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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Die Schatten der Nazi-Vergangenheit

22.02.2014

Wehnen /Cloppenburg /Oldenburg Als Lieschen B. nicht mehr weiter wusste, öffnete sie den Gashahn ihres Küchenherdes. Ihre fünf kleinen Kinder waren bei ihr. Draußen über der kleinen Stadtwohnung tobte der Krieg, ihr Mann war mal wieder bei dieser anderen Frau.

Aber Mutter und Kinder überlebten. Man brachte Lieschen B. in die Heil- und Pflegeanstalt nach Wehnen, die Ärzte diagnostizierten bei ihr Schizophrenie. Ein Jahr später, am 2. Januar 1945, starb Lieschen B., laut Krankenakte „an einem allgemeinen körperlichen Verfall“. Als ihr Mann den Leichnam sah, ahnte er: Man hatte sie einfach verhungern lassen.

Die alte Pathologie in Wehnen, rechts liegt der Sektionsraum, blasses Gelb, kühles Grün: An der Wand kleben noch die aufgeplatzten Fliesen, der Fußboden ist rissig, und abfallend, Flüssigkeiten sollten hier ablaufen können. Sah in diesem Raum der Ehemann die tote Lieschen B. zum letzten Mal? Wo der Seziertisch festgeschraubt war, steht jetzt eine Rollbahre, darauf liegen rote Büchlein. Jedes erzählt die Geschichte eines Krankenmordes. Lieschen B. aus Wilhelmshaven. Heinrich R. aus Osternburg, ermordet 1945. Bernhard B. aus Varel, ermordet 1944.

Mindestens 1500 Patienten starben hier den Hungertod. Erforscht hat die Fälle der Oldenburger Historiker Dr. Ingo Harms, er sichtete seit den 80er-Jahren Krankenblätter und Behördenakten. Er legte menschliche Schicksale frei und Verwaltungsvorgänge, er entlarvte so ein System von Bereicherung durch Vernichtung. Er fand Protokolle von Regierungsrat Carl Ballin, Vorstand des Landesfürsorgeverbandes, der die Anstalt Wehnen verwaltete: Ballin erklärt darin 1941, wie der Verband die „Ausgaben für das erbbiologisch unwerte Leben“ reduzierte, wie er die Pflegesätze für Patienten wie Lieschen B. von 3,25 Reichsmark täglich auf 1,85 Reichsmark senkte, wie „im Land Oldenburg bisher schon fast zwei Millionen Reichsmark gespart“ werden konnten“

Das war die Einnahmenseite.

Harms fand auch Dokumente zur Ausgabenseite. Er stellte fest, dass der Landesfürsorgeverband ab 1939 jährlich rund 2000 Reichsmark an das Museumsdorf Cloppenburg zahlte, dass das Museumsdorf 1944 für 50 000 Reichsmark an den Verband „förmlich“ übergeben wurde, dass der Verband seine Zahlungen ans Museumsdorf fortan auf mindestens 26 000 Reichsmark erhöhte.

Harms schloss daraus: Das Museumsdorf hat wirtschaftlich von den Morden profitiert.

„So geht es nicht!“

Bei seiner Forschung zu Wehnen blieb die Ausgabenseite nur ein Nebenaspekt. Jetzt will er aber wissen: „Wo wurde überall Geld abgezogen, und wo wurde es reingesteckt?“ Im Februar 2010 schlug er deshalb dem Museumsdorf vor, ein Forschungsprojekt zu starten. Vier Jahre später gibt es das Projekt immer noch nicht, und Ingo Harms, 64 Jahre alt, sagt: „Ich habe das Gefühl, das wird blockiert!“

Ein Vormittag im Museumsdorf, es nieselt, die Weg sind matschig, nur ein paar Schulklassen sind unterwegs. Ein paar Mädchen laufen gerade aus der Kappenwindmühle, sie liegt nicht weit vom Eingang: erbaut 1764 in Bokel, wiederaufgebaut im Museumsdorf 1941.

Der Museumsdirektor sitzt vorn in seinem Büro, der Schreibtisch voller Papiere, an der Tür lehnen zwei Säbel. Professor Dr. Uwe Meiners, 62 Jahre alt, sagt: „Ja, wir arbeiten an unserer eigenen Geschichte, seit langem.“ Er selbst habe mehrfach darüber geschrieben, die Fakten seien bekannt: Die nationalsozialistische Regierung hatte ein großes Interesse an einem Freilichtmuseum, „ohne Gauleiter Carl Röver gäbe es das wahrscheinlich gar nicht“.

Aber, sagt Meiners: „Diese Einrichtung ist nicht durch den Landesfürsorgeverband entstanden oder groß geworden, wie Ingo Harms es nahe legt!“ Der Verband habe kaum eine Rolle gespielt für das Museum, „und 1944 ist hier sowieso nichts mehr passiert“. Die letzte Anschaffung damals war jene Kappenwindmühle aus Bokel – 1941.

Deshalb sagt Meiners an die Adresse von Ingo Harms: „So geht es nicht!“

Viele offene Fragen

Aber Harms hat weitere Fragen. Musste nicht nach dem Krieg mit seinen Zerstörungen im Museumsdorf Aufbauarbeit geleistet werden? Blieb nicht der Landesfürsorgeverband bis 1961 der Träger? Hatte er das eingesparte Pflegegeld vielleicht in Liegenschaften investiert und blieb somit nach dem Krieg finanziell gut aufgestellt? Profitierte das Museumsdorf also auch nach 1945 indirekt von den Krankenmorden?

Weiter durch den Nieselregen durchs Museumsdorf: der Hof Haake aus Cappeln, wiederaufgebaut 1952, der Hof Deddens aus dem Saterland, wiederaufgebaut 1956, der Quatmannhof, zerstört 1945, rekonstruiert 1961.

Den Landesfürsorgeverband gibt es immer noch, seit 1974 heißt er Bezirksverband Oldenburg. Man erreicht ihn derzeit über eine Baustelle, bitte Füße abtreten, steht an der Tür; das Haus soll sauber bleiben. Oben ist das Büro von Verbandsgeschäftsführer Frank Diekhoff, 45 Jahre alt.

Herr Diekhoff, was weiß man eigentlich über die Finanzlage des Verbandes im und nach dem Krieg?

„Kaum etwas“, sagt Diekhoff.

Diekhoff betont, dass der Bezirksverband sehr an der Aufarbeitung seiner Vergangenheit interessiert sei. „Das haben wir auch schon gemacht“, sagt er: beim Gertrudenheim Oldenburg, beim Waisenstift Varel, „übrigens mit Ingo Harms zusammen“.

Harms’ These allerdings, „in Wehnen wurde Geld abgezogen, ins Museumsdorf wieder reingesteckt“, hält er für problematisch. Zahlreiche Einrichtungen seien damals bezuschusst worden.

„Ja, der Verband muss sich mit der Geschichte auseinandersetzen“, fordert Diekhoff. „Aber wenn man so ein Forschungsprojekt anpackt, dann muss man es richtig machen.“

Zeckverbände als Geldmaschinen der Nazis

Im Museumsdorf hat Direktor Meiners eine Vorstellung, wie man das richtig macht. Sein Museum sieht er dabei eher als Moderator, „das Museumsdorf spielt dabei ja nur eine untergeordnete Rolle“. Laut Meiners geht es um größere Fragen, um Fragen, die weit über Cloppenburg hinauszielen: Gab es einen generellen Trend, Sozialeinrichtungen Aufgaben zuzuweisen, die über ihren Kernbereich hinausweisen? Kann man hier einem systematischen Verbrechen auf die Spur kommen?

Das klingt fast wie die Vorstellungen von Ingo Harms. „Ich möchte wissen: Haben die Nazis kommunale Zweckverbände umfunktioniert zu Geldmaschinen? Ich will, dass diese Forschung läuft!“

Erst durch Harms’ Forschungen über die Krankenmorde erfuhr Edda, die jüngste Tochter von Lieschen B., die Wahrheit über ihre Mutter. „Ich war ein so glücklicher Mensch, meine Mutter aus dem Nichts wieder herausgeholt zu haben“, sagt sie. Die Alte Pathologie in Wehnen ist heute eine Gedenkstätte voller roter Büchlein und Erinnerungen. Gesine W., ermordet 1942. Pauline G., ermordet 1945. Viktor D., getötet 1945.

Für sein neues Thema hat Ingo Harms im Juni 2012 beim Bezirksverband einen offiziellen Antrag auf Forschungsförderung gestellt. Bislang ohne Erfolg.

Uwe Meiners sagt in Cloppenburg, man plane ein Forschungsprojekt mit mehreren Partnern; die Oldenburgische Landschaft soll dabei sein, der Bezirksverband, „und natürlich wollen wir auch Ingo Harms als Impulsgeber dabei haben“. Im Herbst könne so ein Projekt vielleicht starten.

Frank Diekhoff vom Bezirksverband erklärt, dass er Ende März einen entsprechenden Vorschlag in die Verbandsversammlung einbringen werde; allein dürfe er über solche Ausgaben nicht entscheiden, „wir sind öffentlicher Dienst“. Anschließend werde das Projekt ausgeschrieben, „jeder Historiker kann sich bewerben“.

Bis dahin hat der Bezirksverband seine historischen Akten für Ingo Harms gesperrt. Diekhoff schrieb ihm jetzt, dass ein Stopp bei der Akteneinsicht gelten müsse, um für das Ausschreibungsverfahren die Chancengleichheit von möglichen Bewerbern zu wahren.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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