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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Mit Gottvertrauen gegen die Nazis

20.09.2012

Oldenburg Die Lambertikirche war voll an diesem 20. September 1932. In den Reihen standen die Menschen dicht an dicht gedrängt, Ellbogen berührten sich, Hälse wurden gereckt. Sie wollten dabei sein bei diesem Ereignis, das als Lichtblick in einer dunklen Zeit in den Geschichtsbüchern stehen sollte. Der Vortrag eines Pastors vor 3000 Oldenburger Christen ging als die „Kwami-Affäre“ in die Annalen ein.

Es war eine große Pleite für die Nazis. Schon bevor Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, waren sie im damaligen Freistaat Oldenburg an der Macht und regierten unter Gauleiter Carl Röver – es war das erste Land im Deutschen Reich unter NS-Herrschaft.

Im Sommer 1932 wird bekannt, dass der schwarze Pastor Robert Stephen Kwami aus dem westafrikanischen Togo am 20. September in der Oldenburger Lambertikirche reden soll. Ein Affront für den Rassisten Röver, der sofort alles mobilisiert, um den Auftritt des Theologen zu verhindern.

150 Vorträge

Der schwarze Pastor ist auf einer Rundreise im Auftrag der Norddeutschen Mission unterwegs. An mehr als 80 Orten hält er insgesamt mehr als 150 Vorträge. Nur in Oldenburg gibt es Probleme. Die Gauleitung und die von ihr gestellte Oldenburger Landesregierung fordern die Lamberti-Pastoren Erich Hoyer und Hermann Buck auf, Kwamis Auftritt zu unterbinden.

Es sei eine „Kulturschande und Herausforderung“ gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung. Doch die
Pastoren bleiben standhaft. Solidarisch mit seinen Pastoren verbittet sich der kirchenleitende Oberkirchenrat vehement die Einmischung Rövers in kirchliche Angelegenheiten.

Röver schäumt und beginnt mit unverhohlenen Drohungen gegenüber der Kirche. Am 17. September wettert der Gauleiter in der Zeitung „Der Ammerländer“: Er wirft dem Oberkirchenrat „Dummheit“ und „Frivolität“ vor, „die eigentlich mit Zuchthaus bestraft werden müßte“. Es werde eine Zeit kommen, in denen „die Nationalsozialisten mit diesen Herren einfach Fraktur reden würden, die so die weiße Rasse schändeten. Dann würden diese so grausam sein, daß das Leben für diese Leute nichts bedeute.“

Deutscher Bürger

Pikantes Detail: Kwami ist deutscher Staatsbürger. Als Sohn einer Lehrer- und Katechetenfamilie wird er 1879 in der damals deutschen Kolonie Togo geboren. Sein Vater war noch von Missionaren aus der Sklaverei frei gekauft worden. Kwami lässt sich taufen und besucht die Schule der Missionare.

Mit 15 Jahren reist er 1894 erstmals nach Deutschland, wo er in Westheim bei Schwäbisch Hall die Schule besucht. 1911 wird er zum Pastor ordiniert.

In Bremen bei der Norddeutschen Mission sorgt man sich indes um Kwamis Sicherheit. Doch dessen unerschütterliches Gottvertrauen beeindruckt die Verantwortlichen. Am 20. September ist die Lambertikirche überfüllt. Am Nachmittag spricht Kwami vor rund 1000 Jugendlichen und am Abend nochmals vor rund 2000 Menschen in fließendem Deutsch. Er bittet eindringlich darum, in der Mission nicht nachzulassen und treu zum christlichen Glauben zu stehen. Die befürchteten Tumulte bleiben aus.

Rövers Blamage wird im ganzen Reich bekannt. Lamberti-Pastor Hoyer fordert den Gauleiter in einem offenen Brief auf, seine rassistischen Äußerungen und Drohungen zurückzunehmen. Das Schreiben sendet er an 35 Regionalzeitungen. Auch überregionale Blätter übernehmen den Brief, so dass die Affäre deutschlandweit bekannt wird. Selbst niederländische und englische Zeitungen berichten über den Fall.

Doch Röver bleibt stur. Der Oberkirchenrat zeigt den Gauleiter schließlich wegen Beleidigung an, doch die Justiz ist längst nicht mehr unabhängig. Das Verfahren wird verschleppt, wichtige Beweisstücke gehen verloren. Im Rahmen einer Weihnachtsamnestie wird das Verfahren dann ganz eingestellt. Schließlich sei die dem Angeschuldigten zur Last gelegte Tat, „wenn überhaupt, so aus politischen Gründen begangen worden“, heißt es in der Begründung des Oberlandesgerichtes.

Große Freude

1934 erinnert sich Kwami in einem Artikel noch einmal an die Vorgänge in Oldenburg: „Man hat mich in keiner Stadt mit größerer Freude empfangen als in Oldenburg. Menschen, die sonst nicht zur Kirche gehen, kamen, so dass die Kirche brechend voll war. Viele fanden keinen Platz und mussten während des ganzen Gottesdienstes stehen. Gott hatte das Böse, das meine Feinde gegen mich geplant hatten, zum Besten seines Werkes und für mich gewandt. Darum vertraue nur Gott, bete, dann wird nichts Böses dich treffen.“

Kwami stirbt 1945 in Afrika. Zuletzt war er der erste Schriftführer seiner afrikanischen Kirche – eine Art Bischof. Im Nachkriegseuropa gibt es nur wenige Nachrufe. In Oldenburg erinnert in der Lambertikirche seit 2009 ein „Kwami-Saal“ an den unerschrockenen Theologen.

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