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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Zwischen harten Zahlen und sanftem Tourismus

24.11.2017

Dangast Sommer 2017.

Am Minigolfkiosk hängt eine Besten-Tafel, Bahnrekord heute: Kai der Hai, schon wieder. „Von nichts kommt nichts“, sagt Kai der Hai, er lächelt zufrieden.

Kai der Hai heißt eigentlich Kai Odrian, er ist 21 Jahre alt, Student, er wohnt in Hamburg. Aber jetzt ist er in Dangast, seit 20 Jahren verbringt er die Ferien hier. „Zuerst im Kinderwagen“, sagt er, später dann auf der Minigolfbahn, auf dem Bolzplatz, im Kurpark, am nahen Strand. Er zeigt auf ein Ferienhaus in Minigolfballschlagweite, „wir wohnen immer da vorn“. Der Bahnrekord ist Pflicht für ihn in jedem Urlaub.

Dieser hier wird sein letzter sein. „Wir werden wohl nicht wiederkommen“, sagt Kai der Hai.

Dangast, rund 540 Einwohner, ältestes Seebad an der deutschen Nordseeküste, Anziehungspunkt für die ganze Region, verändert sich. Vom Strand her wächst der Nordseepark heran, 50, 60 Häuser groß, er schluckt den Kurpark, den Bolzplatz, die Minigolfbahnen, „mein Kinderparadies“, wie Kai der Hai es nennt.

Hinterm Deich stehen bereits die ersten fünf Häuser, Bauabschnitt 1: dreistöckig, 46 Wohnungen. Dahinter, auf dem Gelände der ehemaligen Kuranlage, entstehen in Bauabschnitt 2 gerade die nächsten Dreistöcker, 42 Wohnungen. In Bauabschnitt 3 sollen dann Ferienhäuser folgen, Wasserläufe, Steganlagen. Bis 2020 soll es in Dangast insgesamt 700 neue Gästebetten geben.

Als die Bagger für Bauabschnitt 2 die alten Kurgebäude abrissen, kappten sie auch die alten Leitungen. Malte Bauer, 36 Jahre alt, Betreiber der Minigolfanlage seit 1996, sitzt in seinem Minigolfkiosk seitdem im Dunkeln. „Wir haben keinen Strom und kein Wasser“, sagt er. Der Kühlschrank ist leer, Bauer verkauft kein Eis mehr und keine Getränke. Er kann die Bahnen nicht mehr reinigen. Die Minigolfsaison lief bis Ende Oktober, „dann ist hier endgültig Schluss“, sagt Bauer.

 Kapitel 1:
           Der Kurdirektor

„Jaja, ich gebe zu: In den letzten drei Jahren kam es recht geballt.“ Johann Taddigs sitzt in seinem Kurdirektorenbüro im neuen Weltnaturerbeportal am Strand, durch die Fenster kann er aufs Quellbad schauen, genauer: aufs Quellbaddach. Wenn er den Kopf dreht, kann er auch eine Kurve der Wasserrutsche sehen. Es ist ein sachliches Büro, das Büro eines Kaufmanns.

Taddigs, 56 Jahre alt, ist Ostfriese. Er stammt aus Esens im Landkreis Wittmund, er wohnt in Esens, er kandierte einst bei der Esenser Bürgermeisterwahl (erfolglos). Nun pendelt er jeden Tag von Esens nach Dangast, um Dangast zu verändern. Er ist studierter Betriebswirt, gelernter Bilanzbuchhalter, kurz: ein Zahlenmensch, der über sich selbst sagt: „Emotion ist nicht mein Fach.“ Im umstrittenen Dangaster Veränderungsprozess ist Kurdirektor Johann Taddigs die umstrittenste Person.

Dabei macht Taddigs eigentlich nur seinen Job. Die Stadt Varel hat ihn im Januar 2011 als „Restrukturierungsmanager“ eingestellt, nach Mehrheitsbeschluss im Rat. Restrukturierung bedeutet in der Wirtschaftssprache Unternehmenssanierung, manchmal auch Krisenbewältigung, in jedem Fall aber: Veränderung. Taddigs selbst nennt sich heute zwar wieder Kurdirektor, „Restrukturierungsmanager kann ja keine Sau vernünftig aussprechen“, scherzt er. Der Auftrag zur Restrukturierung aber blieb.

Taddigs sagt, der Rat habe ihm zwei Aufgaben gestellt.

Die erste Aufgabe lautet: sparen.

Der städtische Eigenbetrieb Kurverwaltung schreibt Verluste, jahrelang musste die Stadt bis zu 1,5 Millionen Euro für den Kurbetrieb zuschießen. Zudem gab es einen Sanierungsstau in der Kuranlage aus den 80er-Jahren, Gutachter hatten zuletzt einen Investitionsbedarf von 1,6 Millionen Euro errechnet.

Taddigs soll das ändern, und eine erfolgreiche Veränderung soll sich für ihn auch lohnen. In seinem Arbeitsvertrag ist unter Paragraf 5 eine „Nebenabrede“ festgehalten: „Der Beschäftigte erhält (…) eine Sondervergütung für eine Reduzierung des Defizits“, heißt es darin. Die Nebenabrede brachte dem Restrukturierungsmanager in seinem ersten Dangaster Jahr eine Prämie von 18 687 Euro ein. In seinem zweiten Jahr waren es sogar 29 400 Euro.

Taddigs zweite Aufgabe lautet: neue Perspektiven für den Tourismus in Dangast zu entwickeln.

„Ich als Kaufmann sehe das so“, sagt er: „Ich habe keine liquiden Mittel“ (soll heißen: kein Geld), „aber ich sitze auf einem Berg Bonität“ (soll heißen: Vermögen). Mit Vermögen meint Taddigs das städtische Gelände rund um die defizitäre Kuranlage: 6,5 Hektar groß. Das Gelände mit dem Kurpark, dem Bolzplatz, der Minigolfanlage, Kais „Kinderparadies“ mitten im Dorf.

Am 28. November 2013 beschließt der Rat der Stadt Varel, den größten Teil des Geländes inklusive der Kuranlage an einen Dangaster Investor zu verkaufen, an die Firma Küstenimmobilien der Eheleute Andrea und Lothar Peters. Gemeinsam sollen Politik und Firma einen „vorhabenbezogenen Bebauungsplan zur Ausgestaltung einer Neuausrichtung des touristischen Angebots“ entwickeln. Ein kleiner Streifen des Geländes soll zudem an die Friesenhörn-Klinik (Mutter-Kind-Klinik) gehen, die seit längerem eine Erweiterung plant. Gesamterlös: 5,3 Millionen Euro.

Zum „Taddigs-Plan“, wie das Vorhaben in Dangast jetzt heißt, gehört nicht nur der Abschied vom Alten, sondern auch die Schaffung von Neuem. Mit dem Erlös aus dem Verkauf will die Stadt ein Tourismus- und Kurzentrum bauen, das „Weltnaturerbeportal“. Außerdem soll Dangast eine Strandpromenade bekommen und eine Deicherhöhung.

Das Weltnaturerbeportal steht inzwischen am Eingang zum Wattenmeer, ein 2000 Quadratmeter großer Klinkerbau mit Quellbad, Kurverwaltung, Touristinfo und Sauna. Gesamtkosten: 5,3 Millionen Euro. Taddigs ist mit den Besucherzahlen im neuen Portal zufrieden, stolz sagt er: „Bislang sind alle Effekte wie geplant eingetroffen.“

Mit der Arbeitsvertragsverlängerung 2014 hat der Rat die teure Sondervergütung für den erfolgreichen Restrukturierungsmanager gedeckelt. Seither bekommt er maximal einen Bonus von 24 000 Euro, wenn er das Jahresziel erreicht. Das Jahresziel für 2016, schriftlich festgehalten im Arbeitsvertrag, lautet, das Defizit des Eigenbetriebs Kurverwaltung auf unter 750 000 Euro zu drücken.

Vor kurzem hat Taddigs die aktuellen Zahlen vorlegt: Das Defizit ist 2016 auf 745 000 Euro gesunken.

 Kapitel 2:
           Die Kritiker

Dangast ist:

„Ein Künstlerdorf“, sagt Dr. Peter Beyersdorff, 71 Jahre alt.

„Ein Fischerdorf“, sagt Albert Schmoll, 88 Jahre alt.

„Ein kleines, verschlafenes Nest“, sagt Eckhard Koch, 61 Jahre alt.

Ein Café am Dorfeingang, Bockhorner Klinker, Reetdach, drinnen gibt es Tee und Kuchen. Die Männer machen weiter: Dangast ist „Flair“, sagt einer. „Fläche“, sagt ein anderer. „Und trotzdem weltoffen“, sagt der dritte: Rockkonzerte, Watt’n Schlick-Festival, schräge Kunst. Sollten die Männer Dangast malen, würde es wohl ein Bild vom efeuberankten Alten Kurhaus werden, im Watt davor stünde natürlich die berühmt gewordene schräge Kunst: der Granit-Phallus von Eckart Grenzer, der hölzerne Thron von Kaiser Butjatha.

So soll, so muss Dangast bleiben, das fanden nicht nur die drei Männer im Café. Ein „Arbeitskreis Dorferneuerung“ entwickelte 2010 ein Leitbild für eine sanfte Entwicklung des Dorfs. In den Mittelpunkt des Leitbildes stellte der Arbeitskreis neben das (private) Alte Kurhaus den Kurpark als „grüne Ader“ eines neu belebten Dangasts. Peter Beyersdorff war Mitglied im Arbeitskreis.

Dann kam der „Taddigs-Plan“, die „grüne Ader“ sollte mehrstöckigen Neubauten weichen. Beyersdorff erinnert sich an die Reaktionen darauf: „Schockstarre, Entsetzen!“

Dangast, da sind sich die Männer im Café einig, ist nämlich nicht:

„Massentourismus“, sagt Albert Schmoll. „McDonald’s-Tourismus“, sagt Eckhard Koch. „Gesichtslos“, sagt Peter Beyersdorff. Beyersdorff ist einer der Gründer der Bürgerinitiative Dangast (BI), die auf ihrer Homepage für einen „sanften Tourismus“ wirbt. Die meisten BI-Mitglieder wohnen im Dorf, einige von ihnen vermieten selbst Fremdenzimmer.


Die vollständige Reportage als Multimedia-Stück unter   www.nwzonline.de/dangast 
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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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