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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Seit 50 Jahren Kampf für Minderheiten

06.10.2018

Göttingen In Ostnigeria, das sich als Republik Biafra für unabhängig erklärt hat, tobt vor 50 Jahren ein blutiger Bürgerkrieg. Hunderttausende Menschen sterben durch Bomben, an Hunger und Krankheiten. Die Weltöffentlichkeit wird durch Fernsehbilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen aufgeschreckt. Weil Großbritannien das nigerianische Militär mit Waffen beliefert, besetzen Ende Juni 1968 Mitglieder des Komitees „Aktion Biafra Hilfe“ das britische Generalkonsulat in Hamburg.

Mit dabei ist Tilman Zülch, Student der Volkswirtschaft und Politik. Die Besetzung habe den britischen Botschafter mehr geschockt „als das Sterben im Hungerkessel von Biafra“, erinnert sich der heute 79-Jährige an die damalige Aktion. Zülch baut das Biafra-Komitee in der Folgezeit zur Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) aus: Eine Organisation mit dem Anspruch, weltweit Menschenrechte von ethnischen und religiösen Minderheitengruppen zu schützen und durchzusetzen. Unterstützt von einer Handvoll ehrenamtlicher Helfer, bleibt Zülch zehn Jahre lang der einzige Vollzeit-Aktivist.

Heute arbeiten in der Göttinger Geschäftsstelle rund zwei Dutzend Frauen und Männer. Rund 10 000 Förderer und Mitglieder unterstützen die Gesellschaft. Es gibt Regionalgruppen in 15 Städten, sogenannte GfbV-Sektionen bestehen zudem in Österreich, der Schweiz, in Italien, Bosnien-Herzegowina und dem irakischen Kurdengebiet.

Mit dem Generalsekretär Zülch an der Spitze und teilweise spektakulären Aktionen schafften es die Menschenrechtler immer wieder in die Schlagzeilen. 1988 decken sie die Mitverantwortung deutscher Firmen beim Giftgaseinsatz gegen Kurden im Irak auf. 1992, im sogenannten Kolumbus-Jahr, überqueren zwei Aktivisten den Atlantik mit einem Bambusfloß, um den südamerikanischen Indianern eine Versöhnungsbotschaft zu überbringen.

Und 1995, vor der Hinrichtung des nigerianischen Bürgerrechtlers Ken Saro-Wiwa, demonstriert die GfbV vor der Shell-Zentrale in Hamburg mit Galgen-Attrappen. Unter dem Motto „Auf keinem Auge blind“ setzt sich die Menschenrechtsorganisation für Völkermordopfer im Sudan und muslimische Uiguren in China, für bedrängte Christen in Pakistan und für Kurden in der Türkei ein.

Immer wieder muss die GfbV auch Kritik einstecken. Als sie Indios aus Nicaragua nach Europa einlädt, die gemeinsam mit „Contras“ die sandinistische Befreiungsfront FSLN bekämpfen, protestieren Dritte-Welt-Gruppen. Im Jugoslawienkrieg bemängeln Friedensinitiativen ein „einseitiges und polarisierendes“ Engagement der Gesellschaft für bedrohte Völker – frühzeitig habe die GfbV die Serben als Alleinschuldige gebrandmarkt und Militärschläge der Nato zugunsten der bosnischen Muslime und Kosovo-Albaner gefordert.

Tilman Zülch erhält für sein Engagement 16 Preise und Auszeichnungen, darunter den Göttinger Friedenspreis, den Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma und das Bundesverdienstkreuz.

Intern beklagen Mitarbeiter und ehrenamtliche Vorstandsmitglieder gelegentlich ein autoritäres Regiment des Generalsekretärs. 2012 eskaliert ein Streit um angeblich nicht belegte Zuweisungen und zu unrecht bezogene Gehälter in Strafanzeigen und dem Ausschluss von zwei Vorständen.

Im Frühjahr 2017 gibt Zülch die Leitung der GfbV an den Afrika- und Asienexperten der Organisation, Ulrich Delius, ab. „Die jüngste Vertreibung von 700 000 Rohingya aus Burma zeigt, wie brisant und aktuell unsere Arbeit auch heute noch ist“, so Delius. Die GfbV feiert an diesem Samstag ihr 50-jähriges Bestehen mit einem Festakt in der Göttinger Universität.

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