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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Leibwächter bringt Richter zur Weißglut

29.11.2013

Wer bislang glaubte, die Mitarbeiter des Luxushotels „Bayerischer Hof“ seien an Diskretion nicht zu übertreffen, der kannte den Personenschützer Thomas R. noch nicht.

Kripobeamter R., 50 Jahre alt, von 2003 bis 2009 Bodyguard des Ministerpräsidenten von Niedersachsen, betritt den Gerichtssaal: kantige Figur, strenger Blick, angeblich hat er eine Aussagegenehmigung des Landeskriminalamtes. Frank Rosenow, der Richter, lächelt ihn freundlich an: „Was macht denn ein Sicherheitsbeamter?“, fragt er. „Man hat sich um die Sicherheit gekümmert“, antwortet R.

Aha. R. hat sich auch im Urlaub um die Sicherheit von Christian Wulff gekümmert, in Japan und Ägypten, in Marbella und auf Capri. Wie es dort denn so gewesen sei, will der Richter wissen. „Man hat dort seinen Urlaub verbracht“, antwortet R. Weitere Erkenntnisse der Befragung des Herrn R.: In Restaurants hat man gegessen, vielleicht lag man auch mal am Strand, „Strand ist relativ“, und die Aufenthaltsdauer dort war sehr unterschiedlich, „Zeit ist ja relativ, spielt doch keine Rolle.“ Da lächelt Richter Rosenow schon lange nicht mehr.

„Sie wissen, dass das hier ein Verfahren ist, das die Republik erregt – da erwarte ich von einem Polizeibeamten, dass er sich vorbereitet!“, sagt Rosenow, jetzt laut. Thomas R. erklärt patzig, dass er die Zeitungen nicht lese, wegen der Gerüchte: „Ich will mich nicht beeinflussen lassen, ich will mich auf meine Erinnerungen verlassen.“ Rosenow: „Gut, irgendwelche Erinnerungen an diese Ereignisse?“ Thomas R.: „Nee.“ Rosenow, noch lauter: „So eine Vernehmung von einem Polizeibeamten habe ich noch nicht erlebt!“ Er ist jetzt so wütend, dass man fast um die Sicherheit des Sicherheitsbeamten fürchtet. Er unterbricht die Verhandlung und ordnet eine Kaffeepause an, „damit ich mich beruhigen kann“.

Szenen aus dem Alltag eines Ministerpräsidenten, Teil 4. Wulffs Fahrer berichtet von einer staureichen Autofahrt nach München und einem weinenden Ministerpräsidentenbaby auf dem Rücksitz. Der Babysitter aus dem „Bayerischen Hof“ berichtet von einem weinenden Ministerpräsidentenbaby in der Luxussuite 770 und von großzügigen Trinkgeldern. Groenewold soll dem Babysitter 40 Euro gegeben haben, Wulff 20 oder 40, so genau erinnert man so etwas nicht im „Bayerischen Hof“.

„Wenn man eine Flasche Wasser aufs Zimmer gebracht hat, kriegt man schon mal 50 Euro“, sagt Veronika K., 27 Jahre alt. „Die Leute da haben ein anderes Verhältnis zum Geld.“

Apropos Geld: Manchmal habe Wulff seinen Mitarbeitern unterwegs einen Kaffee ausgegeben, erinnert sich sein Fahrer. Bezahlt habe er bar, „immer bar“. Kann das Wulffs Version stützen, er habe Groenewold Auslagen in München bar erstattet? Der Fahrer kann sich nicht daran erinnern, jemals größere Summen als Kaffeebeträge in der Hand des Ministerpräsidenten gesehen zu haben.

Wulff unterdrückt mühsam ein Gähnen. Der vierte Verhandlungstag im Prozess gegen Ex-Bundespräsident Wulff und Filmproduzent David Groenewold wegen Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung bringt keine neuen Erkenntnisse in der Sache. Eine weitere Zeugin aus München, die neunte, die eigens aus Bayern anreist, bleibt keine zehn Minuten; sie weiß sowieso von nichts, erklärt sie. „Dann brauche ich nicht weiter zu fragen“, sagt der Richter. Staatsanwaltschaft und Verteidigung fällt auch nichts mehr ein.

Doch halt, eine Sache ist dem Personenschützer Thomas R. dann doch aufgefallen: Der Herr Groenewold war immer sehr freundlich, „vielleicht ein bisschen überfreundlich. Das ist doch nichts Schlimmes, oder?“ In einer Verhandlungspause sagen Juristen: Vorteilsnahme war schon immer sehr schwer nachzuweisen. Der Prozess wird am 5. Dezember fortgesetzt.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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