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Landlust oder Landfrust?

Im Nordwesten Wer als Homosexueller auf dem Land lebt, hat es schwer. Das jedenfalls legen die vielen Berichte im Internet über diskriminierte Lesben und Schwulen nahe:

Münster 2011: Da gibt es den schwulen Schützenkönig Dirk Winter, der zu den offiziellen Anlässen nicht eine Königin, sondern seinen König mitbringen möchte. Der Dachverband ist dagegen. Die beiden sollen nicht nebeneinander aufmarschieren. Die Teilnahme am Bundeskönigsschießen soll dem König versagt werden.

Homosexuelle auf dem Land Ansprechpartner für Lesben und Schwule in grünen Berufen ist die Vereinigung „Gayfarmer“. Sie unterstützt den Erfahrungsaustausch und die Kontaktaufnahme auf fachlicher und persönlicher Ebene, etwa durch Treffen und Stammtische im ganz Deutschland.

Bayern 2011: Da gibt es den schwulen Landwirt Rudolf Rathgeber, der Frau und Sohn, aber auch einen Freund hat. Lange hat er versucht, sein Familienleben aufrechtzuhalten, bis er unter einer Depression leidet. Als er sich outet, rollt eine Dorfklatsch-Welle über ihn hinweg. Die Leute wissen nicht mit dem schwulen Paar umzugehen.

Sauerland 2010: Da gibt es den schwulen Kevin, der aus einem Dorf bei Winterberg weggegangen ist, weil es dort, trotz seines Engagements in Vereinen, keinen Platz für ihn gab. Als er sich outet, will keiner mehr etwas mit ihm zu tun haben. Der Großteil seines Freundeskreises wendet sich vom ihm ab. Er zieht nach Köln.

Das sind nur einige Beispiele.

Wie ist es im Nordwesten?

Zu Besuch beim Stammtisch „SchwuLes Ammerland“: Seit 16 Jahren trifft sich in Westerstede jeden Donnerstag um 20 Uhr eine Gruppe Homosexueller. Im Moment sind es ausschließlich Männer, die dort zusammenkommen, viele über 50 Jahre alt. Lesben und Transsexuelle sind aber genauso willkommen.

SchwuLes Ammerland Der Stammtisch trifft sich jeden Donnerstag um 20 Uhr im Restaurant „Capitol“ in Westerstede, Kirchenstraße 4.

„Die schwule Szene ist in der Stadt und auf dem Land gut organisiert“, sagt Dennis Adam (33), der jetzt in Westerstede lebt, aber auch das Großstadtleben kennt. Die Aktivitäten seien vielleicht andere – dort ein bisschen mehr Party, hier ein bisschen mehr Radfahren. Einen Unterschied sieht er beim Coming-out: „Die Hürde, sich zu outen, ist auf dem Land etwas größer, weil die Anonymität nicht gegeben ist.“

Vereine sind eine Chance

Oft scheint es der dörfliche oder kleinstädtische Vereinsdünkel zu sein, der Homosexuellen zu schaffen macht. Diese Meinung teilen die Ammerländer nicht – im Gegenteil: „In der Feuerwehr zum Beispiel zählt in erster Linie das Engagement“, sagt Adam. „Das gibt auch Homosexuellen ein Stück weit die Chance, sich zu beweisen.“ Und so in die Dorfgemeinschaft integriert zu werden. „Integrieren kann man sich nicht selbst. Man kann nur integriert werden“, ist Adam überzeugt. Schief angeguckt würden Homosexuelle, die heirateten und Väter wurden, bevor sie sich outeten. Da gebe es schon noch Gerede.

Positive Erfahrungen als schwules Vereinsmitglied machte Ralf Zeidler (46), jahrelang Badminton-Trainer für Kinder. Er outete sich mit etwa 30 Jahren. Für seine Sportkollegen, Kinder und Eltern war das gut so. „Die kannten mich ja schon. Nur die Mitglieder, die entfernter mit mir zu tun hatten, reagierten distanzierter – darunter einige Fußballer.“ Ein Sport, der nicht gerade für seine Offenheit gegenüber Schwulen bekannt ist. „Wie im Verein mit Homosexuellen umgegangen wird, liegt an der Führung“, sagt Zeidler. Er jedenfalls wollte als Trainer von heranwachsenden Menschen durch sein Coming-out auch Vorbild sein.

„Es gibt hier auch schwule Vereinsvorsitzende, zum Beispiel im Geflügelverein“, sagt Heiko Diers aus Spohle, einer der Familienväter beim Stammtisch. Er war 2004 dazugestoßen, nachdem er sich geoutet hatte. „Gerade auf dem Land halten sich so Gruppen wie der Stammtisch“, meint Diers. Vielleicht, weil es nicht so viele Angebote speziell für Homosexuelle gibt.

Hunderte feiern für Toleranz

Die Männer finden schon, dass die Stimmung in Oldenburg offener ist. „Die Politik ist ein Zugpferd“, sagt Ralf Leisner (40). Bürgermeister, die auf dem CSD Reden halten, würden die gesellschaftliche Akzeptanz vorantreiben. Aber auch im Ammerland ging es voran. Zur „Party der Toleranz“ kommen einmal im Jahr Hunderte Menschen, auch aus umzu. Von Sprüchen, die unter die Gürtellinie gehen, oder gar von homophober Gewalt ist dort keine Spur. Auch die evangelische Kirche habe sich geöffnet: Die Trauung Homosexueller ist möglich. „Und bei unser Feier zum 15-Jährigen sprach auch der Bürgermeister“, sagt Leisner.

„Wir haben viel Freud zusammen erlebt – und auch Leid“, erzählt Stammtisch-Gründer Dirk Hobbie. Einige Männer sind mittlerweile verheiratet, andere gestorben. Stolz ist Hobbie, dem 80-jährigen Rinus aus Holland eine Anlaufstelle geboten zu haben. Er hatte seinen langjährigen Partner verloren. Als er ins Finanzamt kam, wo Hobbie arbeitet, erkannte er an seinem Regenbogen-Armband: Der ist wie ich. So entstand der Kontakt zum Stammtisch.

Kontakt zu „Land lust E.V.“

Stammtische für Schwule, Lesben und Freunde bietet der Verein in Aurich, Lingen, Nordhorn, Werlte, Cloppenburg, Meppen und Papenburg an. Der Stammtisch Cloppenburg trifft sich an jedem 4. Donnerstag im Monat um 20 Uhr im „Bernays“, Mühlenstraße 20.

Weitere Angebote sind zum Beispiel die Jugendgruppe „Peergroup 8“, die Transsexuelle Selbsthilfe „Cocoon“, ein Treffen für Regenbogenfamilien und eine psychosoziale Beratung.

Mehr Informationen auf www.land-lust.info. Kontaktanfragen an info@land-lust.info.

In anderen Kleinstädten entwickelt sich erst seit kurzem eine Szene mit Treffen und Beratungsangeboten. Seit 2013 gibt es „Land Lust“. Der Verein mit Regionalverbänden in Aurich, Cloppenburg, im Emsland, in der Grafschaft Bentheim, Leer, Emden und Wilhelmshaven möchte LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexuals, Transsexuals, Transgender, Intersexuals, Queer) auf dem Land Rückhalt geben. „Besonders in ländlichen Regionen“, heißt es in der Vereinsbroschüre, „müssen Lesben, Schwule und Transsexuelle gegen viele Vorurteile kämpfen.“

Weil die soziale Kontrolle größer sei als in der Stadt. Weil diejenigen, die aus der Reihe tanzen, erst einmal eine Bedrohung für die dörfliche Ordnung darstellten. Ist das so? Zu Besuch beim „Gay, Lesbian & Friends“-Stammtisch Cloppenburg des „Land-Lust“-Vereins.

Als „aufregend“ beschreibt Stammtisch-Besucher Thomas Müller (23) sein Coming-out. Er wohnt in Ankum, einem 7000-Einwohner-Ort im Landkreis Osnabrück, kommt gebürtig aber aus Polen. Als er sich mit 18 Jahren outete, war das Verhältnis zu seinem Vater zunächst gestört. „Mittlerweile kommen wir aber bestens aus“, sagt Müller. Dass er schwul ist, wissen viele, er macht kein Geheimnis daraus. Im ländlichen Ankum bekommt er dafür hin und wieder einen blöden Spruch. „Aber im Großen und Ganzen habe ich keine Probleme mit Diskriminierung“, sagt er.

CSD sorgt für Berührungspunkte

Dumme Sprüche wie „Du brauchst nur mal einen richtigen Mann“ hat auch Meike Holitzner (37), Leiterin des „Land-Lust e. V.“-Regionalverbandes Cloppenburg, gehört. Auf dem Schützenfest zum Beispiel. Davon hat sie sich aber nicht einschüchtern lassen. „Ich habe nie versteckt, dass ich lesbisch bin“, sagt sie. Auch nicht bei der Arbeit. Sie merkte es schon im Kindergarten: „Meine erste Liebe hieß Susanne.“ So war ihr Coming-out völlig unspektakulär. „Zuhause habe ich nebenbei erwähnt, dass ich mit einer Frau nach Hause kommen werde.“ Da war sie 20 Jahre alt. Für ihre Eltern war es „kein Thema“, hatten sich das auch schon gedacht und wollten, dass die Tochter glücklich wird.

„Ich würde sagen, 60 Prozent der Cloppenburger haben kein Problem mit Homosexuellen“, sagt Holitzner. Die Anderen schauen schon noch mal, wenn zwei Männer oder zwei Frauen Händchen haltend durch die Stadt gingen. „Viel gebracht hat der erste Cloppenburger CSD 2014“, meint Holitzner. Dadurch seien mehr Berührungspunkte zwischen Heterosexuellen und den LGBTI entstanden. „Die Menschen sehen, dass wir genauso wie sie, eben alle gleich sind.“

„Land Lust“ auf Youtube

„In Oldenburg leben Homosexuelle immer noch offener als hier“, meint Daniel Knorr, der mit 25 Jahren und nach neun Jahren Beziehung mit einer Frau „nebenbei“ feststellte, dass er auf Männer steht.“Ich hätte mich besser zehn Jahre früher geoutet“, sagt er. Aber in den 90er-Jahren hatte er als Kleinstadt-Kind keinen Kontakt zu Schwulen, dachte, es gehört sich eben so, eine Frau zu haben. Seinem jetzigen Freund gibt er zwar auch in der Innenstadt mal einen Kuss. „Aber ich gucke immer, ob Kinder in der Nähe sind, damit die Eltern nicht in Erklärungsnot kommen.“ Das ist bei ihm so drin.

Dass in Cloppenburg erst später ein Angebot für LGBTI entstand, liegt laut Knorr an der Stadtgröße. „Viele dachten, dass sich das hier nicht lohnt, weil die meisten sowieso nach Oldenburg fahren.“ Wo viel los ist. Knorr hat mit seiner Offenheit nur positive Erfahrungen gemacht. „Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich als DJ viel in der Öffentlichkeit bewege und für die Menschen präsent bin.“

Am schwierigsten war es für ihn, seinem besten Freund zu sagen, dass er mit einem Mann zusammen ist. Knorr war sich unsicher, wie er reagieren würde, eben weil sie sich so nahe standen. „Wie heißt er denn?“, fragte der Freund dann plötzlich. Denn auch er hatte es schon gemerkt. Ähnlich ging es Christina Backhaus (27). Sie zögerte auch, ihrer besten Freundin zu sagen, dass sie lesbisch ist.

„Heute gehe ich offen mit meiner Homosexualität um“, sagt die Cloppenburgerin. Sie hatte ihr Coming-out mit 16 Jahren, als sie mit ihrer Freundin zusammenziehen wollte. Es führte kein Weg drumherum, sie musste es erzählen. „Ich habe all meinen Mut zusammengenommen“, sagt sie. Die Reaktion der Mutter: „Alles gut, haben wir uns schon gedacht.“ Die Reaktion der besten Freundin: „Warum hast du das nicht früher gesagt?“

Auch eine Sache des Selbstbewusstseins

Alle Vier leben wie die Ammerländer gerne als Homosexuelle in Cloppenburg und umzu. „Dass viele zum Feiern nach Oldenburg fahren, ist Gewohnheitssache“, sagt Holitzner. „Das wird sich mit der Zeit etwas ändern.“ Wenn sich die Angebote in Cloppenburg etablieren.

Etabliert hat sich bereits der Gay, Lesbian & Friends Stammtisch, der sich seit einem Jahr regelmäßig jeden vierten Donnerstag im Monat trifft. Treffpunkt ist das Bernays in Cloppenburg, gerade im Sommer unternimmt der Stammtisch auch verschiedene Outdoor- Aktivitäten. „Der Stammtisch ist nicht nur für Lesben und Schwule“, betont Holitzner, auch heterosexuelle Mitglieder nehmen daran teil. „Wir wollen keine Unterschiede, es spielt doch wirklich keine Rolle welche Nationalität, Sexualität, welchen Glauben man hat – Jede und Jeder Interessierte ist herzlich willkommen!“

Woran liegt es, dass anderswo in den letzten Jahren immer wieder Lesben und Schwule diskriminiert wurden? Sind das Einzelfälle? Liegt es am Bundesland? Holitzner: „Ich habe auch viele Jahre im Rheinland gewohnt. Da war meine Wahrnehmung nicht anders.“

Die Vier sind sich einig: „Es hängt davon ab, wie man damit umgeht.“ Wer selbstbewusst auftritt, hat auch als Lesbe und Schwuler auf dem Land keine Probleme.

Haben Sie ähnliche oder andere Erfahrungen gemacht? Dann schreiben Sie uns davon: red.online@nordwest-zeitung.de

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Inga Wolter
stv. Ltg.
Online-Redaktion
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