• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Tötete er aus Angst vor dem Tod?

13.02.2015

Oldenburg /Delmenhorst Um 14.20 Uhr am Donnerstag spricht der Angeklagte erstmals nach fast sechs Monaten Prozess. Nachdem der Gutachter vorgetragen hat, stellt Richter Sebastian Bührmann die entscheidenden Fragen.

Ob er alles verstanden habe? „Ja, hab’ ich“, antwortet Niels Högel.

Ob er zu seinem Werdegang noch etwas sagen wolle? „Die Angaben sind richtig, korrekt, vollständig, ergänzen möchte ich auch nichts“, antwortet Högel.

Ob er die Einlassungen zu den Anklagepunkten bestätige? „Ja, das ist richtig“, antwortet Högel.

Ob er sich die Äußerungen des Gutachters zum Lebenslauf, zur Sache und zu den Tatvorwürfen als eigene Einlassung zu eigen mache. „Ja“, antwortet Högel.

Qual und Erleichterung

Das Gericht wertet das als Geständnis. Niels Högel wirkt erleichtert, als sei eine Zentnerlast von ihm abgefallen. Als der Richter eine halbe Stunde später den Prozess vertagt und der Gerichtssaal sich leert, geht Högel, der gerade bis zu 30 Morde und 60 Mordversuche zugegeben hat, zu Gutachter Konstantin Karyofilis. Er plaudert, er lächelt. Angehörige der Opfer wenden sich entsetzt ab.

Fünfmal hat Karyofilis im Gefängnis in Oldenburg mit Högel gesprochen. Genau 186 Seiten umfasst sein Gutachten über den 38-Jährigen. Fast drei Stunden trägt der Sachverständige im Landgericht vor, beantwortet Fragen der Kammer. Wortgewaltig seziert Karyofilis das Leben von Högel. Für den Angeklagten muss es qualvoll sein. Betreten schaut er zu Boden, wird von Minute zu Minute blasser.

Irgendwann im Jahr 2003, Klinikum Delmenhorst, mitten in der Nacht. Högel steht vor einem Medikamentenregal auf der Intensivstation. Er fühlt eine innere Leere. Als ob man lange nichts gegessen habe. So hat er es dem Gutachter erzählt. Högel sucht ein Mittel, das Patienten in Not bringt, aber nicht tödlich ist. Er will reanimieren, will sich besser fühlen. Er weiß doch, dass das funktioniert. Beim ersten Mal in Delmenhorst haben ihn die neuen Kollegen gelobt, haben ihm auf die Schulter geklopft. Für den Notfall konnte er nichts. Jetzt muss er nachhelfen.

Gilurytmal fällt Högel ins Auge. Das Herzmedikament kennt er vom Rettungsdienst. Schnell wirkend, potent, unauffällig. Drei Ampullen zieht er auf, schleicht sich in ein Patientenzimmer, stellt den Alarm ab, spritzt zehn Milliliter. Die Kolleginnen nebenan merken nichts.

Der Blutdruck der Patientin sinkt dramatisch. Als Ärzte und Schwestern herbeieilen, hat der Pfleger schon mit der Herzdruckmassage begonnen. Die Frau stabilisiert sich. Högel fühlt sich gut. Er macht es immer wieder. Zweieinhalb Jahre lang.

Wie konnte es soweit kommen? Högel hat es Karyofilis erzählt. „Er hat Interesse, sich zu äußern, er will Verantwortung für seine Taten übernehmen“, sagt der Gutachter.

Niels Högel wird am 30. Dezember 1976 in Wilhelmshaven geboren, auf einem Ohr taub. Er wächst in einem katholischen Elternhaus auf. „Warmherzig und tragfähig“, nennt Högel es. Der Vater ist Pfleger aus Überzeugung, arbeitet viel, ist gebildet, verschlossen, politisch organisiert in der SPD. Die Mutter kommt aus eher schwierigen Verhältnissen, gelernte Anwaltsgehilfin, muss putzen gehen. Er hat eine ältere Schwester, die später Zahnarzthelferin wird.

Als Högel elf Jahre alt ist, trennen sich die Eltern für einige Zeit, er entwickelt Ängste. Die Schulleistungen sind durchschnittlich, der Junge spielt gerne Fußball. Högel will Feuerwehrmann werden, doch er hat Höhenangst. Das Medizinstudium ist ihm zu aufwendig, der Berufswunsch steht nun fest: Pfleger, wie der Vater.

Mit 16 sieht Högel einen Horrorfilm, seinen letzten. Er ist tief schockiert. Mit 17 beginnt er die Pflegerausbildung im St.-Willehad-Hospital. Mädchen, Alkohol und Drogen nehmen jetzt einen größeren Platz in seinem Leben ein.

Das Examen ist mittelmäßig, Högel wird übernommen, erlebt die „beste Phase seines Lebens“. Als kleinbürgerlichen Menschen beschreibt ihn Karyofilis, der Wilhelmshaven nie verlassen wollte.

Mit dem Wechsel nach Oldenburg 1999 verändert sich alles. Das Klinikum ist hoch angesehen, die herzchirurgische Intensivstation erst recht. Högel fühlt sich geschmeichelt, ist aber der belastenden Arbeit nicht gewachsen. Schon die erste Herzoperation beschreibt er als „traumatisierendes Erlebnis“. Högel wird immer müder, vereinsamt innerlich. Er beginnt zu trinken, entwickelt Depressionen und Angstzustände, die bis heute behandelt werden müssen.

In der Klinik gibt es Ärger. Högel wird 2001 versetzt, ein Jahr später muss er gehen. Man habe kein Vertrauen mehr in ihn, sagt ein Chefarzt. Högel ist sich keiner Schuld bewusst. „Völlig absurd.“ Zu viel Arbeit und Kontrolle in Oldenburg, um auf dumme Gedanken zu kommen.

Högel wechselt Anfang 2003 nach Delmenhorst, ausgestattet mit einem guten Zeugnis. Nach einem Autounfall entwickelt er Panikattacken, nimmt Medikamente.

Ein Jahr später heiratet Högel, seine Tochter kommt zur Welt. Die Geburt ist lebensbedrohlich für das Kind. Er steht daneben, kann nichts machen. Das sei furchtbar gewesen, sagt er dem Gutachter. Högel ist vom Familienleben überfordert, lässt seine Frau alleine zu Hause, stürzt sich in die Arbeit.

Mit Familie überfordert

Und mordet weiter. Regelmäßig. Immer dreister. Sogar während der Arztvisite spritzt er Gilurytmal. An seine Opfer kann er sich kaum erinnern.

Im Juli 2005 wird er auf frischer Tat ertappt und entlassen. 76 Tage in Untersuchungshaft, die Ehe zerbricht. Högel säuft, zwei bis drei Flaschen Korn pro Tag, wird psychiatrisch behandelt, geht 2009 ins Gefängnis.

Gutachter Karyofilis ist sicher: Högel ist voll schuldfähig, wusste , was er tut. Keine „schwere seelische Abartigkeit“, sagt der Sachverständige. Keine „narzisstische Persönlichkeitsstörung“. Keine Rückfallgefahr. Högel habe die Patienten nicht vorsätzlich töten wollen, sondern beweisen, wie gut er sie wiederbeleben könne. Aber es ist nicht nur der Retterwahn.

„Eigentlich ist Högel ein Angsthase, ein unsicherer Mensch“, sagt der Gutachter. Er habe große Angst vor dem Tod. Karyofilis: „Er hat immer wieder versucht, den Tod zu besiegen.“ Und dabei getötet.

Richter Bührmann würde Högel nächste Woche gerne noch ein paar Fragen stellen. Und es sieht so aus, als ob er Antworten bekommt.

Video vom 8. Januar 2015

Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

Weitere Nachrichten:

Landgericht | Klinikum Delmenhorst | SPD

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.