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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Braunes Vermächtnis: Rückkehr zum „Reichsmusterdorf“

16.04.2014

Dötlingen /Oldenburg Man kann sie hier überall besichtigen, die Vergangenheit des ehemaligen „Reichsmusterdorfs“: Da ist das Püttenhus, das frühere Heim der Hitlerjugend; oben am Giebel erkennt man noch die NS-Runen. Da ist der Findling auf dem Gierenberg, einst ein Denkmal zur Machtergreifung der Nazis; das Hakenkreuz unten ist herausgefräst. Und da ist das kleine Klinkerhaus gleich gegenüber der Mühle, „Rogge“ steht in Großbuchstaben am Zaun; ein Name, den in Dötlingen jeder kennt.

Am 14. April 1945, ein Sonnabend, standen die Männer der Kampfgruppe Wichmann des Freikorps Adolf Hitler vor dem Klinkerhaus, es war bereits später Abend. Sie weckten den Bauern Wilhelm Rogge, lockten ihn unter einem Vorwand ins Auto und fuhren mit ihm davon. Auf der Landstraße Richtung Neerstedt stoppte der Wagen, die Männer erschossen Rogge hinterrücks. Seine Leiche ließen sie am Straßenrand liegen, oben drauf ein Schild: „Wer sein Volk verrät, stirbt“.

So stand es in der Schwurgerichtsanklage der Staatsanwaltschaft Oldenburg, und so steht es jetzt im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, durchschnittliche Auflage: 875 221 Exemplare. „Spiegel“-Reporter Cordt Schnibben, 61 Jahre alt, hat die Geschichte noch einmal aufgeschrieben unter dem Titel „Mein Vater, der Mörder“. Sein Vater Georg Schnibben war einer der Täter.

Dötlingens Vergangenheit kann nun bundesweit besichtigt werden.

Lesen Sie hier das Multimedia-Spezial von Cordt Schnibben „Mein Vater, der Mörder“.

Drei Männer, vor jedem liegt der aktuelle „Spiegel“ mit dem Schnibben-Satz: „Bis heute ist der Mord unter Dötlingern ein Tabuthema.“ Walter Ulrich, 75 Jahre alt, Schatzmeister des Bürger- und Heimatvereins Dötlingen, sagt: „Natürlich kennen wir hier die Geschichte und reden auch darüber.“ Günther Bührmann, 84 Jahre alt, Heimatforscher, hat sein Buch „Ja, es waren schlimme Zeiten“ mitgebracht; auf Seite 34 steht der Aufsatz „Willi Rogge ermordet“. Eckehard Hautau, 66 Jahre alt, Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins, beteuert: „Wir stehen zu unserer Geschichte.“

Steht nicht auf der Bürgervereins-Homepage im Internet, dass Hitlers NSDAP in Dötlingen bereits 1931 „weit über 80 Prozent“ der Stimmen erreichte? Dass Dötlingen 1936 „Reichsmusterdorf“ wurde, als einziger Ort im Reich?

Dann die Schilder. Vor dem Püttenhus verweist eines auf die Hitlerjugend, vor dem Gierenberg eines auf das NS-Denkmal.

Und Wilhelm Rogge? „Wir haben doch das Mahnmal“, sagt Eckehard Hautau.

Rechts die Kirche, links die Gefallenen-Ehrenmale der Weltkriege und des Frankreich-Krieges. Daneben das Mahnmal: ein gespaltener Granitstein, davor eine rostrote Stahlplatte, fünf Wörter. Verfolgung. Zwangsarbeit. Flucht. Vertreibung. Mord. „Mord“ steht für Willi Rogge.

Das Mahnmal entstand 2009, nach langer Diskussion im Dorf.

Noch 2007 hatte Professor Dr. Gerhard Kaldewei, Museumsdirektor in Delmenhorst, den Dötlingern in einer öffentlichen Veranstaltung vorgeworfen, auf die braune Vergangenheit des Dorfes nicht hinreichend hinzuweisen. Heute lebt Kaldewei, 62 Jahre alt und pensioniert, in Melle hinter Osnabrück und lobt: „Da hat sich inzwischen ein bisschen was getan.“

Eckehard Hautau betont: Eingeladen zu der Veranstaltung mit Kaldewei hatte damals der Bürger- und Heimatverein.

Cordt Schnibben, der „Spiegel“-Reporter, sagt, ihm sei es bei seinem Artikel ja nicht um Dötlingen gegangen. Er wollte mehr über seine Eltern erfahren, die Nazis, und über sich, den Nazi-Sohn. Er fragt: „Was passiert, wenn man entdeckt, dass der eigene Vater ein Verbrecher ist?“ Und: „Was steckt von ihm in mir?“

Aber für die Antworten brauchte er Dötlingen. Er recherchierte im Staatsarchiv Oldenburg, las die Zeitungsartikel über den Kriegsverbrecher-Prozess gegen die Männer der Kampfgruppe Wichmann, von denen einer sein Vater war. Männer, für die Wilhelm Rogge ein „Volksschädling“ war. Weil er, so steht es in den Akten der Staatsanwaltschaft, „als Gegner des Nazisystems bekannt“ war.

„Das ist nichts Neues“

Die Vergangenheit. Da ist die Familie von Cordt Schnibben: Die Mutter stammt aus Oldenburg, der Vater war Redaktionssekretär in Bremen. Bei Kriegsende schloss er sich der Kampfgruppe Wichmann an, den sogenannten Werwölfen. Im Gau Weser-Ems sollten sie „in Zivil dem Feind Schaden zufügen“.

Aber da sind auch die anderen Familien. Nur ein paar Schritte sind es vom kleinen Klinkerhaus der Rogges zur Bäckerei. Der Bäcker war damals der stellvertretende Ortsgruppenleiter der NSDAP in Dötlingen. Er hatte den Bauern Rogge denunziert damals, er wurde im Kriegsverbrecher-Prozess in Oldenburg nach dem Mord zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. In Schnibbens Artikel findet sich sogar ein Foto des Bäckers.

Heute führt sein Enkel die Bäckerei, er ist 48 Jahre alt. Er fürchtet, Kunden könnten ihm die Taten des Opas nachtragen. „Was soll das, die alten Geschichten wieder und wieder zu erzählen?“, ärgert er sich. „Leidet der ,Spiegel’-Reporter unter Langeweile? Dann soll er mir lieber in der Bäckerei helfen.“

Zurück zum alten Klinkerhaus gegenüber der Mühle. Da wohnt heute immer noch ein Rogge, Hartmund heißt er, 62 Jahre alt, er ist der Enkel des toten Willi Rogge. Hartmund Rogge sagt: „Ich kenne das natürlich alles, für mich ist da nichts Neues.“

So sieht man das in Dötlingen, auch ganz offiziell. „Der Geschichte stellen wir uns“, erklärt Katrin Albertus-Hirschfeld, 43 Jahre alt, allgemeine Vertreterin des Bürgermeisters: „Schon durch das Mahnmal.“ Auf der Granitstele steht: „Den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933–1945 zum Gedenken“. Zu diesen Opfern gehört Willi Rogge, der nazikritische Bauer.

Aber genügt das?

„Nein“, sagt Hartmund Rogge, der Enkel. Er sei gar nicht glücklich gewesen, als das Mahnmal 2009 eingeweiht wurde. „Mir fehlt etwas, das auf meinen Großvater hinweist.“

Eine neue Debatte?

Und auch Professor Kaldewei, der die Dötlinger für ihre Fortschritte lobte, findet: „Sie könnten insgesamt noch ein bisschen mehr tun.“ Das Püttenhus: Ein einziger Satz verweist auf die Vergangenheit als Heim der Hitlerjugend. Und am Gierenberg muss zum Findling der Satz reichen: „Der große eiszeitliche Geschiebeblock, er stammt aus der Umgebung des Dorfes, fand, aufgerichtet, von 1933 bis 1945 als Denkmal Verwendung.“ Ein bisschen knapp, findet Kaldewei.

Am Dienstagmittag war in der Gemeinde Dötlingen kein Exemplar des aktuellen „Spiegels“ mehr zu bekommen. Es sieht so aus, als bekäme das Dorf eine neue Debatte zum Umgang mit der Vergangenheit – und vor allem mit dem Mordopfer Willi Rogge, hingerichtet am 14. April 1945 auf offener Straße.

Hier schreibt „Spiegel“-Reporter Cordt Schnibben über die Arbeit an seiner Geschichte.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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