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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Initiative fordert Überraschungsbesuche des Jugendamts

30.08.2019

Hannover In der Debatte um mehr Kinderschutz in Niedersachsen spricht sich die Initiative „Für die Kinder von Lügde“ für unangemeldete Besuche des Jugendamts bei allen Haushalten mit Kindern aus. Es müsse „normal sein, dass das Jugendamt zu jeder Tages- und Nachtzeit mal unangemeldet“ vorbeikomme, sagte Sprecherin Ina Tolksdorf am Donnerstag bei einer Experten-Anhörung im niedersächsischen Landtag. „Warum ist es nicht völlig normal, dass da, wo Kinder sind, nachgeguckt wird?“ Zudem sollte nach Polizeieinsätzen wegen häuslicher Gewalt oder Alkoholmissbrauch standardmäßig eine Kindeswohlgefährdung überprüft werden. Die Initiative spricht sich auch für einen unabhängigen Missbrauchsbeauftragten mit starken Rechten aus.

Anlass der Sitzung ist die politische Aufarbeitung des massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde. Dieser betrifft auch Niedersachsen: Das Jugendamt im Kreis Hameln-Pyrmont hatte dem angeklagten Andreas V. trotz Hinweisen auf sexuelle Übergriffe die Pflegschaft für ein kleines Mädchen übertragen.

Laut Kriminalstatistik wurden 2018 insgesamt 14 606 Kinder in Deutschland Opfer sexueller Gewalt. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. 136 Kinder kamen laut Polizei 2018 in Deutschland gewaltsam zu Tode.

Der Hauptgeschäftsführer des niedersächsischen Landkreistages, Hubert Meyer, wies die Vorwürfe Tolksdorfs gegen die Jugendämter zurück: Er sehe kein flächenmäßiges systemisches Versagen der Jugendämter in Niedersachsen, sondern einen Mangel an Controlling in einem einzigen Amt. In Hameln habe es „individuelle Fehler“ gegeben. Die Jugendamtsmitarbeiter würden oft im schwierigen sozialen Umfeld arbeiten und hätten einen „Generalverdacht“ nicht verdient. Auch die Forderung nach unangekündigten Jugendamtsbesuchen lehnte Meyer ab: „Es ist mitnichten so, dass sich der Großteil der Familien freuen würde, wenn abends um 21 Uhr das Jugendamt an der Tür klingelt.“ Gleichwohl sieht Meyer weiteren Abstimmungsbedarf.

Eigentlich drehte sich die Anhörung um die Idee einer interministeriellen Kinderschutzkommission nach dem Vorbild Baden-Württembergs: Die AfD-Fraktion im niedersächsischen Landtag hatte das vorgeschlagen. Dass die Struktur des Kinderschutzes auf den Prüfstand gehört, darüber herrschte am Donnerstag unter den Experten Einigkeit.

Wie das geschehen soll, ist allerdings umstritten: Im Gespräch sind neben einer Kommission und einem Missbrauchsbeauftragten auch mehr Schulungen und Kontrolle der Jugendämter durch das Sozialministerium sowie ein lokales System von Ombudsleuten, an die sich Kinder in Not wenden können.

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