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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Herold-Massaker Im Emsland: Verzweifelt gesucht: Mein Vater, Häftling Nr. 914/43

13.11.2014

Esterwegen Sie weiß jetzt sogar, wie er aussah: 1,64 Meter groß, mittlere Gestalt, ovales Gesicht, die Augen blau, die Haare dunkelblond, kein Bart, keine Brille, Gasmaskengröße 2. So steht es in seinem Soldbuch, so muss es stimmen, er hat es ja eigenhändig bestätigt mit ungelenker Jungenunterschrift: Albert Sommer, 21 Jahre jung, vormals Kranführer, nun Kanonier der Wehrmacht. Ihr Vater, verschwunden noch vor ihrer Geburt.

Post vom Amt

Wenn die Leute nach Deinem Vater fragen, dann sag’ ihnen: Wir sind geschieden!

So hatte es ihr die Mutter aufgetragen, damals im Krieg in Diepholz. Geschieden war schlimm, aber die Wahrheit wäre schlimmer gewesen: das Urteil wegen Zersetzung der Wehrkraft, die zehn Jahre Zuchthaus, der Verlust der Wehrwürdigkeit. Die Tochter kannte die Wahrheit nicht; sie schämte sich so schon genug.

Manchmal weinte die Mutter. Da war wieder ein grüner Brief in der Post gewesen, eine weitere Absage vom Amt: Sie haben keinen Anspruch auf Kriegsopferrente. Später bekam die Tochter Post vom Amt, es ging um die Waisenrente: Der Tod Ihres Vaters konnte nicht festgestellt werden. Da war Inge schon verheiratet. „Das gibt es doch nicht“, meinte Heinrich, ihr Mann: „Der Kerl muss doch zu finden sein!“

Heinrich Peters, geboren in Diepholz, seit 1961 verheiratet mit seiner Mittelschulen-Liebe Inge, Jurist: Er wusste, wie man offizielle Schreiben aufsetzte. Er schrieb ans Militärarchiv in Freiburg. An die Zentralnachweisstelle in Aachen. An den Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen. Zurück kam: „fast nichts“, sagt Peters, heute 74 Jahre alt.

Er lächelt listig: „Da hat mich der Ehrgeiz gepackt. Ich wollte wissen, was mit ihrem Vater passiert ist.“

Ein Foto, darauf unter einem Hut ein schwarzweißes Jungengesicht. Welche Augenfarbe er wohl hat? Ein anderes Schwarzweißfoto, der Junge trägt jetzt Uniform. Es ist das letzte Bild von Albert Sommer, aufgenommen am 1. Januar 1940, zwei Wochen nach seiner Hochzeit mit Magda in Osnabrück. Im Mai wird seine Tochter geboren, sie trägt seinen Wunschnamen: Inge.

Da sitzt der Vater bereits zum ersten Mal im Gefängnis. 60 Jahre nach Kriegsende hatte Heinrich Peters, der inzwischen seit 40 Jahren offizielle Schreiben aufsetzte, Post aus Berlin bekommen. Im Februar 1940 war Albert Sommer in das Wehrmachtsstrafgefängnis Graudenz eingeliefert worden; Grund unbekannt. „Er muss wohl was gegen Hitler gesagt haben“, vermutet Heinrich Peters. Ein Puzzleteil.

Wer war dieser Albert Sommer? Magere Ergebnisse der 50-jährigen Spurensuche: geboren am 2. Juni 1918 in Osnabrück, ein Sonntag, eingeschult 1925, Schule unbekannt. Er findet Arbeit bei den Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerken, wird zum Scherenarbeiter und Kranfahrer ausgebildet. Seine letzte Lohnabrechnung, 1. und 2. Dezember 1939, Freitag und Sonnabend: 16 Stunden Arbeit, der Lohn betrug 63 Pfennige pro Stunde. Da war der Gestellungsbefehl schon da.

Inge und Heinrich Peters fanden das Scheidungsurteil. Auf dem Sterbebett berichtete die Mutter der Tochter vom Zwang, der auf sie ausgeübt wurde, sogar von mehrfacher Vergewaltigung durch NS-Männer. Diese Schmach! Ende 1942 wurde sie von ihrem Mann geschieden, „z. Zt. in Aschendorfer-Moor bei Papenburg-Ems, Strafgefangenenlager II, Baracke No. 8“.

Sie fanden noch ein Urteil: Im Juli 1942 hatte ihn ein Feldkriegsgericht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, Grund: Zersetzung der Wehrkraft.

Ein enges Gefühl

Die Kriegssonderstrafrechtsverordnung von 1939, Paragraf 5: Die Wehrkraft zersetzte, wer öffentlich dazu aufforderte oder anreizte, die Erfüllung der Dienstpflicht zu verweigern. Wer zum Ungehorsam verleitete, wer die Manneszucht untergrub, wer sich dem Wehrdienst entziehen wollte. Darauf stand die Todesstrafe, in minder schweren Fällen Zuchthaus.

Heinrich Peter schrieb weiter. Nach der Jahrtausendwende bekam er immer häufiger Post: weitere Puzzleteile. Wie das Soldbuch. Oder die Transportlisten. Albert Sommer wurde in Frankreich eingesetzt, er kam ins Gefängnis. Er wurde nach Köln gebracht, nach Ludwigsburg. Er wurde transportiert von Münster nach Lingen, von Lingen nach Papenburg, von Papenburg nach Aschendorfermoor.

70 Jahre später stehen sie da in der Gedenkstätte Esterwegen, ein älteres Paar, Inge und Heinrich Peters, beide 74 Jahre alt: Blutrote Eichenblätter fallen auf die alte Lagerstraße, links und rechts ragen die rostigen Mauernachbildungen auf. Hier war er auch, sagt Inge Peters; sie hat dieses „enge Gefühl“, das hat sie immer im Emsland.

Heinrich Peters hat nicht nur geschrieben, er hat auch viel gelesen: über Folter in den Emslandlagern zum Beispiel. Schläge mit Gummiknüppeln und Gartenschläuchen. Hiebe mit dem Karabinerkolben. Stundenlange Übungseinheiten zum Bettenbauen, Kissen und Strohsack sind mit der Schnur auf Höhe zu bringen!

Die Peters haben ein Wohnmobil, so reisten sie durchs Emsland. Sie besuchten die kargen Reste vom Lager Aschendorfermoor. Den letzten Schlagbaumstein. Die steinerne Sitzecke der Wächter. Den Herold-Friedhof.

Hintergrundreportage: Der Mörder mit der Ordensbrust, NWZ, 14. Juni 2014

Willi Herold, der Mörder mit der Ordensbrust: ein 19-jähriger Gefreiter, der im Graben eine Hauptmannsuniform fand und sich im Lager Aschendorfermoor als Schnellrichter ausgab. Mehr als 150 Menschen starben, hingerichtet mit Flakgeschütz, Gewehren, Pistolen, Handgranaten; die Opfer wurden nie identifiziert.

„Mir fiel es wie Schuppen von den Augen“, sagt Heinrich Peters.

Er fand weitere Listen. Eine Transportliste, Albert Sommer wurde von Aschendorfermoor ins nahe Lager Brual-Rhede verlegt, er ist nun Gefangner 914/43. Eine Namensliste, 400 Regimegegner, die auf keinen Fall dem Feind in die Hände fallen sollten. 113 Namen davon aus Brual-Rhede, Nr. 78: Albert Sommer, Kranführer, Gefangener 914/43. Die Todesmärsche der Gefangenen, Flucht vor dem näherrücken­den Feind: von Brual-Rhede nach Esterwegen, Börgermoor, Aschendorfermoor.

Willi Herold, der die Liste der 400 sieht. Der sie alle „gleichschalten“ will, töten: allen voran die Wehrkraftzersetzer und Fluchtgefährdeten.

Albert Sommer, der Wehrkraftzersetzer, der seit einem Fluchtversuch auf dem Rücken ein „F“ trug.

„Es verdichtete sich immer mehr“, sagt Heinrich Peters.

Antreten zum Sterben

Auf Osnabrück fielen Bomben, eine geschiedene Frau und ein kleines Mädchen flohen zu den Großeltern nach Diepholz. In Aschendorfermoor traten Männer in Linie zu fünf Gliedern zum Sterben an, hinter ihnen eine selbstgeschaufelte Grube, vor ihnen die Flak, Gewehre, Handgranaten. Lärm, Schreie, Stille.

Eine Woche später, am 19. April, zerstörte ein Luftangriff das Lager; die meisten Dokumente verbrannten. Nach der Befreiung fertigen die Engländer Listen der Überlebenden an, einen Albert Sommer fanden sie nicht.

2008, 63 Jahre nach Kriegsende, hob die Staatsanwaltschaft Osnabrück das NS-Urteil gegen Albert Sommer auf.

2010, 65 Jahre nach Kriegsende, verlegte Inge Peters einen „Stolperstein“ für ihren Vater an der Großen Gildewart 10 in Osnabrück, wo kurz ein Ehepaar Sommer wohnte.

2014 veröffentlichen Inge und Heinrich Peters ihre Recherchen als Buch unter dem Titel „Pattjackenblut“; Pattjacken, Abschaum – so wurden die Häftlinge genannt. „Es ist abgeschlossen“, sagen sie.

50 Jahre Recherche – warum dauerte es so lange, Albert Sommer zu finden? Heinrich Peters guckt jetzt wütend. „Weil man eine Gruppe bei der Aufarbeitung des NS-Unrechts vergessen hat: die Soldaten, die sich gegen das Regime gestellt haben“, sagt er.

Er steht auf der alten Lagerstraße, neben ihm Inge, seine Frau. Sie hat dieses enge Gefühl, wie immer im Emsland. Aber da ist noch ein zweites Gefühl: „Ich bin stolz“, sagt die Tochter von Albert Sommer.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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