französische Sprache. Tarnung bestimmte das tägliche Leben.

Der frühere Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs (StGB) stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Die Bundesrepublik hatte diese durch die Nationalsozialisten verschärfte Regelung übernommen. Im Jahr 1969 wurde der Paragraf entschärft, aber erst 1994 endgültig abgeschafft. Das heißt: Nur wegen ihrer sexuellen Neigung wurden Homosexuelle in Deutschland jahrzehntelang wie Kriminelle behandelt. Viele jüngere Schwule kennen die Seelenqualen, das Gefühl der Stigmatisierung. Doch für die Generation von Helmut Koch war die Sehnsucht nach Liebe verbunden mit „Urangst“, wie er sagt.

Leidvoller Lexikoneintrag

Den ersten Eindruck, was homosexuell zu sein bedeutet, bekam Koch als Junge beim Blättern im „Volks-Brockhaus“ aus dem Jahr 1940: „Die Schäden homosexueller Betätigung sind neben ihrer Neigung zu seuchenartiger Ausbreitung und zur Bildung von Cliquen aller Art der sittliche Verfall der betroffenen Kreise und die Zersetzung des öffentlichen Lebens, da wichtige Voraussetzungen desselben, die Wertung der Person und ihrer Leistungen, die Besetzung von Stellen, die Anordnung von Schutzmaßnahmen (z.B. einer Vormundschaft) nach sachlichen Gesichtspunkten, in Frage gestellt werden. Im nationalsoz. Staat, der ein starkes, sittlich gesundes Volk erstrebt u. unbedingte Sauberkeit des öffentl. Lebens verlangt, wird gleichgeschlechtlicher Verkehr zwischen Männern mit Gefängnis, unter erschwerenden Umständen mit Zuchthaus bestraft.“

Das ist wohl wenig erbauliches Wissen für einen Zwölfjährigen, der die ersten suchenden Schritte Richtung Liebesleben unternimmt. Aber zum Glück fand Koch zwei gute Freunde, die seine Leidenschaft fürs Theater teilten: „Der eine schrieb immer Opern, und wir mussten das dann nachspielen“. Die Musikbegeisterung führte Koch mit 21 Jahren nach Salzburg zum Mozartjahr, wo er seine erste große Liebe traf. „Das war Hollywood“, schwärmt er noch heute, „Romantik pur“. Die Beschreibung lässt ahnen, warum der Bremer ohne erwischt zu werden durch die Jahre mit dem Paragrafen 175 kam. „Mir ging es nie um schnelle Kontakte, ich habe mir immer Zeit gelassen.“

Großes Risiko

Das Risiko, geschnappt zu werden, war in den sogenannten Klappen – öffentliche Toiletten, die als Treffpunkt für schnellen Sex dienten – besonders groß. Wer von der Sittenpolizei gefasst wurde, landete in der gefürchteten „Rosa Kartei“, so Koch, und war, wenn es zum Prozess kam, der Willkür des Richters ausgeliefert. Denn die Beliebigkeit bei der Strafbemessung war groß.

Als ein besonders krasses Beispiel für Unrecht und Erbarmungslosigkeit erinnert Koch an den Fall von Karl Gorath aus Bremerhaven: „Er wurde 1938 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, danach kam er direkt ins Konzentrationslager. Als er zurück in Bremerhaven war, wurde er ,rückfällig‘. Und wurde 1947 von demselben Richter noch einmal zu fünf Jahren Haft verurteilt.“ Der Lebensweg Goraths zeige exemplarisch, wie das NS-Regime Homosexuelle verfolgt habe und mit welchen Mitteln die strafrechtliche Verfolgung in der jungen Bundesrepublik Deutschland fortgesetzt worden sei, erklärte Jörg Hutter vom Schwulen- und Lesbenzentrum im Bremischen Beirat für vergessene Opfer des NS-Regimes nach dem Tode Goraths 2003 in der „taz“.

Die andere Seite der Unberechenbarkeit des Rechtssystems erlebte Kochs Freund Wilfried: Die Polizei erwischte ihn mit einem jungen Mann in flagranti. Es folgte eine Anhörung, dann kam ein Brief: Der Paragraf 175 finde bei dem Freund keine Anwendung. „Wir konnten es kaum glauben.“

Wer den Unrechtsparagrafen wie umsetzt, wusste man nie. Zu den Vorsichtsmaßnahmen in der Nazizeit gehörte deshalb, dass verbotene Bücher wie „Der Falschmünzer“ von André Gide oder Werke von Klaus Mann im Keller unter den Kohlen versteckt wurden. Eine schlimme Vorstellung für den Kunst- und Literaturfreund Helmut Koch. Die Wände seiner Wohnung zeigen, wie gerne er seine Lieblingswerke um sich hat.

Verurteilte Homosexuelle werden rehabilitiert

Jahrzehnte nach ihrer Verurteilung werden Tausende homosexuelle Justizopfer rehabilitiert und entschädigt. Nach dem Bundestag verabschiedete am 7. Juli auch der Bundesrat ein Gesetz, mit dem die damaligen Urteile aufgehoben werden. Erstmals werden damit zur Zeit der Bundesrepublik gefällte Urteile pauschal aufgehoben.

Als finanzielle Entschädigung sind pro Person pauschal 3000 Euro vorgesehen sowie 1500 Euro für jedes angefangene Jahr im Gefängnis.

Der frühere Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs (StGB), der in der Kaiserzeit eingeführt wurde und im Nationalsozialismus die Grundlage für die Verfolgung und Ermordung Homosexueller war, galt auch in der Bundesrepublik und DDR weiter fort.

Nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurden in der Bundesrepublik bis 1969 rund 50.000 Männer wegen ihrer Sexualität verurteilt. Dann wurde der Paragraf entschärft, aber erst 1994 komplett abgeschafft.

Wie viele Betroffene noch leben, ist nicht sicher. Das Bundesjustizministerium rechnet mit maximal 5000 Anträgen auf Entschädigung.

Mehr Informationen auf der Seite der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld oder bei Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren e.V. (kurz BISS)

Blöde Bemerkungen

An einem Tag im Jahr war die Angst vor Bloßstellung besonders groß. Der 17.5. galt im Volksmund als „Feiertag der Schwulen“. So saß an dem Datum die Sorge im Nacken, dass ein süffisanter Glückwunsch die mühsam gepflegte Fassade zum Einsturz bringt.

Dass viele Zeitgenossen die verhasste Ziffernfolge nur zu gern für zweideutige Anspielungen nutzten, hat Koch Anfang der 50er Jahre auch bei einer Zeitungsverkäuferin erlebt. An einem Kiosk kaufte er regelmäßig das Schwulenmagazin „Der Weg“ mit schöngeistigen Texten und muskulösen Männern. Um die verräterische Publikation zum Preis von 1,50 DM zu verstecken, ließ er sie in einer Ausgabe der Zeitung „Die Welt“ einrollen, die 25 Pfennige kostete. Noch heute erinnert sich Koch an den spitzen Unterton, wenn die Kioskfrau die fälligen 1,75 DM verlangte. „Was war ich froh, als der Preis der Welt auf 0,30 Pfennige stieg.“

Bei der allgegenwärtigen Angst vor Aufdeckung war „Vertrauen das A & O“, sagt Koch. Dazu gehörte, dass man ganz genau überlegte, wem man seine Telefonnummer gab. Schließlich war das Risiko groß, dass die Notiz von Name und Nummer bei einer Razzia der Polizei in die Hände fiel.

Sensationeller Kuss

Nach all dem Versteckspiel, der ständigen Tarnung, war es für Koch schlicht „sensationell“, als er Mitte der 90er Jahre in der Opern-Reihe vor sich ein küssendes schwules Paar sah. Das war im „Tannhäuser“ in Hamburg, er weiß es noch genau. Der Moment hat sich eingebrannt, genau wie die Passanten, die ihn rund 50 Jahre zuvor anpöbelten, weil er mit einem Freund am kleinen Finger eingehakt durch die Straße lief.

Dazwischen liegt ein halbes Jahrhundert voller Entbehrung, Scham, verleugneter Gefühle. Was macht das mit einem Menschen? Helmut Koch hat seinen Bildungshunger ausgelebt, hat auf seinen Reisen nach Italien „keine Kirche ausgelassen“ und auch sonst viel von der Welt gesehen. Die schönen Strände im Süden dienten aber auch als Zufluchtsort vor dem deutschen Strafrechtsparagrafen.

Auch wenn es innige Freundschaften und romantische Beziehungen gab, einen Mann für das ganze Leben hat Koch nicht gefunden. „Da hat der 175 extrem gehindert“, sagt er. Sein größter Stolz ist daher beruflich begründet: Als Mitglied im Konzernbetriebsrat von Hapag-Loyd habe er initiiert, einen Mann mit SS-Vergangenheit im Aufsichtsrat zu verhindern. Die Nazi-Hinterlassenschaften hatten ihm und allen anderen Homosexuellen lange genug zu schaffen gemacht.

Irmela Herold Redakteurin / Online-Redaktion
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