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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Pfleger und Schwestern morden nach Schema F

19.12.2014

Oldenburg /Delmenhorst Tatort: der eigene Arbeitsplatz. Im Krankenhaus ist Sterben schließlich nichts Ungewöhnliches. 70 bis 80 Prozent aller Menschen in Deutschland sterben in einer Klinik. Der Täter: meist intelligent, kompetent, gut ausgebildet. Motiv: schwer zu erhellen. Opfer: schwer kranke, häufig komatöse, sterbende Patienten. Die Methode: leise und unauffällig. Medikamente überdosiert oder ein Giftcocktail über einen vorhandenen Venenkatheter gegeben hinterlassen keine äußerlich sichtbaren Spuren.

Eine Beschreibung, die zu Niels H. passt, der ein Serienmörder sein könnte, wie es in Deutschland seit dem Krieg keinen zweiten gegeben hat – falls ihm die Taten nachgewiesen werden. Bis zu 200 Morde könnten auf sein Konto gehen, fürchtet die Polizei. Doch die Beschreibung passt auch zu einer Krankenschwester, die 1989 in Wuppertal wegen achtfachen Mordes an Patienten verurteilt wurde, sie passt zu einem Krankenpfleger, der 1993 in Gütersloh wegen Totschlags in zehn Fällen verurteilt wurde, sie passt auch zum „Todespfleger von Sonthofen“, der 2006 wegen Mordes in zwölf Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

„Spitze des Eisbergs“

Hat Niels H. also möglicherweise in den Kliniken von Oldenburg und Delmenhorst nach Schema F gemordet? Ja, muss man wohl sagen. Denn es gibt seit 1997 ein Lehrbuch über solche Mordserien. „Patiententötungen. Dem Sterben nachgeholfen“, heißt das Werk des Hamburger Psychologen und Gerichtsgutachters Herbert Maisch, das es kurz vor seinem Tod schrieb.

Maisch hat in den 1970er Jahren begonnen, Tötungsserien von Pflegern und Krankenschwester zu analysieren, in den Niederlanden, in Norwegen, in den USA und vor allem in Deutschland. Das Fazit des Autors: Patiententötungen kommen häufiger vor, als man denkt. Immer wieder werden in Kliniken vor allem alte, schwerst kranke Menschen ermordet. Maisch listet 174 Fälle auf, die zwischen Ende der 70er und Ende der 90er in Westeuropa und in Amerika angeklagt wurden. Ein Dutzend Pflegekräfte wurde in mehr als hundert Fällen für schuldig befunden. Experten gehen allerdings von einem hohen Dunkelfeld aus. Vieles spreche dafür, dass die öffentlich gewordene Patiententötung nur „die Spitze des Eisbergs“ darstelle, meint etwa der Psychologe Roberto Rotondo.

Keine sichtbaren Spuren

Niels H. arbeitete als Pfleger im Krankenhaus, auf der Intensivstation – laut Maisch die „letzte Verteidigungslinie gegen den Tod“. Er galt – zumindest anfänglich – bei den Kollegen als intelligent, hilfsbereit, kompetent. Für den 37-Jährigen waren schwerst kranke, komatöse Patienten laut Zeugenaussagen im laufenden Mordprozess nur „leere Hüllen“. Niels H. mordete, so ihm die Taten nachgewiesen werden, leise und ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen – mit Kalium und Gilurytmal. Kannte Niels H. das Buch von Maisch? Ist er nach einer Methode vorgegangen? Vielleicht. Andersherum wird deutlich: Seine mutmaßlichen Taten passen ins Schema F.

Noch mehr von dem, was Maisch herausgearbeitet hat, ließe sich auf Niels H. übertragen: Die Taten ereigneten sich fast immer in Serie. Sie wurden begünstigt durch mangelhafte Kontrollen des Medikamentenverbrauchs, durch Unaufmerksamkeit der Vorgesetzten, durch Wegschauen der Kollegen. Denen fällt zwar die hohe Todesrate in den Dienstzeiten des betreffenden Kollegen auf. Sie nehmen das aber nicht so ernst, machen sogar Witze darüber. „Pechvogel“ oder „Todesengel“ werden solche Pfleger genannt. Niels H hieß auch „Rettungs-Rambo“.

Selbst wenn die Kollegen einen Verdacht hegen, passiert häufig nichts. Weil die Vorstellung eines Serienmörders „zu absurd, zu ungeheuerlich“ ist, wie Maisch meint.

Weiteres Merkmal ist die Zeitspanne von sechs Monaten bis sechs Jahren, in denen die Täter in der Regel mordeten. Bei Niels H. werden vor allem Fälle zwischen 2000 und 2005 untersucht. Die Täter sind zumeist zwischen 20 und 39 Jahre alt, haben Erfahrung, könnten sogar Ärzten noch etwas beibringen. Auf Niels H. trifft das alles genauso zu.

Es gibt allerdings auch Unterschiede zum Schema F: Als unauffällig und pflegerisch vorbildlich, wie Maisch die Täter beschreibt, galt Niels H. nicht. Da passt schon eher auf den 37-Jährigen, dass er zu den Tatzeitpunkten im Klinikum Delmenhorst wenige Erfolgserlebnisse hatte, psychisch und körperlich sehr belastet war: ein kleines Kind, viele Nachtschichten, Einsatz im Rettungsdienst.

Aufdeckungsbarrieren

Der „Spiegel“ schreibt im Jahr 2006 über den Krankenpfleger Stephan L., der von Februar 2003 bis Juli 2004 im Sonthofener Krankenhaus 29 Patienten umgebracht haben soll: „Der größte Massenmörder?“ Stephan L. wollte Rettungssanitäter werden, da gab es Action, da musste zugepackt und schnell entschieden werden. Auch Niels H. wollte Action, wollte allen zeigen, was er medizinisch und vor allem bei der Reanimation drauf hatte.

Am Ende steht laut Maisch die Aufdeckungsbarriere bei den Kliniken: aus Angst vor finanziellem Schaden, aus Angst vor dem Karriereende, aus Angst vor dem Skandal. Viele Tötungsserien werden so nur durch Zufall aufgedeckt. Niels H. wurde in einem Patientenzimmer ertappt, eine lebenswichtige Pumpe war ausgeschaltet, in einem Abfalleimer lagen leere Ampullen Gilurytmal.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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