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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Tausende Soldaten immer noch vermisst

21.09.2019
Frage: Frau Kremer-Taudien, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge feiert am 19. Dezember seinen 100. Geburtstag. Was genau sind die Aufgaben des Volksbundes?
Kremer-Taudien: Der Volksbund ist ein privater und gemeinnütziger Verein, der im staatlichen Auftrag handelt. Eine der Hauptaufgaben ist es, die deutschen Kriegsgräber im Ausland zu erfassen, zu pflegen und zu erhalten. Um diese Arbeit leisten zu können, quasi als Voraussetzung, wurden von der Bundesregierung Abkommen auf internationaler Ebene unterzeichnet. Alle Staaten, die unterzeichnet haben, verpflichten sich, Kriegsgräber dauerhaft als Mahnmale zu erhalten. Dabei bezieht man sich auf Gräber der beiden Weltkriege.
Frage: Wo hat die Arbeit damals begonnen?
Kremer-Taudien: Zunächst wurden Kriegsgräberstätten nach dem Ersten Weltkrieg im damaligen Deutschen Staat angelegt. Und dann auch in Frankreich und in Belgien. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Volksbund zunächst in den zugänglichen westeuropäischen Staaten und Nordafrika tätig werden. Nach der Öffnung des sog. Eisernen Vorhangs 1990 wurden auch viele Verträge mit osteuropäischen Ländern geschlossen
Frage: Was sind die konkreten Aufgaben der Mitglieder?
Kremer-Taudien: Sie kümmern sich um die Pflege und Erhaltung der Kriegsgräber. Aktuell sind wir zudem noch in den osteuropäischen Staaten, beispielsweise in Russland, Weißrussland oder der Ukraine, auf der Suche nach Toten vor allem des Zweiten Weltkriegs. Wir bergen jedes Jahr zwischen 20 000 und 30 000 Kriegstote. Seit 1992 wurden insgesamt über 920 000 Kriegstote in Osteuropa geborgen. Pro Jahr gibt es rund 30 000 Anfragen über den Verbleib von Soldaten, deren Schicksale bis heute nicht geklärt sind. Im vergangenen Jahr gab es 24 188 Umbettungen von Toten auf unsere Kriegsgräberstätten, davon fast 13 000 in Russland. Vergangenes Jahr wurde beispielsweise im ehemaligen Stalingrad ein Massengrab gefunden mit mehr als 800 toten Soldaten. Daran sieht man, dass dieses Kapitel noch lange nicht zu Ende ist.
Frage: Mit den Kriegsgräberstätten soll ein Ort der Erinnerung entstehen. Für wen ist die Arbeit noch wichtig?
Kremer-Taudien: Wie bereits erwähnt, kommen viele Anfragen von Angehörigen. Sie brauchen einen Ort, wo der Name steht – auch, um die Toten nicht zu vergessen. Teilweise werden Stelen aufgestellt mit den Namen der Vermissten, die man in der Region vermutet. Auch die Identifizierung wird immer schwieriger, vor allem wenn aufgrund von Plünderungen keine Anhaltspunkte mehr auf die Identität der Toten hindeuten. Die Angehörigen wünschen sich vor allem ein angemessenes und würdevolles Grab.
Frage: Wie viele Mitglieder hat der Volksbund?
Kremer-Taudien: Deutschlandweit haben wir heute knapp 86 000 Mitglieder. Im Bezirksverband Weser-Ems gibt es noch 3500 Mitglieder. Hinzu kommt eine große Anzahl von Spendern. Trotzdem ist die Altersstruktur sehr hoch.
Frage: Wer ist denn Mitglied beim Volksbund?
Kremer-Taudien: Viele Mitglieder sind persönlich betroffen. In der Kindergeneration gibt es viele Mitglieder, die ihren Vater nie kennengelernt haben. Bei den Enkeln übernehmen auch viele die Mitgliedschaft der vorherigen Generationen. Sie wissen, dass es ihren Eltern oder Großeltern wichtig gewesen wäre. Außerdem ist es natürlich immer eine Frage, wie man mit den Toten umgeht. Für einige Mitglieder ist es auch wichtig, dass der Volksbund Bildungsarbeit und damit Arbeit für den Frieden leistet. Junge Menschen setzen sich mit ihrer Vergangenheit auseinander.
Frage: Sie sprechen also auch gezielt die jüngere Generation an?
Kremer-Taudien: Genau. Dafür gibt es sogenannte Work-Camps, in denen Teilnehmer aus verschiedenen Ländern zusammenkommen. Im gemeinsamen Handeln entsteht dabei ein Verständnis füreinander. Unter den jungen Leuten sind Grenzen auch nicht mehr so wichtig, internationale Kontakte werden zur Normalität. Wir versuchen, gemeinsame Räume zu schaffen.
Frage: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erinnert an die Toten der beiden Weltkriege. Das liegt weiter zurück. Ist das Erinnern noch zeitgemäß – oder gerade im Moment aktueller denn je?
Kremer-Taudien: Es ist sehr zeitgemäß. Letztlich sind Europa und der Volksbund auch Kriegsfolgen. Wir leben seit über 70 Jahren im Frieden. Das wäre ohne das Zusammenwachsen in Europa nicht möglich. Gerade heute sollten wir uns darüber bewusst werden, was Frieden bedeutet. Dazu sollen die Kriegsgräber beitragen. Sie zeigen, was es bedeutet, Krieg zu haben, nämlich millionenfachen Tod und millionenfaches Leid. Und sie zeigen, dass man wachsam sein muss – gerade in Zeiten, in denen Nationalismus stärker zu werden scheint. Es ist wichtiger denn je, immer auch einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um daraus Wünsche für die Zukunft zu entwickeln. Wir müssen gemeinsam an einer friedlichen Zukunft arbeiten.
Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
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