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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Mythos „Emden“ legt in Wardenburg an

17.04.2014

Wilhelmshaven /Potsdam /Wardenburg Henning Bess, einstiger Wilhelmshavener, lebt heute als Ruheständler in Potsdam. Der Flottillenadmiral a.D. sitzt im Wohnzimmer am Fenster, mit einem Ordner auf dem Schoß, und blättert in alten Unterlagen: „Hier, das ist es“, sagt der 66-Jährige und zieht ein Formular aus der Schutzhülle. Damit konnte man ab 1921 beim Amtsgericht einen Zusatz zum Familiennamen beantragen: „-Emden.“ „Zuerst in Preußen. Dann folgten weitere Länder“, schildert Bess den Ablauf in der Weimarer Republik.

Die Ehrung galt gut 200 Überlebenden des kleinen Kreuzers „SMS Emden“. Die Besatzung war 1914, vor 100 Jahren also, am Anfang des Ersten Weltkriegs mit ihrer Kaperfahrt in Ostasien weltweit berühmt geworden. 28 Schiffe der Kriegsgegner wurden aufgebracht und meist versenkt – aber die Besatzungen wurden geschont. Dieses ritterliche Verhalten unter Kapitän Karl von Müller begründete den Ruhm der Besatzung. „Gentleman of War“, titelte 1914 anerkennend sogar die australische Hauptstadtzeitung „Canberra News“.

Nach dem Ende des Schiffes bei einem Gefecht mit dem australischen Kreuzer „Sydney“ bei den Kokos-Inseln – mitten im Ozean zwischen Australien und Indien – schlug sich ein Teil der Besatzung auf abenteuerliche Weise über Arabien und Konstantinopel bis in die Heimat durch. Das steigerte die Begeisterung um die „Emden“-Besatzung noch weiter.

Der Namenszusatz „-Emden“ wurde über die Generationen vererbt. Und so kommt es, dass in Deutschland heute Hunderte, vielleicht mehr als 1000 Menschen mit dem Namenszusatz „-Emden“ leben.

Sie stellen den Kern der „Emdenfamilie“, die sich Jahr für Jahr trifft – in diesem Jahr, dem 100. nach dem Gefecht bei den Kokos-Inseln, im Juni in Wardenburg.

Den Namenszusatz beantragen – das hätten aus verschiedensten Gründen damals gar nicht alle gemacht, erzählt Björn von Mücke (76) aus Oldenburg. Er ist Sohn des einstigen 1. Offiziers. Und so zählten eigentlich „alle dazu, die mit der Emden etwas zu tun haben“. Wie beim Oberhaupt der Emdenfamilie, Henning Bess: Sein Großvater war bis 1913 Erster Offizier.

Ein regulärer Verein wurde nie gegründet. „Wir wollten uns Lockerheit bewahren, ohne starre Regeln“, sagt Bess. „Im sogenannten Ruhestand“ habe man hier aber alles andere als seine Ruhe. Tatsächlich „lebt“ die Familie durch die Arbeit des Oberhaupts und seines „Geschäftsführers“, Uwe Lange-Emden (68) aus Wilhelmshaven. „Mein Großvater war Heizer an Bord“, erzählt er.

Auf den Kokosinseln erinnert diese Tafel an die Ereignisse am 9. November 1914. BILD: Henning Bess Emdenfamilie

Fünf Schiffe mit dem Namen „Emden“

Der Kleine Kreuzer „SMS Emden“ (SMS steht für Seiner Majestät Schiff) war das erste von fünf Schiffen unter dem Namen Emden. Die „SMS Emden“ gehörte zum Ostasiengeschwader in Tsingtau (heute Qingdao/China). Sie spielte beim deutschen Machtstreben in Übersee eine bedeutende Rolle. In diesem Zusammenhang erinnern Kritiker an eine Beteiligung des Schiffes an der gewaltsamen Niederschlagung von Aufständen in Kolonialgebieten in Fernost, allerdings Jahre vor dem Schicksalsjahr 1914.

Unter „Emden“ fuhr noch ein weiteres Schiff der kaiserlichen Marine. Es folgte ein Kreuzer der Reichmarine, der am Ende des Zweiten Weltkriegs vernichtet wurde. Bei der Bundesmarine gab es zwei Fregatten unter dem Namen. Die Letzte wurde 2013 ausgemustert.

Bess repräsentiert den Verbund auch über den Internet-Auftritt www.emdenfamilie.de. Dort gibt es auch eine Klarstellung, dass es hier nicht um Kriegsverherrlichung gehe.

Vor allem gibt es Infos rund um die „Emden“, auch Kontaktaufnahmen. Mancher trug den Namenszusatz eher unbewusst und wolle nun mehr wissen, sagt Bess. Oder jemand meldet sich mit einem Hinweis – etwa: Am Karfreitag läuft im TV „Die Männer der Emden“ (20.15 Uhr, ARD).

Auf der zweisprachigen Website schauen auch Australier nach, die die Emden-Story interessant finden. Denn das dramatische Ende des schwer getroffenen Kreuzers auf einem Riff der Kokos-Inseln bedeutete zugleich den ersten Seesieg der jungen Royal Australian Navy. Zur Erinnerung findet man in Sydney Geschützteile der „Emden“ öffentlich ausgestellt, weiß Bess.

Er blättert im Ordner. Da sind auch Fotos in wunderschönen Farben von den paradiesisch anmutenden Kokos-Inseln – das Oberhaupt der Emdenfamilie war vor Jahren selbst vor Ort und tauchte nach dem Wrack. Die Szenerie sei „ergreifend“ gewesen, sagt Bess. Bei dem Gefecht am 9. November 1914 waren 136 der rund 370 Besatzungsmitglieder getötet worden – und längst nicht alle bekamen, den Umständen geschuldet, eine ordentliche Bestattung. Die Kriegsgefangenen kamen nach Malta und Australien (darunter auch der Vater von Uwe Lange-Emden aus Wilhelmshaven).

Bis auf jene 50 Mann, die gerade nicht an Bord waren, als die überraschend aufgetauchte „Sydney“ das Feuer ihrer überlegenen 15,2-Zentimeter-Geschütze (Emden: 10,5) auf das deutsche Schiff lenkte. Der Landungstrupp war mit dem 1. Offizier – Hellmuth von Mücke – an Land gegangen, um eine britische Telegrafenstation auszuschalten. Doch dann musste dieser Landungszug aus der Distanz mit ansehen, wie ihr kleiner Kreuzer „Emden“ unterlag und stark zerschossen aufs Riff gesetzt wurde. Von Mücke requirierte ein Segelschiff, und eine Odyssee auf Leben und Tod, über „13 000 Kilometer“ (so ein Filmtitel) begann.

Bereits 1924 gab es ein erstes Treffen von Überlebenden, erzählt Familienoberhaupt Bess. „Aus Zusammengehörigkeitsgefühl“ nach gemeinsamem Schicksal. Später kamen Frauen, „Kind und Kegel“ mit, zuletzt oft gut 50 Personen, in ganz Deutschland.

Bess hat allein rund 120 Namensträger „-Emden“ auf der Liste. Doch da kämen noch viele Angehörige hinzu. „Bis in die 5. Generation“, sagt er. Auch Bess hat schon Enkel.

Besonders häufig traf man sich in Wilhelmshaven und – klar – in der Stadt Emden als Namensgeberin. Auf Bess’ Wohnzimmertisch steht denn auch ein Wimpel. „Das Stadtwappen“, klärt er unwissende Gäste auf. Von Emden aus war Bess 2013 auch bei der letzten Fahrt der letzten „Emden“ dabei – nach Wilhelmshaven. Jetzt hofft er mit der Familie auf einen Neubau – es wäre der sechste unter deutscher Flagge. Es gibt bereits Schriftwechsel dazu. „Aber die Konkurrenz um die Schiffsnamen ist hart“, hat Bess gemerkt.

Am 9. November 2014, dem 100. Jahrestag des Endes der ersten „Emden“, wird das Familienoberhaupt auf Reisen sein: vor Ort, auf den Kokos-Inseln im Indischen Ozean. Mit Einheimischen und Australiern wird ein kleines Denkmal nahe der bisherigen Gedenktafel enthüllt. Zugleich findet in Wilhelmshaven ein Gottesdienst statt – genug Gesprächsstoff also für das nächste Familientreffen, 2015.


     www.emdenfamilie.de 
 Weitere Artikel:     www.nwzonline.de/erster-weltkrieg 
Rüdiger zu Klampen
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