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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Deutsch-englische Erlebnisse

18.06.2011

CNDDDDDDDD Neuerscheinungen

Anneliese Bulling (1900-2004) stammte aus einer begüterten Familie aus Butjadingen. Sie führte mit ihrer Familie, vor allem mit ihrer Mutter, einen regen Briefwechsel. Es handelt sich um mehr als 4.000 Briefe, die Sie an ihre Eltern und Familienangehörige geschrieben, sowie um einige Schreiben, die Sie erhalten hat, u.a. von ihrem Lebensgefährten und späteren Ehemann Erwin Gutkind.

Die Briefe befinden sich heute im Stadtmuseum Oldenburg. Für die vorliegende Publikation wertete der Verf. 800 Briefe der Jahre zwischen 1928 und 1946 aus. Es handelt sich nicht um eine Textedition, sondern um eine Darstellung der Erlebnisse Anneliese Bullings auf der Grundlage der Schreiben. Der Verf. zitiert dabei immer wieder aus den Briefen.

Der Leser erfährt Einzelheiten aus den Studienjahren der Anneliese Bulling in Berlin. Hier studierte sie nach ihrer ersten gescheiterten Ehe Kunstgeschichte und Sinologie. Weil sie kein Abitur hatte, musste sie eine Begabtenprüfung ablegen. Sie spezialisierte sich auf ostasiatische Kunst und schloss ihr Studium mit der Promotion ab.

Neben der finanziellen Unterstützung durch ihre Eltern erhielt sie immer wieder auch Nahrungsmittel zugeschickt. Nahringsmittelpakete aus dem Oldenburger Land erhielt sie auch später noch, als sie in England lebte. Außerdem schickte sie ihre Wäsche nach Hause, was sie auch später beibehielt. Während ihres Studiums lernte sie den aus einer jüdischen Familie stammenden Architekten Erwin Gutkind kennen, der schließlich ihr Lebensgefährte wurde. Gemeinsam durchstanden sie die Schwierigkeiten der Wirtschaftskrise. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Erwin Gutkind nach England. Anneliese Bulling folgte ihm dorthin.

Die meiste Zeit über lebten sie in Hampstead/London, zeitweise auch in Aberystwyten in Wales. Anneliese Bulling kehrte zwischenzeitlich immer wieder nach Deutschland zurück und besuchte dort ihre Eltern. Diese wohnten zunächst noch in Ellwürden, dann in Oldenburg, wohin die Eltern nach der Pensionierung des Vaters gezogen waren. In Großbritannien lebten Erwin und Anneliese in bescheidenen Verhältnissen. Anneliese Bulling beschäftigte sich weiter intensiv mit ihrer Wissenschaft. Obwohl sie Kontakte zu maßgeblichen Persönlichkeiten knüpfen konnte, erreichte sie doch keine unbefristete Anstellung und war auf Zuwendungen ihrer Eltern und von Verwandten und Unterstützung durch ihren Lebensgefährten angewiesen. Erwin Gutkind hatte zeitweise Anstellungen bei staatlichen und nichtstaatlichen Stellen und betätigte sich als Fachschriftsteller. Es gelang ihm noch, seine beiden Kinder aus Deutschland nach England zu holen. Seine frühere Ehefrau und seine betagte Mutter blieben hier zurück und fielen dort den nationalsozialistischen Verbrechen zum Opfer. Anneliese Bulling war noch kurz vor Kriegsausbruch in Deutschland und beeilte sich, als sich die Kriegsgefahr verdichtete, nach Großbritannien zurückzukehren.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Briefkontakt mit Deutschland immer schwieriger und musste teilweise über Drittländer und Freunde und Bekannte abgewickelt werden. Dabei beachteten die Briefeschreiberinnen bestimmte Regeln bei ihren Formulierungen, um der Zensur nicht aufzufallen.

Nach dem Krieg war der Briefverkehr wieder leichter zu bewerkstelligen, musste aber zunächst in Englisch abgefasst sein. Ihre Mutter konnte Anneliese Bulling erst 1949 also nach zehn Jahren in Oldenburg wiedersehen.

Den Abschluss der Publikation bildet eine mentalitätsgeschichtliche Einordnung der Briefe. Die Publikation ist durchgehend mit Anmerkungen versehen, die zumeist auf die entsprechenden Briefe verweisen, aber auch Kommentare und Erläuterungen enthalten.

Die Darstellung ist lebendig geschrieben und gut lesbar. Sie wirft ein ganz unmittelbares Licht auf das Erleben und Empfinden von Anneliese Bulling und ihrer Umgebung.

Andreas Vonderach: Von Ellwürden nach Hampstead. Die Briefe der Oldenburger Emigrantin Anneliese Bulling. Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Oldenburger Bürgertums in der Zeit des Nationalsozialismus, hrsg. vom Rüstringer Heimatbund e. V., Verlag Wilhelm Böning, Nordenham 2009, 176 S., Abb., ISBN 978-3-00-027620-0, Preis: 12,80 EUR.

Jörgen Welp

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