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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Wie ein SS-Mann aus Varel eine Agentin als Geisel nahm

30.04.2015

Ravensbrück /Varel Am 30. April 1945, wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs, und auf den Tag genau vor 70 Jahren, hatten Soldaten der Roten Armee das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück befreit. 2000 kranke Häftlinge hatte die SS dort zurückgelassen.

Die anderen der zuletzt 20 000 Häftlinge hatte KZ-Kommandant Fritz Suhren in mehreren Marschkolonnen in den Nordwesten treiben lassen. Suhren selbst hatte sich einige Tage vor der Befreiung des Lagers abgesetzt.

Der SS-Offizier stammte aus Varel (Kreis Friesland). Dort war er 1908 als Sohn eines Textilhändlers geboren worden. Er besuchte die Mittelschule, absolvierte eine Lehre als Kaufmann in einem renommierten Vareler Textilkaufhaus. Seine spätere Arbeit in einer Baumwollweberei in Zetel hatte er 1931 verloren.

Früh in Partei eingetreten

So kehrte er nach Varel zurück, um im Geschäft seiner Eltern zu helfen. In die SA war Suhren 1928 eingetreten, im Dezember 1928 auch in die NSDAP (Mitgliedsnummer 109561). 1931 wechselte er zur SS, ab 1934 war er hauptamtlicher SS-Mann, übernahm ein Sturmbann in Hamburg, nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich war er dort im SS-Abschnitt Graz tätig.

Biografie eines Naziverbrechers

Geboren wurde Fritz Suhren am 10. Juni 1908 in Varel; Sohn eines Textilhändlers; Schulzeit und Lehre als Kaufmann

1. Dezember 1928: Eintritt in Partei (109561); Oktober 1929 Mitglied der SA; 1931 Wechsel/Mitglied der SS (14682)

15. Februar 1934: Suhren wird hauptamtlicher SS-Offizier; Anfang 1937 in Hamburg ein SS-Kommando, Beförderung zum Sturmbannführer; 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich wird Suhren im SS-Abschnitt Graz eingesetzt

November 1941 bis Ende August 1942 ist Suhren „Schutzhaftlagerführer“ im KZ Sachsenhausen bei Berlin; Teilnahme an Tötungsaktionen, unter anderem an der Tötung sowjetischer Kriegsgefangener

1. September 1942 bis Kriegsende: Suhren ist Kommandant im KZ Ravensbrück; er ist verantwortlich für „medizinische“ Experimente, Sterilisationsexperimente an Sinti und Roma; in Ravensbrück gibt es auch eine provisorische Gaskammer, in der ab Januar 1945 geschwächte Häftlinge getötet werden. Anschließend werden die getöteten Häftlinge verbrannt.

Mai 1945 Verhaftung Suhrens und Internierung in Neuengamme, von dort Flucht. 1948 wird Suhren in Bayern erkannt.

März 1949 Verhaftung in Bayern

1950 Prozess vor dem französischen Militärgericht in Rastatt, Verurteilung am 10. März zum Tode, Hinrichtung am 12. Juni 1950 in Sandweier (Baden-Baden)

Zweieinhalb Jahre – von September 1942 bis zum Kriegsende – war Suhren Kommandant in Ravensbrück gewesen. Zuvor war er im Konzentrationslager Sachsenhausen 2. Schutzhaftlagerführer gewesen, wie die Nazis die Leitung des eigentlichen Häftlingslagers in einem KZ euphemistisch umschrieben. In Sachsenhausen war er an der Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener (in einer Genickschussanlage) beteiligt. 13 000 Kriegsgefangene wurden dort erschossen, 5000 starben durch Krankheit.

Beteiligt war Suhren auch an der ersten Mordaktion 1941, als 300 bis 500 Geschwächte und Kranke „ausgesondert“, das heißt ermordet wurden. In mindestens einem Fall war an der Exekution eines Gefangenen durch Erhängen beteiligt.

In Ravensbrück wiederum wurden unter Suhrens Leitung Tausende von Frauen exekutiert, auch war er für die medizinischen Versuche an polnischen Frauen in Ravensbrück verantwortlich. SS-Ärzte hatten die Beine von polnischen Widerstandskämpferinnen mit Gasbrand infiziert. Und noch Anfang 1945 fanden dort Sterilisationsexperimente an Frauen und Mädchen der Sinti und Roma statt. „Die jüngsten von ihnen waren acht Jahre alt“, weiß der Vareler Historiker Holger Frerichs, der eine ganze Reihe von Büchern über die Zeit des Nationalsozialismus in Varel veröffentlicht hat und so über Fritz Suhren „gestolpert“ war.

Vor dem Herannahen der Roten Armee hatten sich Suhren und der SS-Oberscharführer Hans Pflaum abgesetzt. Suhren hatte die französische Agentin Odette Sansom als Geisel genommen. Mit ihr erhoffte er sich den Freikauf aus der drohenden Gefangenschaft.

Englische Agentin

Odette Sansom (geb. Brailly; 1912 bis 1995) war als Agentin des englischen Geheimdienstes 1942 in Frankreich abgesetzt worden. Dort arbeitete sie mit dem Agenten Peter Churchill und der französischen Widerstandsbewegung zusammen. Am 16. April 1943 wurden die beiden in Frankreich festgenommen. Odette Sansom und Churchill behaupteten, dass sie verheiratet wären und Churchill ein Neffe des britischen Premierministers Winston Churchill sei. Die beiden Lügen retten ihr Leben, aber brachten den beiden eine lange Leidenszeit in Konzentrationslagern ein.

Als Suhren nun kurz vor Kriegsende 1945 mit Odette Sansom in einem Sportwagen zu den amerikanischen Truppen floh, klärte die Agentin die Amerikaner über Suhrens Funktion auf. Suhren wurde verhaftet und im ehemaligen KZ Neuengamme bei Hamburg interniert. Dort gelang Suhren und Pflaum die Flucht. Obwohl sie als Nazi-Verbrecher gesucht wurden, konnten sie untertauchen.

Mindestens einmal wurde Suhren im November 1946 in Hamburg gesehen. Einige Tage später arbeitete er als Herbert Pakusch in einer Brauerei in Bayern. Im Februar und im September 1948 reiste Suhren wieder nach Hamburg. Im Oktober 1948 traf er in Eppenschlag im Bayerischen Wald durch Zufall eine ehemalige Sekretärin des früheren KZ Ravensbrück. Das führte am 24. März 1949 zu seiner Verhaftung in Deggendorf. In den Verhören durch die amerikanischen Besatzungstruppen stritt er jegliche Schuld ab.

Im Juli 1949 wurde er an die französische Besatzungsmacht ausgeliefert. Durch ein französisches Militärgericht – der Militärgerichtshof in Rastatt verhandelte von 1946 bis 1954 Kriegsverbrechen und Gräueltaten gegen 2000 Angeklagte – wurden Suhren und Pflaum am 10. März 1950 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 12. Juni 1950 in Sandweier (Baden-Baden) vollstreckt.

In Innsbruck befreit

Peter Churchill wurde nach einer Odyssee durch deutsche Konzentrationslager am 4. Mai 1945 in Innsbruck befreit. Odette Sansom und Peter Churchill heirateten dann tatsächlich im Jahre 1947. Sie erhielten zahlreiche Auszeichnungen für ihre Tapferkeit, ihre Ehe hatte aber keinen langen Bestand. Die beiden trennten sich 1956.

Hans Begerow
Leitung
Politik/Region
Tel:
0441 9988 2091

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