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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Dangast – Das gespaltene Dorf

31.10.2017

Dangast Im ältesten Nordseebad an der deutschen Küste wächst der Nordseepark heran, eine Anlage mit 700 neuen Gästebetten. Der Riss durchs Dorf ist inzwischen so tief, dass sich manche Dangaster untereinander nicht mehr grüßen.

Wie kam es zu der Spaltung? Wie viel Tourismus verträgt das Dorf? Wer verfolgt welche Interessen? Die NWZ hat monatelang in Dangast recherchiert, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Prolog: Die Minigolfer

Malte Bauer, Betreiber der Minigolf-Anlage.

Dangast, Sommer 2017.

Am Minigolfkiosk hängt eine Besten-Tafel, Bahnrekord heute: Kai der Hai, schon wieder. „Von nichts kommt nichts“, sagt Kai der Hai, er lächelt zufrieden.

Kai der Hai heißt eigentlich Kai Odrian, er ist 21 Jahre alt, Student, er wohnt in Hamburg. Aber jetzt ist er in Dangast, seit 20 Jahren verbringt er die Ferien hier. „Zuerst im Kinderwagen“, sagt er, später dann zu Fuß auf der Minigolfbahn, auf dem Bolzplatz, im Kurpark, am nahen Strand. Er zeigt auf ein Ferienhaus in Minigolfballschlagweite, „wir wohnen immer da vorn“. Der Bahnrekord ist Pflicht für ihn in jedem Urlaub.

„Kai der Hai“ ist Kai Odrian (Bild: privat)

Dieser hier wird sein letzter sein. „Wir werden wohl nicht wiederkommen“, sagt Kai der Hai.

Dangast, 540 Einwohner, ältestes Seebad an der deutschen Nordseeküste, verändert sich. Vom Strand her wächst der Nordseepark heran, 50, 60 Häuser groß, er schluckt den Kurpark, den Bolzplatz, die Minigolfbahnen, „mein Kinderparadies“, wie Kai der Hai es nennt.

Hinterm Deich stehen bereits die ersten fünf Häuser, Bauabschnitt 1: dreistöckig, 46 Wohnungen. Dahinter, auf dem Gelände der ehemaligen Kuranlage, entstehen in Bauabschnitt 2 gerade die nächsten Dreistöcker, 42 Wohnungen. In Bauabschnitt 3 sollen dann Ferienhäuser folgen, Wasserläufe, Steganlagen. Bis 2020 soll es in Dangast insgesamt 700 neue Gästebetten geben.

Als die Bagger für Bauabschnitt 2 die alten Kurgebäude abrissen, kappten sie auch die alten Leitungen. Malte Bauer, 36 Jahre alt, Betreiber der Minigolfanlage seit 1996, sitzt in seinem Minigolfkiosk seitdem im Dunkeln. „Wir haben keinen Strom und kein Wasser“, sagt er. Der Kühlschrank ist leer, Bauer verkauft kein Eis mehr und keine Getränke. Er kann die Bahnen nicht mehr reinigen. Die Minigolfsaison läuft bis Ende Oktober, „dann ist hier endgültig Schluss“, sagt Bauer.

Kapitel 1: Der Kurdirektor

„Jaja, ich gebe zu: In den letzten drei Jahren kam es recht geballt.“ Johann Taddigs sitzt in seinem Kurdirektorenbüro im neuen Weltnaturerbeportal am Strand, durch die Fenster kann er aufs Quellbad schauen, genauer: aufs Quellbaddach. Wenn er den Kopf dreht, kann er auch eine Kurve der Wasserrutsche sehen. Es ist ein sachliches Büro, das Büro eines Kaufmanns.

Taddigs, 56 Jahre alt, ist Ostfriese. Er stammt aus Esens im Landkreis Wittmund, er wohnt in Esens, er kandidierte einst bei der Esenser Bürgermeisterwahl (erfolglos). Nun pendelt er jeden Tag von Esens nach Dangast, um Dangast zu verändern. Er ist studierter Betriebswirt, gelernter Bilanzbuchhalter, kurz: ein Zahlenmensch, der über sich selbst sagt: „Emotion ist nicht mein Fach.“ Im umstrittenen Dangaster Veränderungsprozess ist Kurdirektor Johann Taddigs die umstrittenste Person.

Dabei macht Taddigs eigentlich nur seinen Job. Die Stadt Varel hat ihn zum Januar 2011 als „Restrukturierungsmanager“ eingestellt, nach Mehrheitsbeschluss im Rat. Restrukturierung bedeutet in der Wirtschaftssprache Unternehmenssanierung, manchmal auch Krisenbewältigung, in jedem Fall aber: Veränderung. Taddigs selbst nennt sich heute zwar wieder Kurdirektor, „Restrukturierungsmanager konnte ja keine Sau vernünftig aussprechen“, scherzt er. Der Auftrag zur Restrukturierung aber blieb.

Taddigs sagt, der Rat habe ihm zwei Aufgaben gestellt.

Die erste Aufgabe lautet: sparen.

Der städtische Eigenbetrieb Kurverwaltung schreibt Verluste, jahrelang musste die Stadt bis zu 1,5 Millionen Euro für den Kurbetrieb zuschießen. Zudem gab es einen Sanierungsstau in der Kuranlage aus den 80er-Jahren, Gutachter hatten zuletzt einen Investitionsbedarf von 1,6 Millionen Euro errechnet. Taddigs soll das ändern, und eine erfolgreiche Veränderung soll sich für ihn auch lohnen.

In seinem Arbeitsvertrag ist unter Paragraf 5 eine „Nebenabrede“ festgehalten: „Der Beschäftigte erhält (…) eine Sondervergütung für eine Reduzierung des Defizits“, heißt es darin. Die Nebenabrede brachte dem Restrukturierungsmanager in seinem ersten Dangaster Jahr eine Prämie von 18.687 Euro ein. In seinem zweiten Jahr waren es sogar 29.400 Euro.

Taddigs zweite Aufgabe lautet: neue Perspektiven für den Tourismus in Dangast zu entwickeln.

„Ich als Kaufmann sehe das so“, sagt er: „Ich habe keinen liquiden Mittel“ (soll heißen: kein Geld), „aber ich sitze auf einem Berg Bonität“ (soll heißen: Vermögen). Mit Vermögen meint Taddigs das städtische Gelände rund um die defizitäre Kuranlage: 6,5 Hektar groß. Das Gelände mit dem Kurpark, dem Bolzplatz, der Minigolfanlage, Kais „Kinderparadies“ mitten im Dorf.

Am 28. November 2013 beschließt der Rat der Stadt Varel, den größten Teil des Geländes inklusive der Kuranlage an einen Dangaster Investor zu verkaufen, an die Firma Küstenimmobilien der Eheleute Andrea und Lothar Peters. Gemeinsam sollen Politik und Firma einen „vorhabenbezogenen Bebauungsplan zur Ausgestaltung einer Neuausrichtung des touristischen Angebots“ entwickeln. Ein kleiner Streifen des Geländes soll zudem an die Friesenhörn-Klinik (Mutter-Kind-Klinik) gehen, die seit längerem eine Erweiterung plant. Gesamterlös: 5,3 Millionen Euro.

Zum „Taddigs-Plan“, wie das Vorhaben in Dangast jetzt heißt, gehört nicht nur der Abschied vom Alten, sondern auch die Schaffung von Neuem. Mit dem Erlös aus dem Verkauf will die Stadt ein Tourismus- und Kurzentrum bauen, das „Weltnaturerbeportal“. Außerdem soll Dangast eine Strandpromenade bekommen und eine Deicherhöhung.

Das Weltnaturerbeportal steht inzwischen am Eingang zum Wattenmeer, ein 2000 Quadratmeter großer Klinkerbau mit Quellbad, Kurverwaltung, Touristinfo und Sauna. Gesamtkosten: 5,3 Millionen Euro.

Taddigs ist mit den Besucherzahlen im neuen Portal zufrieden, stolz sagt er: „Bislang sind alle Effekte wie geplant eingetroffen.“

Mit der Arbeitsvertragsverlängerung 2014 hat der Rat die teure Sondervergütung für den erfolgreichen Restrukturierungsmanager gedeckelt. Seither bekommt er maximal einen Bonus von 24.000 Euro, wenn er das Jahresziel erreicht. Das Jahresziel für 2016, schriftlich festgehalten im Arbeitsvertrag, lautet, das Defizit des Eigenbetriebs Kurverwaltung auf unter 750.000 Euro zu drücken.

Vor kurzem hat Taddigs die aktuellen Zahlen vorlegt: Das Defizit ist 2016 auf 745.000 Euro gesunken.

Kapitel 2: Die Kritiker, erster Auftritt

Albert Schmoll (links) und Dr. Peter Beyersdorff

Dangast ist:

„Ein Künstlerdorf“, sagt Dr. Peter Beyersdorff, 71 Jahre alt.

„Ein Fischerdorf“, sagt Albert Schmoll, 89 Jahre alt.

„Ein kleines, verschlafenes Nest“, sagt Eckhard Koch, 61 Jahre alt.

Ein Café am Dorfeingang, Bockhorner Klinker, darüber Reetdach, drinnen gibt es Tee und Kuchen. Die Männer machen weiter: Dangast ist „Flair“, sagt einer. „Fläche“, sagt ein anderer. „Und trotzdem weltoffen“, sagt der dritte: Rockkonzerte, Watt’en Schlick-Festival, schräge Kunst. Sollten die Männer Dangast malen, würde es wohl ein Bild vom efeuberankten Alten Kurhaus werden, im Watt davor stünde natürlich die berühmt gewordene schräge Kunst: der Granit-Phallus von Eckart Grenzer, der hölzerne Thron von Kaiser Butjatha.

So soll, so muss Dangast bleiben, das fanden nicht nur die drei Männer im Café. Ein „Arbeitskreis Dorferneuerung“ entwickelte 2010 ein Leitbild für eine sanfte Entwicklung des Dorfs. In den Mittelpunkt des Leitbildes stellte der Arbeitskreis neben das (private) Alte Kurhaus den Kurpark als „grüne Ader“ eines neu belebten Dangasts. Peter Beyersdorff war Mitglied im Arbeitskreis.

Dann kam der „Taddigs-Plan“, die „grüne Ader“ sollte mehrstöckigen Neubauten weichen. Beyersdorff erinnert sich an die Reaktionen darauf: „Schockstarre, Entsetzen!“

Dangast, da sind sich die Männer im Café einig, ist nämlich nicht:

„Massentourismus“, sagt Albert Schmoll.

„McDonald’s-Tourismus“, sagt Eckhard Koch.

„Gesichtslos“, sagt Peter Beyersdorff.

Beyersdorff ist einer der Gründer der Bürgerinitiative Dangast (BI), die auf ihrer Homepage für einen „sanften Tourimus“ wirbt. Die meisten BI-Mitglieder wohnen im Dorf, einige von ihnen vermieten selbst Fremdenzimmer.

Kapitel 3: Der Tourismus-Experte (und ein zweiter Auftritt der Kritiker)

Prof. Dr. Schmoll (Bild: privat; Gestaltung: Ahlers)

Tourismus lohnt sich. Auch für Dangast, sagt Professor Dr. Enno Schmoll, 49 Jahre alt. Er blickt buchstäblich von außen auf Dangast, genauer: von der Wasserseite aus: Schmoll ist Tourismusforscher an der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven, sein Büro liegt am anderen Ende des Jadebusens, Dangast gegenüber.

Schmoll hat im Sommer 2013 einige Zahlen zusammengetragen, die die Bedeutung des Tourismus für Dangast belegen sollen:

> Die Nettowertschöpfung durch Tourismus in Dangast liegt bei 20 Millionen Euro.

> 800.000 bis 1.000.000 Euro bringt der Tourismus an Steuern ein.

> 1157 Vollzeitarbeitsplätze hängen direkt oder indirekt am Tourismus.

Er könnte noch weitere Zahlen nennen, die Bürgerinitiative hat einige davon in einer Zeitungsanzeige veröffentlicht: 150.000 Euro fließen demnach pro Jahr über die Fremdenverkehrsabgabe ins Stadtsäckel, 120.000 Euro kommen zudem über die Zweitwohnungssteuer rein. Das Dangaster Defizit, das der Restrukturierungsmanager Johann Taddigs beseitigen soll, nennen Beyersdorff und seine Mitstreiter deshalb ein „Mysterium“: Dangast bringe mehr Geld ein, als es koste! „Es gab gar keinen Handlungsbedarf“, sagt Peter Beyersdorff mit Blick auf den Taddigs-Plan.

Das sieht Professor Schmoll anders. In seinem Dangast-Gutachten warnt er: So wie bislang geht es nicht weiter in Dangast. Auch dafür führt er Zahlen an, diesmal im Vergleich mit anderen Küstenorten.

> In Dangast gibt es seit 2001 sinkende Übernachtungszahlen: minus 7,1 Prozent. Andere Orte an der Nordseeküste konnten die Zahlen steigern.

> In Dangast verkürzt sich seit Jahren die Aufenthaltsdauer der Gäste. Das passiert laut Schmoll zwar auch in anderen Küstenorten - aber nicht annähernd so stark wie in Dangast.

> Ausgleichen lässt sich dieser Trend durch eine höhere Zahl an Gästeankünften. Aber auch hier bleibt Dangast hinter anderen Küstenorten zurück.

Für Schmoll sind diese Zahlen Indizien dafür, „dass in Dangast die touristische Infrastruktur gegenüber den anderen Orten nur unzureichend weiterentwickelt wurde“.

Im Schmollgutachten findet sich aber auch dieser Hinweis: Mit 756 Übernachtungen pro Einwohner ist Dangast schon jetzt einer der tourismusintensivsten Orte an der Nordseeküste. Zum Vergleich: In Carolinensiel sind es 562 Übernachtungen pro Einwohner, auf Baltrum 687,3, in Neuharlingersiel 696. Nur auf Wangerooge sind es mit 1045,4 deutlich mehr.

Kann dieses Dangast weitere 700 Gästebetten im Nordseepark verkraften?

Schmoll warnt: Mehr Betten ja - aber nur dann, wenn gleichzeitig auch die touristische Infrastruktur verbessert und ein Erlebnisangebot geschaffen würde.

Die Kritiker des Taddigs-Plans sagen: Mehr Betten nein - auf keinen Fall!

Sie organisierten Demonstrationen in Dangast. Die Demonstranten trugen Särge und beerdigten symbolisch Dangast. Sie sammelten 2800 Unterschriften für ein Bürgerbegehren (das abgelehnt wurde). Sie schrieben Einwendungen gegen die Pläne, sie schickten Leserbriefe an die Zeitung.

Alles vergeblich: Die Kuranlage wurde verkauft, im Kurpark wächst der Nordseepark heran.

Aber die Bürgerinitiative sagt: „Wir versuchen zu retten, was zu retten ist.“

Kapitel 4: Der Investor

Lothar und Andrea Peters

Wer im Internet die Seite www.kuestenimmobilien.com öffnet und dort die Rubrik „Unser Dangast“ anwählt, sieht als erstes: das Alte Kurhaus. Auch Lothar Peters, 65 Jahre alt, Küstenimmobilien-Chef und Nordseepark-Investor, wirbt mit dem Dangast-Bild seiner Kritiker.

Lothar Peters und seine Frau Andrea, 45, sitzen in ihrem Büro an der Rennweide, der Blick geht über den Campingplatz hinweg auf den Jadebusen, das Alte Kurhaus liegt nur ein paar Schritte entfernt. Das Telefon klingelt Sturm, Nordrhein-Westfalen hat Ferien. Auf dem Werbeschild vor dem Haus kleben unter der Reklame „Ferienhäuser, Ferienwohnungen“ sechs rote Buchstaben: „Belegt“.

Im Büro hängen die Baupläne für den Nordseepark. „Wir sind seit 20 Jahren in Dangast“, sagt Lothar Peters, „wir machen das nicht nur aus geschäftlicher Sicht. Wir wollen Dangast nach vorn bringen!“

Es gab Zeiten, da bezeichnete Peters den noch neuen Kurdirektor Johann Taddigs in der Zeitung in einem Leserbrief als „existenzgefährdend“ für Dangast. Dann fanden sich Kurdirektor und Investor für die Nordseepark-Pläne zusammen.

Jetzt sagt Peters: Alle 46 Wohnungen aus dem ersten Bauabschnitt sind verkauft, ebenso die 42 Wohnungen aus dem zweiten Bauabschnitt, die noch nicht einmal fertig sind. Für 17 der fertigen Ferienwohnungen organisiert Peters die Vermietung, „die sind alle belegt“, sagt er.

„Ich erschließe hier neue Gästekreise“, sagt Peters. „Das sind Leute, die zum ersten Mal hier sind. Leute, die sonst nicht nach Dangast fahren würden.“ Andrea Peters sagt: „Und das sind Leute, die bereit sind, mehr Geld in Dangast auszugeben.“ Bis jetzt, sagt sie, seien alle Nordseepark-Gäste „begeistert“ gewesen.

Weniger begeistert sind manche Einheimische.

Lothar Peters sagt, es habe Demonstrationen rund um sein Haus gegeben. Die Demonstranten hätten Plakate getragen und seien verkleidet gewesen, sie hätten Angst und Schrecken verbreitet, „meine Tochter hat geschrien“.

An der Nordseepark-Baustelle seien Schilder abgerissen worden, jemand habe sein Auto demoliert.

Wohnungskäufer hätten ihren Kauf wieder rückgängig gemacht, nachdem sie von Dangastern noch auf dem Parkplatz gewarnt worden seien, sie würden ihr Geld zum Fenster rausschmeißen: Die Häuser müssten ja sowieso wieder alle abgerissen werden.

„Die sollten sich schämen!“, sagt Lothar Peters bitter.

In Dangast, 540 Einwohner klein, grüßen sich manche Leute nicht mehr.

Kapitel 5: Die Kritiker, dritter Auftritt / Faktencheck

Vor ein paar Tagen war ein Polizist bei Nordseepark-Investor Peters. Der Beamte stellte ihm viele Fragen, „sehr unfreundlich war das“, sagt Lothar Peters.

Der Streit um Dangast hat das Dorf verlassen, der Fall beschäftigt mittlerweile auswärtige Gerichte, die Staatsanwaltschaften Oldenburg und Osnabrück ermitteln.

Im Café am Dorfeingang liegen Dokumente auf dem Tisch, sie sollen die Vorwürfe der Kritiker belegen. Die Männer halten den Taddigs-Plan nicht nur für eine strategische Fehlentscheidung. Sie wollen sogar kriminelle Vorgänge nicht ausschließen.

Die wichtigsten Vorwürfe der Kritiker, knapp zusammengefasst:

> Das Gelände ist zu schnell verkauft worden. Es gab keine korrekte Ausschreibung, sondern nur ein fragwürdiges Bieterverfahren, das den Investor Peters bevorzugte.

> Das Gelände ist viel zu billig verkauft worden. Der Stadt Varel ist dadurch ein finanzieller Schaden entstanden.

> Der Rat und die Öffentlichkeit sind vom Kurdirektor und von den Investoren getäuscht worden. Die Kuranlage ist nicht, wie im Vorfeld angekündigt, „weitgehend erhalten“ geblieben: Sie wurde bis auf ein einziges Gebäude abgerissen.

> Mit der Kuranlage hat Dangast das mühsam und teuer errungene Prädikat „Nordseebad mit Heilquellen-Kurbetrieb“ eingebüßt. Damit ist ein wichtiges touristisches Alleinstellungsmerkmal des Urlaubsortes an der Nordseeküste weggefallen.

> Die ersten Häuser des Nordseeparks stehen in der Deichschutzzone. Dass der Investor dort bauen durfte, erhöht nicht nur deutlich den Wert des günstig erworbenen Geländes. Vor allem ist es: gefährlich. Der Nordseepark gefährdet Dangasts Sicherheit.

Faktencheck: Was ist dran an den Vorwürfen?

1. Das Verkaufsverfahren

Die Neubauten in der Nähe des Quellbads.

„Öffentliche Ausschreibung bzw. Verkaufsangebot“, so überschrieb die Stadt Varel ihre Suche nach einem Käufer des Geländes. Das war nicht korrekt, wie später die Kommunalaufsicht des Landkreises Friesland feststellte. Aber die Prüfer machten auch deutlich: „Eine falsche Bezeichnung schadet nicht.“ Aus dem Veröffentlichungstext gehe klar hervor, dass es sich „um eine unverbindliche Aufforderung zu Abgabe von Angeboten, ein sog. Bieterverfahren“, handeln sollte. Es habe auch keine „wettbewerbsrechtliche Notwendigkeit“ bestanden, rechtliche Verstöße sehe man deshalb nicht.

Es gibt in Varel Stimmen, die sagen: Es sei schon ungewöhnlich schnell gegangen mit dem Verkauf. Oder: Es sehe so aus, als sollte das Gelände unbedingt an Peters gehen.

Kurdirektor Taddigs sagt, es habe „sechs oder acht“ Interessenten gegeben. Vier Angebote wurden dem Rat vorgestellt, zwei Bieter gelangten in die Endauswahl: das Angebot von Lothar Peters und eines der Friesenhörn-Klinik, mit 150 Mitarbeitern größter Arbeitgeber in Dangast und mit 1,5 Millionen Übernachtungen im Jahr wichtiger Kurbeitrags- und Fremdenverkehrszahler. Peters erhielt den Zuschlag, die Friesenhörn-Klinik bekam ein Teilstück des Geländes für eine Erweiterung zugesprochen.

2. Der Kaufpreis

Die Arbeiten an den weiteren Bauabschnitten sind noch voll im Gange.

Im Herbst 2013 erstellte der „Gutachterausschuss für Grundstückswerte Oldenburg“ im Auftrag der Stadt Varel ein „Gutachten über den Verkehrswert“. Die Prüfer besichtigten Gelände und Gebäude, zogen Vergleichswerte heran und taxierten den Gesamtwert auf 5,136 Millionen Euro. Als Quadratmeterpreis veranschlagten sie 80 Euro, nach Abzug verschiedener anfallende Kosten für den Käufer, zum Beispiel für die Erschließung des Geländes.

Die Kritiker des Taddigs-Plans stellen die Berechnungen infrage. Sie halten es für falsch, dass die zu dem Zeitpunkt knapp 35 Jahre alten Gebäude als „nicht nachhaltig wertrelevant“ eingestuft wurden. Sie bemängeln auch, dass bei der Berechnung des Marktwerts auch die „Kosten für den Rückbau der Gebäude“ und sogar das „Risiko des Investors“ wertmindernd einkalkuliert wurden.

Die Kommunalaufsicht des Landkreises hat das Wertgutachten überprüft und kam zu dem Schluss, es sei „nachvollziehbar“. Der erzielte Kaufpreis verstoße nicht gegen geltendes Recht.

Auffällig bleibt allerdings zweierlei.

Erstens: Die Gutachter halten als wertmindernd fest, dass die „Lage der drei massiven Gebäude (…) in Verbindung mit der Einhaltung der Deichschutzzone“ die „planerische Ausnutzung des Flurstücks erheblich beeinträchtigt“. Soll heißen: Der Kaufpreis darf nicht zu hoch ausfallen, weil dem Käufer durch die alten Gebäude weitgehend die Hände gebunden sind. Diesen angeblichen Wertnachteil hat der Investor aber nach dem Kauf durch den weitgehenden Abriss der Gebäude und durch die Bebauung der Deichschutzzone ausgeglichen.

Zweitens: Die Friesenhörn-Klinik hat für ihr Teilstück umgerechnet einen höheren Preis gezahlt, nämlich rund 100 Euro pro Quadratmeter. Warum? Darauf weiß niemand eine Antwort zu geben.

3. Die Kuranlage

Die alte Kuranlage, früher und heute.

Warum bevorzugten die Ratsmitglieder das Gebot von Lothar Peters? In den Protokollen findet sich eine Antwort auf diese Frage, ausschlaggebend waren demnach vor allem zwei Gründe. Erstens: Peters‘ Kaufangebot lag um 200.000 Euro über dem Angebot der Friesenhörn-Klinik (die allerdings auch nicht das ganze Gelände erwerben wollte), er war also der Höchstbietende. Zweitens: Peters‘ Konzept sah vor, dass die Gebäude der Kuranlage „in ihrem Bestand erhalten und qualifiziert“ werden.

Der „weitestgehende Erhalt der heutigen Kuranlage“ war Ziel des Rates, so steht es in der Beschlussvorlage zum geplanten Verkauf, und so findet es sich später auch als Passus im Kaufvertrag wider. Laut Paragraf 7 sollen die Einzelheiten „hinsichtlich der Nutzung der Kuranlage ,Deichhörn‘“ „in einem gesondert zu vereinbarenden Vertrag“ geregelt werden. Dieser Vertrag kam nie zustande. Warum auch: Die Kurgebäude gibt es nicht mehr.

Die Kritiker vermuten, dass der Abriss von Anfang an geplant und die Öffentlichkeit darüber getäuscht worden sei. Lothar Peters streitet das ab. „Wir wollten das doch erhalten“, sagt er, „aber das ging ja nicht!“ Die Gebäude seien verspakt gewesen, in den Decken habe Schimmel gesessen, „die haben das einfach vergammeln lassen“. „Die“, das ist die Kurverwaltung, schon länger stand ein Teil der Räume leer. Das große Jod-Sole-Bewegungsbad schloss die Kurverwaltung bereits Anfang 2011.

Auch der Gutachterausschuss besichtigte die Gebäude. Er kam mit Blick auf die „in die Jahre gekommene Bausubstanz“ zu dem Schluss, dass kein „positiver Wertansatz“ zu erzielen sei. Eine Sanierung der Gebäude würde teurer kommen als ein Neubau. Auffällig: Die Gutachter empfehlen indirekt den Abriss, gehen bei ihrer Wertberechnung aber trotzdem vom Erhalt der Gebäude aus.

4. Das verlorene Prädikat

573 Meter unter Dangast sprudelt eine Jod-Sole-Quelle. Seit Mitte der 70er-Jahre nutzte Dangast dieses extrem salzhaltige Wasser für medizinische Zwecke, allen voran im 1979 eröffneten Jod-Sole-Bad. Seit den 80er-Jahren durfte sich Dangast nicht nur „Nordseebad“ nennen, sondern auch „Ort mit Heilquellen-Kurbetrieb“. Für beide Prädikate müssen bestimmte Voraussetzungen nach der niedersächsischen Kurortverordnung erfüllt werden, die alle zehn Jahre überprüft werden.

2015 verlor Dangast das zweite Prädikat wieder – weil „zwei grundlegende Voraussetzungen für den Erhalt der staatlichen Anerkennung nicht mehr gegeben“ waren, wie das zuständige Wirtschaftsministerium in Niedersachsen mitteilt. Weggefallen sind diese Voraussetzungen durch die Schließung des Sole-Bewegungsbades in der Kuranlage und die Aufgabe der Badearzt-Praxis im Ort.

Die Voraussetzungen für das Prädikat „Nordseebad“ erfüllt Dangast nach Angaben des Ministeriums weiterhin. Damit das auch in Zukunft so bleibt, bekommt Dangast als Ersatz für den weggefallenen Kurpark am Deich einen „Seekurpark“, der mit 10.000 Quadratmetern allerdings deutlich kleiner ausfällt als der alte Kurpark. Das Wirtschaftsministerium hat unlängst einen Förderbescheid in Höhe von 330.000 Euro übergeben, auch die deichrechtliche Ausnahmegenehmigung für die Anlage liegt mittlerweile vor.

Die Kritiker des Taddigs-Planes beklagen, dass Dangast nun nur noch „Nordseebad ohne kurmedizinische Kompetenz“ sei. Das ist inhaltlich korrekt, sprachlich aber nicht: „Die offizielle Bezeichnung lautet Nordseebad“, erklärt das Wirtschaftsministerium, „der Zusatz mit/ohne kurmedizinischem Hintergrund ist nicht Namensbestandteil“.

Tourismusforscher Schmoll hat die Jod-Sole-Quelle in seinem Gutachten als ein Alleinstellungsmerkmal für Dangast identifiziert. Allerdings sah er auch „offenkundige Schwächen“ in der Infrastruktur, vor allem die Saunaanlage sei „nicht mehr wettbewerbsfähig“.

Kurdirektor Taddigs verweist auf Zahlen: 600.000 Übernachtungen verbuche Dangast mittlerweile im Jahr, nur 2500 davon ließen sich auf die Heilquelle zurückführen, „das ist Promillebereich“, sagt Taddigs. Er folgert daraus: „Über die Sole haben die Besucher mit den Füßen abgestimmt.“ Allein wegen der stetig sinkenden Nachfrage habe auch der Badearzt seine Praxis aufgegeben.

Derzeit fließt das Sole-Wasser nur noch ins große Sole-Quellbad ein, Kuranwendungen gibt es keine mehr. Taddigs betont aber, dass Dangast den Sole-Brunnen erhalten werde; „wenn ein privater Investor da etwas entwickeln will, stellen wir das gern zur Verfügung“.

5. Die Deichschutzzone

Die 50 Meter breite Deichschutzzone dient der sogenannten Deichverteidigung: Bei einer Sturmflut müssen schwere Baufahrzeuge Platz am Deich finden und große Lastwagen Sandsäcke anfahren können, auch im Gegenverkehr. Deshalb gilt dort ein grundsätzliches Bebauungsverbot.

Ein Bauherr kann aber eine deichrechtliche Ausnahmegenehmigung beantragen, im Internet finden sich sogar Vordrucke dafür; ungewöhnlich ist der Vorgang nicht. Lothar Peters hat einen entsprechenden Antrag für die ersten fünf Häuser des Nordseeparks gestellt.

Im Januar 2015 genehmigte die Untere Deichbehörde die Ausnahme. Die Grundlage der Genehmigung bildet die „atypische Deichlage“, die in Dangast auch schon in anderen Fällen Ausnahmegenehmigungen ermöglicht hat: Der Ort liegt erhöht auf einem Geestrücken. Die verbleibende Deichschutzzone von 21 Metern sei deshalb hinreichend, stellte die Behörde fest.

Auf Anforderung des Umweltministeriums musste die Behörde die Begründungen im Juli noch einmal nachbessern und führte deutlicher aus, dass eine Ablehnung der Ausnahmegenehmigung zu einer „Beeinträchtigung des Allgemeinwohls“ führen und eine „Härte“ für den Investor darstellen würde.

Die Kritiker des Taddigs-Plans zweifeln an, dass hier eine „Härte“ vorliegt. „Hier will doch nur ein Investor seinen Profit optimieren“, sagt Eckhard Koch.

Zu den Kritikern zählt auch Wolfgang Wilts, 74 Jahre alt, aus Varel. Wilts war früher bei der Bezirksregierung Weser-Ems für den Küstenschutz zuständig, er nennt die Bebauung der Deichschutzzone „brandgefährlich“. Er sagt: „Das hier ist, mit Husum, die gefährlichste Stelle der deutschen Nordseeküste!“ Seit Monaten warnt Wilts die zuständigen Behörden in regelmäßigen Eingaben gegen den seiner Ansicht nach „nicht verantwortbaren“ Eingriff in die Deichschutzzone. Bislang ohne Erfolg. Auch der II. Oldenburgische Deichband teilte schließlich mit, man habe „keine Bedenken“.

Investor Peters zeigt durch die Fensterfront seines Büros auf Dangast: „Die haben hier doch alle eine Ausnahmegenehmigung! Unsere Häuser sind doch nicht die einzigen in der Zone!“

Kurdirektor Taddigs zuckt im Weltnaturerbeportal mit den Schultern. „Herr Peters hat sein Grundstück eben nachqualifiziert“, so sieht er das aus Kaufmann.

Jetzt sollen Gerichte klären, was zumindest an einem Teil den Vorwürfen dran ist. Mehrere Dangaster haben, unterstützt von der Bürgerinitiative, Strafanzeigen gestellt.

Bei der Staatsanwaltschaft laufen Ermittlungen gegen Kurdirektor Johann Taddigs und Varels Bürgermeister Gerd-Christian Wagner wegen des Verdachts der Untreue. Hintergrund ist der mutmaßlich zu günstige Verkauf des Geländes der Kuranlage.

„Wenn Sie ein städtisches Gelände unter Wert verkaufen, dann ist der Kaufvertrag nichtig“, sagt Peter Beyersdorff von der Bürgerinitiative. Im Dangaster Kaufvertrag versichert der Bürgermeister als „Vertreter der Verkäuferin“, der Stadt Varel, mit Unterschrift unter Paragraf 2 „im Hinblick auf das gesetzliche Verbot“, dass „eine Veräußerung unter Wert nicht vorliegt“.

Die Polizei vernimmt in der Sache derzeit Zeugen, deshalb war sie neulich bei Lothar Peters.

Beim Oberverwaltungsgericht in Lüneburg ist ein Verfahren anhängig, in dem darüber entschieden werden soll, ob die deichrechtliche Ausnahmegenehmigung Investor Peters zu Unrecht erteilt wurde und damit die Baugenehmigung illegal war.

Die Kritiker des Taddigs-Plans haben nach eigenen Angaben bereits Zehntausende von Euros ausgegeben für ihre Kampagnen und den Rechtsstreit. Sie drohen: Pleite sind wir noch lange nicht!

Kapitel 6: Der Politiker

Aber was ist Dangast nun wirklich? Fischerdorf? Künstlerdorf? Touristenhochburg?

Karl-Heinz Funke sitzt in seiner Küche, er saugt an seiner Pfeife, schmunzelt und sagt: „Dangast ist ein Bauerndorf, das vergessen dauernd alle. Wir Bauern waren aber zuerst da!“ Funke ist ein großer Erzähler, wie immer hat er Zahlen und Geschichte(n) parat, er holt aus: Der Funkehof, der Stammsitz seiner Familie, lasse sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen...

Was er nicht saget: Dangast ist auch ein bisschen Funkedorf, nicht nur wegen des Funkehofs. Karl-Heinz Funke, 71 Jahre alt, Landwirt und Studienrat, seit der Schule politisch aktiv, Bürgermeister, Landesminister, Bundesminister, sitzt seit 45 Jahren für Dangast im Rat der Stadt. Jahrzehnte lang war er Mitglied der SPD, 2011 gründete er die neue Partei „Zukunft Varel“. „Zukunft Varel“ hat die SPD abgelöst als stärkste Kraft im Rat.

Manche Leute sagen: In Dangast passiert nichts, was Karl-Heinz Funke nicht will.

Der Nordseepark bildet möglicherweise eine Ausnahme. „Mir passt das nicht“, gibt Funke zu.

Ihm gefallen die Dimensionen der Neubauten nicht, ihm gab es zu wenig Diskussion, ihm ging der Verkauf zu schnell. Vor allem aber findet er, dass die Anlage unter Wert verkauft worden ist. Eine „richtige Ausschreibung“, davon ist Funke überzeugt, hätte der Stadt mehr Geld eingebracht.

Aber Funke sagt heute auch: „Das ist ein Mehrheitsbeschluss, das muss man jetzt akzeptieren.“

Wenn der Taddigs-Plan so viele Gegner in Dangast hat, darunter den prominentesten Einwohner, nämlich Karl-Heinz Funke – wieso kam es dann zu einem Mehrheitsbeschluss im Rat?

Funke, der Vollblutpolitiker, sagt: „Die Gegner haben es versäumt, sich Verbündete zu suchen.“

Wenn der Stadtrat über Dangast entscheidet, dann stimmen nicht nur Dangaster ab. Im Rat sitzen auch Vertreter aus Ortsteilen wie beispielsweise Obenstrohe, Büppel, Neuenwege. Und dort, Dangast, das weiß Funke aus jahrzehntelanger Ratsarbeit, wurde das Nordseebad Dangast immer mit Argwohn betrachtet. Er nimmt die Pfeife aus dem Mund, um deutlicher zu werden: „Dangast hat einen schlechten Ruf.“

Funke, der Erzähler, hebt an zu einer weiteren Geschichte. Damals, als er noch Bürgermeister war, musste er sich immer die Klagen der Nicht-Dangaster anhören. Da war zum Beispiel dieser 90. Geburtstag in Altjührden, man plauschte, es gab einen Kurzen, natürlich sprach man Platt. Und natürlich fragte ihn irgendwann das Geburtstagkind, so wie die meisten Geburtstagskinder: „Mutt dat ganze Geld jümmers na Dangast“, muss das ganze Geld immer nach Dangast? Dangast kostet unser Geld - SO denkt man in Varel über Dangast.

Und dann kommt da ein schneidiger neuer Kurdirektor und präsentiert einen Plan, wie er die Dangaster Kosten senken will. Tolle Idee, denken die Leute, aber in der Bürgersprechstunde melden sich natürlich wieder zuerst die unzufriedenen Dangaster zu Wort. Sie klagen über ihren verlorenen Bolzplatz. Über den fehlenden Minigolfplatz. Und, schlimmer noch, über den vielen Verkehr. Wir armen Dangaster! Ständig ist da Stau, ein unaufhörlicher Fluss, der unsere schönen Straßen verstopft!

In der Bürgersprechstunde meldete sich dann jemand aus Langendamm zu Wort. „Wie kommen die Leute eigentlich alle nach Dangast?“, fragte er. Es wurde still im Saal. Denn jeder weiß: Alle Autos, die nach Dangast fahren, müssen zuerst durch Langendamm. Aber nie hält eines der Autos vor einem Geschäft in Langendamm an. Ihr Geld, das bringen die Urlauber seit eh und je allein den armen Dangastern.

Dangast verändert sich, Karl-Heinz Funke akzeptiert das.

Sorgen macht ihm längst etwas anderes: Würden sie den Riss jemals wieder kitten können, der längst durchs Dorf geht?

Kapitel 7: Die Minigolfer

Bis zuletzt auf Platz 1: „Kai, der Hai“

„Einmal Trauerflor, bitte“

„Haste schon wieder verloren?“, Malte Bauer grinst.

„Ja“, brummt Dieter Oßadnik, 79 Jahre alt, „gegen die kannste ja nicht spielen.“ Er meint seine Enkelkinder.

Oßadnik zündet sich vor dem Minigolfkiosk eine Zigarette an. Er lässt den Blick kreisen: von der Minigolfbahn über den Bolzplatz zu den Neubauten. „Ich fürchte ja, dass man Dangast kaputt macht“, sagt er dann. „Der Strand ist doch jetzt schon zu klein. Wie soll das gehen, wenn noch mehr Touristen kommen?“

Gerade eben habe er mit einem älteren Ehepaar aus dem Rheinland oder so gesprochen, das seit 20 Jahren Urlaub in Dangast mache. Der Mann habe gesagt: Wenn ich die Kasernen da schon sehe! „Die wollen nicht wiederkommen“, sagt Oßadnik. Er selbst wohnt in Herdecke, Nordrhein-Westfalen, früher hat er im Öffentlichen Dienst gearbeitet. Seit zwölf Jahren verbringt er seinen Urlaub in Dangast. „Wir kommen auch nicht wieder“, kündigt er an. Dann lacht er. „Naja, das sage ich heute. Und morgen sagen wir dann: Wir kommen doch wieder.“

Kai der Hai steht auch schon wieder vor dem Minigolfkiosk. „So schlecht finde ich die Häuser da oben eigentlich gar nicht“, sagt er leise, Malte Bauer soll es nicht hören, der Bahnbetreiber. „Aber hier unten, wenn die das alles wegmachen … ist das dann noch Dangast?“

Epilog

Die Minigolf-Anlage im November.

In seinem Kurdirektorenbüro sagt Johann Taddigs: „Ich wollte ja eigentlich 1000 neue Betten haben, aber ich habe mich leider nicht durchgesetzt. Mit 1000 Betten würden wir eine schwarze Null schreiben.“

Aber Taddigs hat längst neue Pläne.

Spannend fände er zum Beispiel ein Wellness-Hotel mitten in Dangast, privat betrieben. Dann könnte auch die Jod-Sole-Quelle wieder gewinnbringend genutzt werden.

Und statt der Minigolfanlage („Liebhaberei des Pächters“, „seit 25 Jahren quasi unverändert“, „von nennenswerter Nachfrage konnte keine Rede sein“) wünscht er sich eine Adventure-Golf-Anlage für Dangast: anderer Standort, anderer Betreiber, ganz neu, ganz modern. Auf jeden Fall: anders.

Enno Schmoll, der Tourismusprofessor, sagt, er und sein Team seien bei den Planungen des Nordseeparks „leider“ nicht mehr berücksichtigt worden, „das ist bedauerlich“.

Eckhard Koch, der Kritiker, droht im reetgedeckten Café: „Wir sind noch nicht am Ende. Ich bin davon überzeugt, dass da Häuser wieder abgerissen werden!“

Karl-Heinz Funke, der Politiker, saugt in seiner Küche an der Pfeife. „Die Häuser sind da, abreißen können wir die nicht mehr. Wer sollte das denn bitte bezahlen?“

Lothar Peters, der Investor, blickt aus seinem Bürofenster aufs Watt. „Das, was hier mit uns passiert ist, lässt sich nie wieder gutmachen.“

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft teilt auf Nachfrage offiziell mit: „Die Ermittlungen dauern an.“ Inoffiziell fügt er hinzu: „Das ist alles fürchterlich kompliziert.“

Dangast im November.

Die Dämmerschatten legen sich jeden Tag früher auf die Minigolfanlage von Malte Bauer. Er muss jetzt bereits am Nachmittag schließen, das Licht reicht nicht mehr. Die Herbstferien in Nordrhein-Westfalen nimmt er noch mit, sagt er. Dann sind auch die vorbei. Er schließt den Zaun zur Minigolfanlage, er schließt seinen Kiosk, zum letzten Mal. Die Bestentafel hat er Kai Odrian versprochen: Kai dem Hai.

Und nun? Malte Bauer zuckt mit den Schultern und sagt: „Keine Ahnung.“

Text: Karsten Krogmann
Multimedia: Christian J. Ahlers