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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Mit der Kutsche auf Stimmenfang

08.09.2016

Juist Wer einen Ausflug auf die Insel Juist plant, muss diesen Trip sorgfältig vorbereiten. Wegen der Gezeiten kann häufig nur einmal täglich eine Fähre vom Festland ablegen. Nicht immer gibt es am selben Tag auch eine Rückfahrmöglichkeit. Die Fährverbindung ist der einzige Weg auf das ostfriesische Eiland. Das gilt für Besucher, Vorräte, Medikamente, die Post und im Sommer für Hunderttausende Touristen. Die Schiffe sind Juists Lebensader, aber auch das Einfallstor für die Probleme der Welt da draußen. Der neue Bürgermeister, der auf Juist am 11. September gewählt wird, wird darauf Antworten finden müssen.

Wie auf allen Nordseeinseln ist die gesamte Wirtschaft Juists auf den Tourismus ausgerichtet. „Fast eine Million Menschen kamen vergangenes Jahr auf die Insel. Rund 70 Prozent von ihnen sind Stammgäste“, sagt der parteilose Bürgermeister Dietmar Patron. „Unsere Konzepte dafür müssen wir kontinuierlich weiter entwickeln. Davon leben die Einheimischen.“ Nach acht Jahren im Amt wird Patron das Ruder im November an einen der drei Kandidaten abgeben, die sich derzeit um seine Nachfolge bemühen.

Keine Wahlplakate

Wahlplakate gibt es traditionell keine und auch im Internet treten die Bewerber kaum in Erscheinung. Um die Stimmen der rund 1500 wahlberechtigten Töwerländer kämpfen sie vor allem an der Haustür. Das passt ins Bild. Der Lebensrhythmus auf der Insel war schon immer langsamer als auf dem Festland. Bis heute sind Autos verboten. Pferdefuhrwerke beliefern die Geschäfte und holen den Müll ab. Alles ist zu Fuß oder per Rad erreichbar. „Eine Reise in die Vergangenheit“ nennt der aus Gütersloh in Nordrhein-Westfalen stammende CDU-Kandidat Jörg Möllenbrock seine ersten Urlaubserfahrungen auf der Insel.

Doch zur Ruhe kommen die Einwohner trotzdem nicht – jetzt, während der Hauptsaison, ist daran ohnehin nicht zu denken. Im Wahlkampf der drei Kandidaten dominieren drei Themen, die die Juister bereits seit Jahren umtreiben: die Verschlickung des kleinen Hafens, Umweltauflagen für das Wattenmeer und natürlich der völlig außer Kontrolle geratene Immobilienmarkt.

„Für ein Haus auf der Insel zahlt man locker 1,5 Millionen Euro“, sagt Möllenbrock. Und auch die Mietpreise liegen weit über dem Niveau auf dem Festland. Bei der Suche nach Fachkräften hat die Kommune deshalb große Schwierigkeiten. „Stets geht es um die Fragen: wo kriegen wir sie her und wo kriegen wir sie unter?“, erklärt Bürgermeister Patron. Seit 2009 müssen daher bei jedem Verkauf und jedem Umbau einer Immobilie zehn Prozent dauerhafter Wohnraum erhalten bleiben. Die Preise lassen sich bislang damit aber kaum in den Griff bekommen.

Probleme mit Schlick

Die Ideen der Kandidaten: Grundstücke über Erbpachtverträge für Investoren unattraktiv zu machen (Bündnis Juist) oder Veräußerungen von Gemeinde-Immobilien einzuschränken (CDU sowie der parteilose Kandidat Stefan Siedelmann).

Und es gibt weitere Probleme: Jedes Jahr trägt die Flut Tonnen von Schlick und Sand in den Hafen, der einmal jährlich für viel Geld freigebaggert werden muss. Der Streit mit dem Land um die Kosten ist uralt. Doch hängen an dem Thema auch umweltpolitische Konflikte, schließlich muss der Schlick irgendwo entsorgt werden. „Aufs Watt kippen dürfen wir das Zeug nicht“, klagt Patron. Das verbiete die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU zur Erhaltung natürlicher Lebensräume (FHH).

Diese Richtlinie ist allen Kandidaten ein Dorn im Auge. Das Interesse des Naturschutzes ist nicht immer vereinbar mit den wirtschaftlichen Anliegen eines Tourismuszentrums. CDU-Kandidat Möllenbrock etwa wirbt damit, besonders in der Nebensaison mehr Besucher anziehen zu wollen. Da könnte die Öffnung bislang geschützter Gebiete für Touristen nicht schaden. Der Kandidat des Bündnisses Juist, Tjark Goerges, spricht ebenfalls von Kompromissen, die in diesem Sektor ausgehandelt werden müssten.

Immobilienwirtschaft, Fachkräftemangel, demografischer Wandel – wer auch immer am Sonntag das Rennen auf der Insel macht, muss die Geschicke einer scheinbar vergangenen Welt in die Hand nehmen, in der die Probleme der Gegenwart mit voller Wucht angekommen sind.

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