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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Patientenschützer: Es wurde bewusst weggeschaut

13.12.2014
Frage: Herr Brysch, Sie sind Deutschlands bekanntester Patientenschützer – was war Ihr erster Gedanke, als Sie von den mutmaßlichen Klinikmorden in Delmenhorst und Oldenburg hörten?
Brysch: Meine ersten Gedanken kreisten um die Opfer und deren Hinterbliebene. Jedoch als ich die Antworten der Beteiligten hörte, waren es die gleichen Stereotypen wie sonst: „Wir hätten uns nicht vorstellen können, dass so etwas bei uns möglich ist!“ Und darin liegt der Fehler.
Frage: Wie schutzlos sind Patienten im Krankenhaus?
Brysch: Es liegt in der Natur der Sache, dass Patienten als Opfer in der Regel recht schutzlos sind. Das gilt in medizinischer Hinsicht – aber auch, was die kriminelle Motivation einiger Einzeltäter angeht. Dieser Situation müssen sich Pflegeheime wie Krankenhäuser bewusst sein. Der besondere Schutz des Patienten muss Priorität haben. Dafür braucht es entsprechend hohe Standards der Fürsorge.
Frage: Niels H. ist kein Einzelfall, mehrere wissenschaftliche Studien haben sich bereits mit dem Phänomen „Pflegemord“ befasst – haben Mörder in Krankenhäusern ein besonders leichtes Spiel?
Brysch: Ja. Nirgendwo hat es ein Mörder so leicht wie im Pflegeheim oder Krankenhaus. Denn der Tod ist hier nichts Ungewöhnliches. Er ist erwartbar. Wenn in einem Haus keine Gesprächskultur darüber existiert, kann es Jahre dauern, bis ein Serientäter auffällt. Der Fall Niels H. ist ein Lehrbeispiel dafür. An fast allen entscheidenden Stellen wurde bewusst weggeschaut. Und dort, wo jemand auf das Problem hinwies, wurde ignoriert. Das hat Menschenleben gekostet.
Frage: Welche Versäumnisse müssen sich die Kliniken im Fall Niels H. vorwerfen lassen?
Brysch: Es wurden offenkundig schwere Fehler gemacht. Schauen Sie: Möglicherweise reicht die Mordserie des Niels H. von Wilhelmshaven über Oldenburg bis nach Delmenhorst. Alle Häuser zeigten sich im Nachhinein mehr oder weniger überrascht, niemand hatte diese Taten für möglich gehalten. Das wundert mich. Erstens hat es ähnliche Einzelfälle immer mal wieder gegeben. Zweitens gab es in den Häusern selbst Alarmsignale. Es ist schon grob fahrlässig, einen Verdacht zu hegen, die Person aber mit einem guten Zeugnis wegzuloben. Deshalb brauchen wir eine Kultur des Hinschauens und nicht des Wegduckens.
Frage: Haben wir es hier mit Systemfehlern zu tun? Trägt unser Gesundheitssystem eine Mitschuld an den Vorfällen?
Brysch: Wir sollten nicht so tun, als ob wirtschaftliche Zwänge Menschen zu Mördern machen würden.
Frage: Offenbar hat hier ein Pfleger Medikamente gespritzt, obwohl er es nicht durfte; er hat Unmengen Herzmittel bestellt, was keinem auffiel; er konnte sich allein am Patientenbett aufhalten und den Alarmmonitor abschalten – ist das Klinikalltag?
Brysch: Natürlich ist es Klinikalltag, wenn sich examinierte Kräfte – auch allein – um Patienten kümmern. Das muss so sein, das ist ihr Job. Was nicht sein kann ist, dass sich eine bestimmte Person auffallend oft bestimmte Mittel besorgt. Hier müssten beim Apotheker und im Controlling die Alarmglocken schrillen. Niels H. haben es die Verantwortlichen zu einfach gemacht.
Frage: Was muss sich ändern in deutschen Krankenhäusern, im deutschen Gesundheitssystem?
Brysch: Wir brauchen in allen 2000 Krankenhäusern Deutschlands eine Kultur des Hinschauens. Es ist besser, jedes Haus erwägt für sich ähnliche Fälle und sorgt sicherheitshalber vor, als dass wir in zwei Jahren eine weitere Katastrophe erleben. Das heißt: Jedem ernsthaften Verdacht in einer Einrichtung muss nachgegangen werden. Dazu braucht es sensibilisiertes Personal. Das Thema gehört deshalb auf jede Mitarbeiter-Monatsbesprechung. Wir brauchen ein umfassendes Alarmsystem, das Auffälligkeiten sofort meldet.
Frage: Wird sich etwas ändern? Werden die Kliniken Lehren ziehen aus dem Fall Niels H.?
Brysch: Der Fall ist ein trauriges Lehrbeispiel für alle Pflegeheime und Krankenhäuser in ganz Deutschland. Dabei sollten wir nicht den Eindruck vermitteln, als ob alle Mitarbeiter solcher Einrichtungen Kriminelle seien. Es sind also Einzeltäter. Das Problem ist, dass wir es diesen Tätern zu leicht machen. Deshalb an alle Verantwortlichen: Es müssen jetzt konkrete Schritte und Prozesse eingeleitet werden, damit sich solche Tragödien nicht wiederholen!
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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