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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

„Teile der Mitte haben sich radikalisiert“

23.11.2018
Frage: Krawalle beim G20-Gipfel, Angriffe von Rechten auf Flüchtlingsheime: In den Medien wird vor allem über Gewalt gesprochen, die von Extremen verübt wird. Wie sieht das mit der Mitte aus, radikalisiert sich diese auch?
Prof. Dr. Zick: Es kommt darauf an, von welcher Radikalisierung und welcher Gewalt wir reden. Wir haben in unserer Langzeitstudie zur Menschenfeindlichkeit feststellen können, dass sich Teile der Mitte erst polarisiert, dann radikalisiert haben. Zwischen 2014 und 2016 konnten wir zum Beispiel feststellen, dass unter Befragten, die sich selbst als Mitte bezeichnen und auch aus mittleren sozialen Lagen kommen, die Zustimmung zu abwertenden Meinungen über Geflüchtete und Asylbewerber angestiegen ist, trotz eines Rückgangs der Zuwanderung.
Zweitens haben wir beobachtet, dass mehr Menschen eine klare tolerante oder eben auch klar ablehnende und extreme Meinung entwickelten. Drittens, und das spricht noch mehr für Radikalisierungen, haben wir beobachtet, dass rechtspopulistisch orientierte Befragte in der Gewaltbilligung und -bereitschaft gegen Fremde und in ihren flüchtlingsfeindlichen wie anderen menschenfeindlichen Meinungen radikaler geworden sind. Dazu kommt, dass wir viele Fälle von vorurteilsbasierten Hasstaten gegen Menschen mit Migrationsgeschichte, Geflüchtete aber auch deren Unterstützer beobachten, die von zuvor nicht extrem orientierten Mitgliedern der Mitte begangen werden.
Frage: Müssen wir damit rechnen, dass es bald in Deutschland wieder eine ähnlich radikale Gruppierung wie die Rote Armee Fraktion oder den NSU gibt?
Prof. Dr. Zick : Im linksextremistischen Spektrum ist nach Lage und Beobachtung des Verfassungsschutzes weniger die Gefahr als im Rechtsextremismus. Ich habe 2015 die Vermutung geäußert, dass rechtsextreme Gruppen immer mehr eine Ideologie des Widerstandes gegen das System, „Gutmenschen“, „die da oben“ und „Feinde“ entwickeln und sich radikalisieren, so dass sich aus einer größeren Bewegung Zellen bilden. Genau das ist passiert, wie das Beispiel der Gruppe Freital, der Old School Society und anderen Zellen zeigt.
Frage: Werden dadurch auch Nachahmer motiviert?
Prof. Dr. Zick : Ideologische Gewalttaten erzeugen immer Nachahmer, die dann ähnliche Taten ausführen wollen. Die Gefahr erhöht sich durch Diskussionen im Netz und dem Druck innerhalb von Gruppen, „auch was zu tun“. Daher kommt Gewalt auch in Wellen. Wesentlich ist dabei aber, ob die Personen und Gruppen, die nachahmen möchten, mögliche Taten leichter rechtfertigen können. Die Angriffe auf Unterkünfte zeigen, dass in Umgebungen, wo in der Mitte die Taten verharmlost werden, die Nachahmungswahrscheinlichkeit steigt. Außerdem steigt sie, wenn andere sich mit Tätern identifizieren.
Frage: 112 von 140 Gewalttaten gegen Geflüchtete wurden 2017 in den fünf östlichen Bundesländern begangen. Warum ist die Gewaltbereitschaft im Osten offenbar höher als im Westen?
Prof. Dr. Zick : Einerseits wirkt sich hier eine Verankerung rechtsextremer Gruppen über Jahre aus. Es gibt eine Gewalttradition, die später einsetzt. Andererseits haben sich wegen mangelnder Erfahrungen mit Migration, wegen Abwanderung bildungsstarker Gruppen, einem gestiegenen Misstrauen in Demokratie nach wirtschaftlichen Frustrationszeiten mehr Feindbilder verankern können, die weit geteilt sind. Zudem haben viele Gruppen, nicht nur extremistische Gruppen die Überzeugung ausgebildet, sie müssten jetzt die Kontrolle in die Hand nehmen. Das alles wirkt zusammen auf eine erhöhte Gewaltbereitschaft. Es sind also einige Faktoren, die zusammen Einstellungen in Verhaltensweisen münden lassen.
Frage: Wie weit reichen rechtsextreme Orientierungen in die Mitte der Gesellschaft?
Prof. Dr. Zick: Harte rechtsextreme Überzeugungen, die Antisemitismus, Feindschaft gegen Immigranten, eine Verharmlosung der NS-Zeit, einen Nationalchauvinismus oder eine Befürwortung einer Diktatur umfassen, wurden laut der letzten Leipziger Autoritarismusstudie von circa sechs Prozent der Mitte geteilt. Bei einzelnen Facetten rechtsextremer Meinungen sind die Werte höher. Nach unseren Studien teilen fast 25 Prozent national-chauvinistische Einstellungen, wie sie auch im Rechtsextremismus zu finden sind. Wir müssen also genau hinsehen, wie die Schnittmengen aussehen. Auch rechtspopulistische und so genannte neurechte Überzeugungen werden weit geteilt. So haben wir im Sommer 2016 festgestellt, dass 28 Prozent einer repräsentativen Stichprobe moderne rechtsradikale Einstellungen teilen, die Widerstand und eine übersteigerte nationale Identität befürworten.
Frage: Nicht nur politische Gewalt steigt, sondern auch die gegenüber Ehrenamtlichen und Helfern (Rettungsdienst) etc.. Wie ist das zu erklären?
Prof. Dr. Zick: Weil Retter, Amts- und Würdenträger und alle anderen in eine große Schublade der Feinde und Unterstützer geraten sind. Sie werden als Helfer ‘von denen’ betrachtet und als ‘Gehilfen des Fluchtsystems’. Das hat sich massiv ausgewirkt und die Akzeptanz von etablierten Normen und Respekt herabgesetzt.
Christian Ahlers Redakteur / Online-Redaktion
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