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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Streit um NS-Vergangenheit eines Gründervaters

18.11.2014
Hannover  – Die Doktorarbeit von Teresa Nentwig über den ersten Ministerpräsidenten in Niedersachsen, Hinrich Wilhelm Kopf, sorgte von Beginn an für Diskussionen. Dessen Verstrickungen in der NS-Zeit sind umstritten. Der Kopf-Platz in Hannover wird umbenannt.Doktorvater Franz Walter lobt nachdrücklich die wissenschaftliche Qualität.
Frage: Der frühere Bundesverfassungsrichter Ernst Gottfried Mahrenholz nennt die Doktorarbeit über Hinrich Wilhelm Kopf und dessen Verstrickungen in der NS-Zeit unwissenschaftlich. Was sagen Sie dazu?
Walter: Das Gegenteil ist richtig. Die Promotionsleistung ist an der Göttinger Universität von drei Wissenschaftlern beurteilt worden, alle mit dem gleichen Befund: exzellente Untersuchung. Die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen hat ebenfalls zwei weitere Gutachter beauftragt, da sie die Studie von Frau Nentwig ja veröffentlichte – auch hier allerhöchstes Lob. Übrigens hat im letzten Jahr ebenfalls ein Honorarprofessor der Rechtswissenschaft in einem Zeitungsinterview von „der in der Tatsachenerhebung gründlichen Dissertation von Teresa Nentwig“ gesprochen. Raten Sie mal, um wen es sich handelte: Ja, tatsächlich, um Ernst Gottfried Mahrenholz.
Frage: Mahrenholz wirft Frau Nentwig eine durchgängige Animosität gegenüber Kopf vor – zu Recht?
Walter: Mit Verlaub, das ist wirklich Unsinn. Der Stil von Frau Nentwig ist um Fairness und Abgewogenheit bemüht. Ich verstehe ja, dass ein früherer persönlicher Referent von Kopf das Andenken an einen verehrten Chef nicht gern beschädigt sehen möchte. Aber er sollte trotzdem in diesem Bemühen sachlich bleiben.
Nentwig: Zu berücksichtigen ist zudem, dass ich mich in der Doktorarbeit auch ausführlich mit den Leistungen Kopfs befasse. So zeichne ich detailliert nach, wie er 1945/46 zur Bildung des Landes Niedersachsen beigetragen hat. Die Beschreibung und Einordnung seiner Tätigkeiten während der NS-Zeit machen nur einen kleinen Teil meiner Dissertation aus.
Frage: Mahrenholz zitiert Dankschreiben von Juden an Kopf.
Nentwig: Die Dankesbriefe, die Herr Mahrenholz erwähnt, führe ich in meiner Doktorarbeit an, dazu sogar noch weitere. Das heißt, es handelt sich hier nicht um neue Erkenntnisse, wie Herr Mahrenholz nahelegt. Anlass für diese Bezeugungen zugunsten Kopfs war der Antrag auf seine Auslieferung als Kriegsverbrecher, den die polnische Regierung Ende Januar 1948 bei dem britischen Teil der Alliierten Kontrollkommission für Deutschland eingereicht hatte und der ihm sein Ministerpräsidentenamt hätte kosten können. Vor diesem Hintergrund müssen die Aussagen der Entlastungszeugen vorsichtig betrachtet werden. Man kann ihnen nämlich nicht bescheinigen, frei von diesem Auslieferungsbegehren berichtet und geurteilt zu haben.
Frage: Und die Wahrheit ist?
Nentwig: Kopf mag in einigen Fällen durchaus menschlich gehandelt und sich für vom NS-Regime Verfolgte eingesetzt haben. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass es gleichzeitig zahlreiche Menschen gab, die durch Kopf ihren Besitz verloren haben. Denn von 1940 bis 1942 wirkte er in führender Stellung an der Enteignung von jüdischen und nicht-jüdischen Polen in Oberschlesien mit. Sie verloren ihre Handwerksbetriebe, ihre Fabriken, Gaststätten, Hotels, Einzelhandelsgeschäfte usw. – weil Kopf Beschlagnahmeverfügungen „zugunsten des Deutschen Reiches“ unterzeichnete und den Verkaufsprozess dieser Güter an „Volksdeutsche“ organisierte. Gerade bei jüdischen Polen gingen Enteignungen oft ihrem KZ-Tod voraus.
Frage: Emotionen entzünden sich daran, ob Kopf in Polen jüdische Grabsteine verkauft hat. Verteidiger Kopfs sprechen von Verleumdung, nie sei ein Friedhof geschändet worden.
Nentwig: Hier liefert der Blick in die Akten ein eindeutiges Bild: Als „kommissarischer Verwalter des jüdischen Gemeindevermögens“ in dem kleinen Dorf Czieschowa verkaufte Kopf im November 1942 Grabsteine der jüdischen Friedhöfe in Czieschowa und Königshütte. Ganz im Sinne der auch sonst von ihm praktizierten Gewinnmaximierung veräußerte er die Steine an die Firma, die ihm das höchste Angebot gemacht hatte: Statt 4000 Reichsmark waren es am Ende 6000 Reichsmark, die er erhielt. Im jüdischen Brauch werden Friedhöfe ja als „Häuser der Ewigkeit“ bezeichnet, da die Gräber als Eigentum der Toten angesehen werden und folglich nicht angetastet werden dürfen.
Frage: Mahrenholz nennt Kopf einen Mann mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, dem juristisch bis heute nichts vorzuwerfen sei – irrt der frühere Verfassungsrichter?
Nentwig: Als problematisch ist seine Tätigkeit in Oberschlesien von 1940 bis 1942 zu bewerten. Die Haupttreuhandstelle Ost (HTO), bei der Kopf damals tätig war, gilt in der Wissenschaft als eine Einrichtung, „die für eine der größten Raubaktionen verantwortlich zeichnete, die die Nationalsozialisten im besetzten Europa überhaupt unternahmen“ (Ingo Loose). Hinzu kommt die moralische Belastung Kopfs, die Herr Mahrenholz völlig ausblendet.
Frage: Ist die Umbenennung des Kopf-Platzes richtig?
Walter: Frau Nentwig hat sich, wenn ich es recht sehe, mit Empfehlungen für oder gegen Umbenennungen stets sehr zurückgehalten. Die Aufgabe von uns Wissenschaftlern ist die Lieferung von Fakten. Die politische Schlussfolgerung ist kein Teil der wissenschaftlichen Expertise. Als Staatsbürger würde ich für mich sagen: Umbenennungen allein sorgen nicht für historisches Lernen.
Gunars Reichenbachs
Chefkorrespondent
Redaktion Hannover
Tel:
0511/1612315

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