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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Wohnprojekt In Oldenburg: Viel Kaffee und Familienanschluss

23.05.2015
NWZonline.de NWZonline 2015-07-20T22:25:43Z 280 158

Wohnprojekt In Oldenburg:
Viel Kaffee und Familienanschluss

Oldenburg „Kaffee?“ Sie lacht. Natürlich wird sie Kaffee kochen, das tut sie ständig, irgendeinen Kaffeekochgrund gibt es hier immer: Der letzte „Tatort“-Abend muss besprochen werden oder das nächste Kinder-Kino, der Garten ist auch noch nicht fertig, was ist eigentlich mit dem Sperrmüll in der Werkstatt, ein Kaspershofer kommt die Treppe rauf, ein anderer geht sie gerade runter, Hallo, lass’ uns mal kurz reden – Kaffee.

Helga Wilhelmer strahlt: Ja, genauso hatte sie sich das vorgestellt.

Früher arbeitete Wilhelmer, 68 Jahre alt, in der Uni-Verwaltung. Da gab es Kollegen und Studenten und Professoren, kurz: Es gab Trubel und Gemeinschaft, immer war etwas los. Aber dann wird man 65 und geht nach Hause in den Ruhestand, RUHE­stand? „Nee“, sagt Wilhelmer, „das wollte ich nicht.“

In der Zeitung las sie eine Anzeige: Mitstreiter für gemeinschaftliches Wohnprojekt gesucht. Und ziemlich genau vier Jahre später sitzt Helga Wilhelmer, Rentnerin, oben rechts in ihrer Kaspershof-Wohnung beim Kaffee, um sie herum wohnen Berufstätige, Paare, eine Familie mit Kindern, 21 Personen, 12 Parteien, allesamt Kaspershof-Wohnungseigentümer. „Das ist wie eine selbst gesuchte Familie“, schwärmt Wilhelmer: „Ein echtes Zukunftsmodell!“

Ein langer Weg

Die Zukunft soll ja so aussehen: Immer mehr Alte, immer weniger Junge. Kleinstfamilien. Mobile Gesellschaft, weite Wege. In einem Einfamilienhaus, gar nicht weit entfernt vom Kaspershof, fasst Professor Dr. Walter Siebel, 76 Jahre alt, Stadtforscher, die Zukunft bei Apfeltee so zusammen: „Die verwandtschaftlichen Netze, die früher alte Menschen aufgefangen und vor Isolation geschützt haben, schrumpfen. Gleichzeitig haben wir immer mehr Menschen, die darauf angewiesen sind.“ Zwar könne man heutzutage vieles kaufen, so Siebel weiter, auch Unterstützung und Hilfe. „Aber die Qualität der menschlichen Beziehung, Vertrauen, Liebe, Achtung, die können Sie nicht professionalisieren.“

Siebel lehnt sich in seinem Schaukelstuhl zurück. „Es gibt viele Argumente für gemeinschaftliches Wohnen“, sagt er. „Und trotzdem machen es nur sehr wenige.“

Unten rechts im Kaspershof wohnt das Ehepaar Heine, 59 Jahre alt. Als die Kinder auszogen, hatten sie ein viel zu großes Haus und einen viel zu großen Garten, sie hatten kaum Kontakt zur Nachbarschaft und vor Augen das Beispiel ihrer alten Mutter, die sehr allein war. Sie sagten sich, ähnlich wie später später Helga Wilhelmer: „Nein, so wollen wir das nicht.“

Mit Freunden planten sie ein Gemeinschaftswohnprojekt, 2007 war das. Die Gruppe brach auseinander. Sie planten ein zweites Projekt, per Zeitungsanzeige suchten sie neue Mitstreiter. Wieder brach die Gruppe auseinander. Sie planten ein drittes Projekt und setzten noch eine Anzeige in die Zeitung. Diesmal las das auch Helga Wilhelmer. 2011 war das.

Endlose Gruppensitzungen. Es ging um Geld. Um Architektur. Um Fliesen. Klingeln. Solaranlagen. Leute verließen die Gruppe. „Ich war so fertig“, erinnert sich Helga Wilhelmer. Neue Leute stießen zur Gruppe. Marianne Heine sagt: „Ich wusste immer, dass das klappt. Wir hatten ja das Grundstück.“

Die meisten Wohnprojekte scheitern am Grundstückskauf. Auf einem angespannten Wohnungsmarkt wie in der Stadt Oldenburg kaufen Investoren Grundstücke per Telefon, sie brauchen dafür nur Minuten. Ein Wohngruppe braucht Jahre. Die Heines hatten Glück: Das Grundstück am Kaspersweg war ihnen privat angeboten worden, die Verkäufer hatten Geduld.

Professor Siebel sagt: „Die Gruppensitzungen, dieses Reden über Architektur, das ist das Vehikel, um sich kennenzulernen. Die, die sich verstehen, bleiben.“

Gründet man einen Verein? Eine Genossenschaft? Oder besser eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, eine GbR? Vier Jahre Reden: Helga Wilhelmer, Geschäftsführerin der GbR Kaspershof, sagt, sie kenne ihre neue Familie jetzt ziemlich gut.

„Wenn es klappt, ist das ganz toll“, lobt Walter Siebel, der Stadtforscher.

Drei Hürden

Die Gründung, die Gruppenphase, das Grundstück – das ist die erste Hürde für gemeinschaftliches Wohnen. Siebel kennt noch eine zweite.

Im Ruhrgebiet arbeitete er an einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt mit, das vor allem alleinerziehende Mütter in den Blick nahm. „Nach zwei Jahren begann es, auseinander zu fliegen“, erinnert er sich. Warum? „Weil soziale Verhältnisse nicht stabil sind!“ Da bleibt eine Alleinerziehende nicht allein. Da findet jemand einen tollen Job in einer anderen Stadt. Wohnungen stehen leer, neue Leute ziehen ein. Leute, die beim Reden über Architektur nicht dabei waren.

Am besten, glaubt Siebel deshalb, funktioniert gemeinschaftliches Wohnen bei sozialer Homogenität, bei gleichen gesellschaftlichen Verhältnissen. Zum Beispiel bei Eigentümern, wie auf dem 2,6 Millionen teuren Kaspershof. Oder bei alten Menschen, wo sich nicht mehr viel ändert. „Aber“, sagt Siebel, „die wollen das zumeist nicht.“ Menschen zwischen 60 und 70 Jahren zeigten statistisch die geringste Mobilität, „sie wollen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben“. Das ist die dritte Hürde für gemeinschaftliches Wohnen als Massenphänomen.

Siebel schließt: „Gemeinschaftliches Wohnen ist eine hervorragende Idee. Es gibt wachsenden Bedarf, man könnte sogar sagen: Es ist notwendig. Aber es wird keine Massenbewegung sein.“

Wenn gemeinschaftliches Wohnen notwendig ist – muss es die Kommune dann nicht fördern?

„Man muss sich sehen“

Im Technischen Rathaus der Stadt Oldenburg serviert Baudezernentin Gabriele Nießen, 50 Jahre alt, schwarzen Tee und düstere Zahlen. 5600 Wohneinheiten braucht die wachsende Stadt in den kommenden zehn Jahren, nur 2400 hat sie im Bestand, „zu wenig“, sagt Nießen. Gleichzeitig weiß sie, dass es eine sogenannte stille Reserve von geschätzt 1000 Wohneinheiten gibt: 80 Prozent der Häuser in Oldenburg sind Ein- oder Zweifamilienhäuser, in denen aber nur 50 Prozent der Menschen leben. Belegungsrate: 1,8 Personen pro Haus.

Wenn man nun diese häufig alten Menschen für gemeinschaftliches Wohnen begeistern könnte – würde man dann nicht dringend benötigten Wohnraum gewinnen?

Gabriele Nießen lächelt. „Die stille Reserve ist natürlich von großem Interesse für uns“, sagt sie diplomatisch. Aber sie sagt auch ganz klar: „Gemeinschaftliches Wohnen ist nicht für jeden etwas.“

In Oldenburg gibt es Beispiele, sie heißen „Wohnmix“, „Celavie“, „Kreaktiv“, es wohnen dort Alte und Junge, Behinderte und Nichtbehinderte, Betreute und Nichtbetreute, Mieter und Eigentümer gemeinsam. Der Kaspershof ist das erste reine Eigentümer-Modell.

Nießen sagt, es sollen noch mehr Gemeinschaftsprojekte werden, „auch für Menschen, die nicht viel Geld haben“. Die Stadt werde das fördern, indem sie zum Beispiel Grundstücke reserviere. Gerade erst hat sie das ehemalige Schulgebäude an der Milchstraße in den Verkauf gegeben, wichtigstes Vergabekriterium: gemeinschaftliches Wohnen.

Darüber hinaus entwickle die Stadt gerade eine „Bündelungsplattform“, so Nießen. Eine Fachkraft soll entstehende Wohngruppen beraten: Wie finde ich Mitstreiter? Wer kauft das Grundstück? Brauche ich einen Verein oder eine GbR? Wer begleitet mich auf diesem langen Weg? „Und trotzdem“, sagt Nießen: „Das wird eine mögliche Wohnform sein – aber nicht die am weitesten verbreitete.“

„Kommen Sie!“, ruft Helga Wilhelmer. Sie zeigt den Gemeinschaftsraum, die Videoleinwand zum „Tatort“-Gucken, Werkstatt, Waschkeller, ihre Kaspershoffamilie. Der Architekt kommt die Treppe herauf, Ulf Brannies, 52 Jahre alt („Kaffee?“). Brannies sagt: „Wenn man Gemeinschaft will, muss man sie fördern – man muss sich sehen.“ Deshalb hat sein Büro „Team 3“ diese große Außentreppe entworfen, den offenen Laubengang vor den zwölf Wohnungstüren, den gläsernen Gemeinschaftsraum.

Helga Wilhelmer will dort ein Nachbarschaftskino einrichten, Kinder-Treffs, Literaturabende. „Wir wollen ins Viertel ausstrahlen“, sagt sie. Sie lacht: Es geht doch gerade erst los mit dem Kaspershof!