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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Busticket in ein neues Leben

24.03.2015

Delmenhorst Wie lernt man eine fremde Stadt in Deutschland am besten kennen? Ein Reiseführer bietet sich immer gut an – wenn man die Landessprache spricht. Was aber tun, wenn man aus dem Senegal kommt und auf sich allein gestellt ist?

Kein Wort Deutsch

Adama Fall hatte sich damals, 2007 war es, für 50 Euro Bustickets gekauft und fuhr los. Irgendwie musste sie ja Delmenhorst kennenlernen, erinnert sie sich zurück. Damals sprach sie kein Wort Deutsch – bis auf eines. „Hallo“ habe sie sagen können.

Engagement in Deutschland

Im Senegal studierte Adama Fall Naturwissenschaften. Sie wollte im Bereich der Chemie arbeiten. Allerdings stellte sich heraus, dass sie gegen einige Chemikalien allergisch reagiert.

Auf das Berufsleben in Deutschland wurde sie mit einem sogenannten BAMF-Kursus in der VHS vorbereitet.

BAMF steht für Berufsbezogene Sprachförderung für Migrantinnen und Migranten. Der Kursus beinhaltet die Fächer Deutsch, Mathematik und EDV (Elektronische Datenverarbeitung). Auch ein vierwöchiges Praktikum gehört zu dem Kursus. Hier arbeitet die VHS mit dem Jobcenter zusammen. Im Jahr 2009 war sie eine der ersten, die in Delmenhorst an solch einem Kursus teilnahm. Bei der Zeugnisvergabe im Dezember war sie anwesend, um die neuen Teilnehmer zu motivieren, weiter an sich zu arbeiten.

Zurzeit lässt sich Adama Fall zur Integrationslotsin ausbilden. Problem dabei: Sie verdient mit der Tätigkeit kein Geld. Von daher ist sie momentan weiter auf Jobsuche.

Die Integrationslotsen in Delmenhorst organisieren viele Projekte, um den Migranten in der Stadt den Einstieg in das neue Leben zu erleichtern. Ein derzeitiges Projekt heißt „Einfach mitreden“. Durch Gespräche sollen Migranten sich trauen, mehr Deutsch zu reden.

Wie hatte sie sich gefühlt, als sie im fremden Land im Bus saß? „Traurig. Einsam, verlassen. Verloren“, antwortet die 32-Jährige. Gefühle, die sie im Nachhinein stark gemacht hatten. „Das war meine erste Mutprobe.“ Der erste Schritt in die Selbstständigkeit. In ihr neues Leben. Der Liebe wegen sei sie damals aus dem Senegal nach Deutschland gekommen. Ihr damaliger Mann ist Delmenhorster. Sie erwarteten ein gemeinsames Kind. Einen Sohn. Und für ihn, ihr „Ein und Alles“, schlägt sich Adama Fall durch. Sie möchte über sich selbst sagen können: „Du hast was geschafft.“

Anfängliche Zweifel

Ihr Sohn dürfe seine Heimat nicht verlieren, sagt sie kämpferisch. So wie sie selbst damals. Ihre Muttersprache, Französisch, beherrsche er nicht. Der Achtjährige lerne ganz normal Deutsch – das sei ihr momentan wichtiger. Und Englisch lerne er gerade. Das sei ihr auch wichtiger. Irgendwann mal könne er Französisch lernen. Aber nicht jetzt.

Dass es nicht nur reicht, einen Plan B zu haben, hat Adama Fall in Deutschland schnell gemerkt. „Du musst mehrere Pläne haben.“ Kleine Erfolge geben ihr Recht.

So wie damals, als sie eine von vielen Bewerbern war, die in Bremen eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation anfangen durfte. Um genau zu sein, war es eine Fortbildung. „Ich war eine Quereinsteigerin.“ Gegen gut 200 Bewerber hatte sie sich durchgesetzt. Doch bevor sie überhaupt Bewerbungen verschicken konnte – es waren mehrere pro Woche – musste sie erstmal Deutsch lernen. Und das war anfangs gar nicht so einfach. Adama Fall war sich sicher, dass sie die deutsche Sprache nie lernen wird. Die deutschen Lernmethoden seien zudem anders als im Senegal: Dort fange man, im Gegensatz zu Deutschland, erst mit dem Alphabet an.

Ihr Weg führte sie in Delmenhorsts Volkshochschule (VHS). „Meine Rettung“, blickt sie heute dankbar zurück. Die Mitarbeiter dort ermutigten sie immer wieder weiterzumachen. Wie eine zweite Heimat sei die VHS für sie geworden. Sie besuchte Sprachkurse, durfte ein Praktikum in einem Labor für Umweltanalytik machen.

Doch trotz aller Unterstützung: Adama Fall sieht auch die negativen Seiten der Migration. Sie versteht, weshalb viele Menschen mit Migrationshintergrund eingeschüchtert nach Deutschland kommen.

Sprache wird zur Barriere

Da wäre beispielsweise das hochgestochene Deutsch: Deswegen kam sie in der Berufsschule nicht zurecht, hatte Probleme während ihrer Ausbildung. Die Sprache sei dort zur Barriere geworden. „Im Betrieb gab es keine Probleme“, erinnert sie sich. Dort habe man schließlich normal miteinander gesprochen. Aber das alltagsferne Deutsch in der Berufsschule hatte ihr zu schaffen gemacht. Ausbildungen für Migranten sollten deshalb auch von der VHS übernommen werden, findet sie. Dort habe sie wenigstens alles verstanden – obwohl es ebenfalls eine „Schule“ war.

Es werde viel über Integration in Deutschland gesprochen, sagt sie. Wie gut es funktionieren könnte, was alles dafür getan werde. „Aber wo ist die Praxis?“ Adama Fall möchte farbige Menschen mal in der Position eines Lehrers oder eines Chefs sehen – nicht immer als Reinigungskraft oder als Fastfood-Verkäufer.

Sie selbst habe es schon erlebt, dass Menschen „anders“ mit ihr gesprochen haben – aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe. In solchen Situationen merke sie besonders, dass Menschen mit Migrationshintergrund noch viel mehr in den Alltag einbezogen werden müssen. Dass Migranten eben nicht nur am Grill oder am Putzeimer stehen sollten – um damit anderen Migranten ein Vorbild zu sein. Denn sie weiß: „Die Menschen aus Afrika haben Angst.“ Angst, die Sprache nicht richtig zu beherrschen.

Adama Fall lebt mit zwei Kulturen – und sie ist zufrieden damit. In Delmenhorst fühlt sie sich sehr wohl. Ab und zu fliegt sie nach Afrika, um ihre Familie zu besuchen. Dort erfährt sie viel Unterstützung. „Meine Familie glaubt an mich.“

Manchmal, wenn sie traurig ist, ruft Adama Fall ihre Mutter an. „Sie ist meine beste Freundin. Sie gibt mir Ratschläge.“ Auch die Mutter ihres Exmannes gebe ihr Kraft. Sie sei wie eine zweite Mutter, „ein wahrer Engel“, ihr „Psychologe“. Diese Kraft möchte Adama Fall weitergeben. Zurzeit lässt sie sich zur Inte­grationslotsin ausbilden, war dafür sogar in Berlin. Sie setzt sich weiter durch. Um irgendwann mal selbst anderen Migranten die Angst nehmen zu können.

Verena Sieling
Wildeshausen
Redaktion Wildeshausen
Tel:
04431 9988 2708

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