• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Delmenhorst schweigt nicht mehr

20.12.2014

Delmenhorst /Oldenburg Anwalt Erich Joester wedelt auf dem Podium mit einem Buch. Es geht um Patiententötungen. Es geht um Serienmörder. „Man würde sich wünschen, das Buch wird Zwangslektüre in Krankenhäusern“, sagt der Berater des Klinikums Delmenhorst. Er hat es gelesen, vor vielen Jahren, weil er Jurist ist, sagt er. Im Sommer 2005, als Niels H. verhaftet wird und das Klinikum ihn um Hilfe bittet, weiß Joester sofort: Hier war ein Serientäter am Werk.

Das Klinikum Delmenhorst hat am Freitag in die „Divarena“ eingeladen. Erste Pressekonferenz nach drei Monaten Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger Niels H. Geschäftsführerin Sonja Drumm verliest eine knappe Erklärung. Dann hat der Anwalt das Wort. Trägt das Klinikum eine Mitverantwortung für die mutmaßliche Mordserie von 2003 bis 2005?, fragen die Journalisten. Warum ist der erhöhten Verbrauch des Medikaments Gilurytmal nicht aufgefallen? Weshalb hat niemand auf die steigende Sterberate auf der Intensivstation reagiert?

Journalisten genervt

Joester geht anfänglich auf keine Frage ein, schweift ab, zum Buch über Patiententötungen, zu Mordserien in Kliniken seit den 1970er Jahren, zum generellen Problem bei der Medikamentenkontrolle. „Es gab nicht einen einzigen Todesfall mit Gilurytmal weltweit“, betont Joester. Kalium, Insulin, das benutzten die Täter. „Sie können jederzeit im Krankenhaus auch mit Luft umgebracht werden“, erklärt der Anwalt. „Das können sie nicht kontrollieren.“ Die Journalisten reagieren zunehmend genervt. „Wollen sie etwas vertuschen?“, ruft einer dazwischen.

Nein, nichts soll vertuscht werden, mischt sich plötzlich Geschäftsführerin Drumm wieder ein. „Es geht um die Aufklärung einer Mordserie.“ Eine Mitverantwortung des Klinikums Delmenhorst will sie genauso wenig einräumen wie ihr Anwalt. „Ich denke, das war für Delmenhorst nicht zu sehen“, sagt Joester. Entschädigungen für Angehörige von Opfern würde das Klinikum schon zahlen, „wenn eine Mitschuld festgestellt wird“. Ja nicht zugeben, weil sonst der Versicherungsschutz in Gefahr ist. Das wird überdeutlich.

Drumm, erst seit Mai 2014 im Amt, spricht den Angehörigen ihr Beileid aus, bietet Einsicht in die Patientenakten im Beisein eines Arztes an. Der öffentliche Vorwurf, Mitarbeiter hätten bei den mutmaßlichen Taten von Niels H weggesehen, sei falsch, sagt sie. Der Ex-Pfleger sei damals kein Monster gewesen, kein „bulliger Typ“, kein „Klinikkiller“, wie er heute beschrieben werde. „Niels H. war bei den Mitarbeitern beliebt, medizinisch versiert, sympathisch und hatte eine gepflegte Erscheinung“, erläutert Drumm.

Die beiden Vertreter des Klinikums Delmenhorst gehen in die Offensive, teilen aus. Gegen die Ermittlungsbehörden: Die damalige Krankenhausleitung habe 2005 auf die erhöhte Todesstatistik hingewiesen. Die Daten und Fakten seien demnach nicht neu. Gegen die Gerichte: „Dass für eine derartige Handlung kein lebenslanges Berufsverbot ausgesprochen wurde, schockierte nicht nur die damalige Krankenhausleitung“ (Drumm über den abgeurteilten Mordversuch von Niels H. an einem Patienten). Gegen das Klinikum Oldenburg: Entgegen der Behauptungen aus Oldenburg wurde in der gemeinsamen Arzneimittelkommission nicht über Gilurytmal gesprochen, sei das „hervorragende Zeugnis“ für Niels H. in Oldenburg nicht angemessen gewesen.

Es dauert knapp drei Stunden bis zur gepfefferten Antwort aus dem Klinikum Oldenburg. Im Mittelpunkt: Der Streit um Gilurytmal. Das Klinikum Oldenburg nehme die Äußerungen zu dem Medikament nicht wie vom Klinikum Delmenhorst gefordert zurück, heißt es in der Erklärung. „Mit einem fünfseitigen Schreiben vom 23.03.2004 und auch innerhalb der Arzneimittelkommission (AMK) wurden Medikamenten-Listen übermittelt, in denen die Anzahl der Sonderanforderungen an Gilurytmal sichtbar war“, schreibt Dirk Tenzer, Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg. „Uns liegen zusätzliche Unterlagen aus der AMK vom 13.04.2004 vor, aus denen hervorgeht, dass die Liste der Sonderanforderungen durchgegangen wurde“, schlägt Tenzer zurück.

Neue Fusionspläne

Was steckt hinter dem Klinik-Streit? Natürlich die Angst vor Imageschäden für die Häuser. Natürlich die Frage der Mitverantwortung für die Todesfälle und damit möglicherweise verbundene Entschädigungszahlungen an die Angehörigen der Opfer. Das Klinikum Oldenburg hat Entschädigung für zwölf Patienten zugesagt, die möglicherweise von Niels H. mit Kalium ermordet wurden. Im Klinikum Delmenhorst könnte die Zahl viel höher liegen. Laut Drumm wurden der Polizei Ende Oktober 167 Krankenakten von Patienten übergeben, die während der Dienstzeit von Niels H. auf der Intensivstation starben.

Im Streit spielt vielleicht auch die geplatzte Fusion der Kliniken eine Rolle. Oldenburg wollte Delmenhorst übernehmen. Anfang dieses Jahres platzt der mögliche Deal. Der damalige Geschäftsführer Peter Stremmel, der offenbar lieber mit Oldenburg paktieren will, muss gehen. Drumm wird neue Geschäftsführerin. Über den möglichen Plan hinter dem Wechsel wird spekuliert. Offiziell strebt das Klinikum eine Fusion mit dem Josef-Stift in Delmenhorst an.

Weg vom Schauplatz Delmenhorst, nach Oldenburg. Im Landgericht wird am Freitag der laufende Prozess wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs gegen Niels H. fortgesetzt. Und der könnte bald zu Ende sein. Das Gericht will voraussichtlich im Februar das Urteil verkünden. Bis Ende Januar soll die Beweisaufnahme abgeschlossen sein. „Aus Sicht der Kammer kann man sich vorstellen, dass das Verfahren im Februar abgeschlossen sein kann“, sagt der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann. Dem Angeklagten droht bei einem Schuldspruch lebenslange Haft.

Urteil im Februar

Zwei Zeugen sagen aus, dass das Klinikum Delmenhorst bereits unmittelbar nach der Festnahme von Niels H. im Jahr 2005 Listen mit den Todesfällen im Krankenhaus und den Dienstzeiten des Pflegers zusammengestellt hat. Zwei ehemalige Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst verweigern die Aussage, weil gegen sie in Zusammenhang mit den Todesfällen ermittelt wird. Die Staatsanwaltschaft deutet an, dass möglicherweise bald gegen mehr als die bekannten acht Mitarbeiter der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst ermittelt wird. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert unterdessen erneut einen Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Todesfällen. CDU und FDP hätten sich dafür offen gezeigt, erklärt Vorstand Eugen Brysch. Jetzt sollten auch SPD und Grüne den Weg dafür frei machen.


NWZ TV    zeigt einen Beitrag unter   www.nwzplay.de 
Spezial zum rozess unter   www.nwzonline.de/krankenpfleger-prozess 
Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2008
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.