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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Nichts aus Geschichte gelernt?

09.11.2019

Melbourne /Varel Es war 1935, nur zwei Jahre, nachdem Hitler an die Macht kam, aber meine jüdische Familie Schwabe mütterlicherseits – Großmutter Blanche, Mutter Lotte, Onkel Rudolf und Tante Gertrude – konnten die Zeichen erkennen, was folgen sollte. Sie beschlossen, Deutschland so bald wie möglich zu verlassen.

Es war eine äußerst schwierige Entscheidung, das geliebte Haus der Familie am Marienlustgarten in Varel zu verlassen, wo Großmutter Blanche 35 Jahre lang gelebt hatte und wo Rudolf, Lotte und Gertrude geboren wurden. Rudolf fiel es besonders schwer, die Haltung der Deutschen gegenüber den Juden in den 1930er Jahren zu akzeptieren, zumal er im Ersten Weltkrieg für seine Heimat gekämpft hatte.

Mein Großvater Max Schwabe starb vorzeitig im Jahr 1931 und blieb von den Ängsten verschont, die seine Frau Blanche zu ertragen hatte. Die gebürtige Engländerin konnte glücklicherweise ihre Geburtsurkunde verwenden, um mit Rudolf und Gertrude in das damalige britische Protektorat, das heutige Israel, umzusiedeln.

Verfolgung und Flucht

Meine Mutter Lotte zog nach Berlin, um meinem Vater Ernst näher zu sein, der offiziell schon nicht mehr arbeiten durfte – nur weil er Jude war! Sie spürten die zunehmenden Gefahren für Juden, und mithilfe eines englischen Cousins zogen sie Anfang 1939 nach London, wo Ernst (anglisiert Ernest) und Lotte heirateten. Dann ging es mit dem Schiff nach Australien, wo sie als Flüchtlinge aus Nazideutschland aufgenommen wurden. Trotzdem hatte die Schwabe-Seite meiner Familie „Glück”! Während sie ihr Zuhause, Geschäft, Vermögen und Freunde verloren, waren sie nur indirekt von Adolf Hitler, der NSDAP, den kommenden Schrecken des Krieges und dem Holocaust, dem Versuch, die jüdische Bevölkerung in Europa auszurotten, betroffen.

Schwabe-Familie aus Varel

Die Familie Schwabe gehörte zur jüdischen Gemeinde in Varel. Es gab zwei Zweige der Familie, Textil-Schwabe (weil die Familie ein Textilhandelsunternehmen betrieb) und Leder-Schwabe (die Familie hatte eine Treibriemenfabrik). Die Mutter von Peter Marcuse (Autor des Gastbeitrags) war Lotte Marcuse (geborene Schwabe aus dem Zweig Leder-Schwabe, 1904-2002), sein Vater Ernst Marcuse (1900 - 1985, ein Cousin des Philosophen Herbert Marcuse) war Maler. Lotte verließ Varel im Jahr 1932 und zog nach Berlin. Das Paar emi­grierte 1939 nach London, von dort nach Australien. Beide erhielten 1945 die australische Staatsbürgerschaft. Ernst nannte sich fortan Ernest. Er lebte als freischaffender Künstler. Während des Kriegs war Ernst Marcuse Soldat.

Das Unternehmen Leder- und Treibriemenfabrik Schwabe wurde 1937 „arisiert“ (zwangsverkauft).

Eine andere Geschichte ist die der Marcuse-Familie väterlicherseits, die 200 Jahre in Berlin gelebt hatte. Meine Großmutter, der Bruder meines Vaters und 40 Familienmitglieder kamen in den Vernichtungslagern Auschwitz und Theresienstadt um. Nur mein Vater und drei weitere Mitglieder seiner Großfamilie sollten überleben, weil sie Deutschland vor Ausbruch des Krieges und dem, was folgte, verließen.

Die in Breslau geborenen jüdischen Eltern meiner Frau verließen 1938 Deutschland, um nach Australien zu emigrieren. Abgesehen von ihnen wurde auch ihre gesamte deutsche Familie von Hitler und den deutschen Nationalsozialisten ermordet.

Ich hatte das Glück, 1942 im sicheren Melbourne/Australien geboren zu werden. Obwohl es hier Antisemitismus gibt und dieser leider zunimmt, war ich in meinen 77 Jahren noch nie direkt betroffen.

„Deutschland“ war in den 40er und 50er Jahren ein Schimpfwort für meinen Vater! Er fand es zu schmerzhaft, über seine ausgerottete deutsche Familie zu sprechen und mit so schlechten Erinnerungen über sein früheres Leben in Berlin zu sprechen.

Auch mit deutsch-jüdischen Freunden in Australien sprach Ernest in der Regel Englisch und würde kein deutsches Produkt gekauft haben, auch wenn es höherwertiger und/oder billiger als vergleichbare Produkte war.

Jetzt, 74 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, machen meine Frau Evelyn und ich die gegenwärtige Generation nicht für das verantwortlich, was sich in den Tagen ihrer Vorfahren ereignet hat. Aber wir können die Vergangenheit nicht vergessen. Wir fahren deutsche Autos und haben einen in Deutschland hergestellten Geschirrspüler und eine Waschmaschine.

Wir sind uns bewusst, dass eine völlig neue Generation von Nachfahren der Menschen, die die Gräuel von 1939-1945 begangen oder unterstützt haben, nicht automatisch für die extremen Fehler derer vor ihnen verantwortlich gemacht werden sollte.

Gefährliche Extremisten

Jedoch: Warum sind in Deutschland heute gefährliche rechtsextreme und linksextreme Parteien aufgeblüht und warum wurden aus den katastrophalen Fehlern der Vergangenheit in Deutschland nicht genügend Lehren gezogen?

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Warum haben Einwanderer nach Deutschland gegen Demokratie und Freundlichkeit demonstriert, nachdem sie ihr Heimatland wegen Armut, Mangel an Möglichkeiten, Sicherheit und Menschenrechten verlassen hatten?

Warum war es in den 1930er Jahren in Deutschland ein Grund für die Verfolgung von Menschen, die an das Judentum glaubten oder sogar nur aus einer jüdischen Familie zu stammten?

Wie kann sichergestellt werden, dass sich die deutschen Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs niemals wiederholen?

Es wäre wunderbar, kons­truktive und aussagekräftige Antworten auf die oben gestellten Fragen zu haben. Oder ist das zu viel erwartet?

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