• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Kühme: „Morde hätten verhindert werden können“

05.11.2015
Oldenburg   – 
Frage: Zweimal stand der Klinikmörder Niels Högel bereits vor Gericht, sechs Verbrechen wurden ihm dort nachgewiesen. Seit einem Jahr untersucht die Soko „Kardio“ weitere Verdachtsfälle – um wie viele Morde wird es im dritten Högel-Prozess gehen?
Kühme: Das können wir abschließend noch nicht sagen, die Ermittlungen laufen noch. Uns liegen zurzeit von 53 Exhumierungen toxikologische Ergebnisse vor. Wir hatten vor drei Wochen in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, dass in 14 Fällen der Wirkstoff Ajmalin gefunden wurde. Heute können wir sagen, dass wir weitere Ergebnisse bekommen haben, bei denen Ajmalin ebenfalls bestätigt ist.
Frage: Wie viele Fälle sind das?
Kühme: Die Frage möchte ich im Moment noch nicht beantworten.
Frage: Vor drei Wochen waren es 47 Exhumierungen, Sie haben inzwischen also sechs weitere Ergebnisse vorliegen.

Gutachten nötig

Jeder Patient, der während der Dienstzeit von Niels Högel im Klinikum Delmenhorst gestorben ist und erdbestattet wurde, wird von der Polizei überprüft. In einem medizinisches Gutachten wird festgestellt, ob der Todesfall aufgrund des Krankheitsverlaufs plausibel ist oder nicht. Falls der Tod nicht plausibel ist, beantragt die Staatsanwaltschaft beim Amtsgericht Oldenburg einen Exhumierungsbeschluss. Darüber informiert die Polizei die Angehörigen. Die ausgegrabenen Leichen werden in der Rechtsmedizin in Oldenburg untersucht, entnommene Proben prüft die Medizinische Hochschule Hannover (MHH).

Kühme: Es gab 174 Fälle im Klinikum Delmenhorst, bei denen der Verdacht bestand, dass Niels H. getötet hat. Wir reden dabei nur von Delmenhorst, und wir reden nur von den während der Dienstzeit von Niels H. verstorbenen Patienten, die erdbestattet wurden. Wir reden nicht von den 101 Patienten, die damals feuerbestattet wurden. Von den 174 erdbestatteten Patienten sind jetzt 120 überprüft.
Frage: Högel selbst hat im zweiten Prozess 30 Tötungen und 60 Tötungsversuche eingeräumt. Für wie realistisch halten Sie diese Zahlen?
Kühme: Ich möchte da nicht spekulieren. Die Frage, ob es sich dabei um ein taktisches Geständnis handelte, wird sich am Ende beantworten lassen. Wir werden dann viele Fragen beantworten können, aber auch nicht alle Fragen. Das liegt daran, dass die Tötungsversuche von der Gerichtsmedizin überhaupt nicht festgestellt werden können, und dass die Feuerbestatteten auch nicht mehr untersucht werden können.
Frage: Sie sagten, wir reden nur über Delmenhorst. Gibt es durch die Soko-Arbeit Anzeichen, dass Högel auch woanders Patienten getötet hat – zum Beispiel im Klinikum Oldenburg, wo er von 1999 bis 2002 arbeitete?
Kühme: Ich sage das mal so: Ob die bereits abgeurteilte Tat am 28. März 2003 im Klinikum Delmenhorst wirklich die erste Tat des Beschuldigten war, wie er es im Prozess beschrieben hat – da habe ich meine Zweifel. Insofern steht nach wie vor die Frage im Raum, ob die Mordserie in Delmenhorst vielleicht hätte verhindert werden können. Möglicherweise wäre unendliches Leid den Opfern und Angehörigen erspart geblieben.
Frage: Sehen Sie Versäumnisse im Klinikum Oldenburg?
Kühme: Es wäre zu den verheerenden Mordtaten in Delmenhorst nicht gekommen, wenn die damals Verantwortlichen des Klinikums bei den ersten Verdachtsmomenten zumindest die Ermittlungsbehörden, also Polizei und Staatsanwaltschaft, eingeschaltet hätten. Niemandem hätte deswegen ein Vorwurf gemacht werden können.
Frage: Das klingt so, als hätten Sie bereits konkrete Hinweise auf Mordfälle auch in Oldenburg . . .
Kühme: Das Klinikum hat ja selbst einen anerkannten Gutachter beauftragt, der bei sieben Todesfällen während der Dienstzeit von Niels H. einen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von außen bedingten Einfluss nachgewiesen hat. In fünf weiteren Fällen hieß es „möglicherweise“. Wir haben überhaupt keinen Anlass, an dem Gutachten zu zweifeln. Aber natürlich stellen wir da unsere eigenen Ermittlungen an.
Frage: Laut dem Gutachten wurde in Oldenburg nicht mit Wirkstoff Ajmalin gemordet, sondern mit Kalium. Das wäre ein ganz anderes Vorgehen – und es würde ein ganz neues Licht auf den Täter und mögliche weitere Taten werfen.
Kühme: Deshalb ist die Frage so wichtig, inwieweit zutrifft, was Niels H. gesagt hat: dass er in Delmenhorst mit den Tötungen begonnen hat, dass es 30 vollendete Tötungen gab. Wir haben Zweifel, dass das stimmt.
Frage: Es gibt jemanden, der die Antworten auf all diese Fragen kennt. Sprechen Sie mit Niels Högel?
Kühme: Grundsätzlich hat er Anspruch auf rechtliches Gehör, und das werden wir ihm zu gegebener Zeit natürlich auch anbieten. Ob er das annimmt, das ist seine Sache.
Frage: Aktuell gibt es also keinen Kontakt?
Kühme: Nein. Im Moment wird ja ermittelt.
Frage: Es gab neben Oldenburg und Delmenhorst andere Schauplätze, an denen Högel tätig war – zum Beispiel der Rettungsdienst in Ganderkesee und ein Seniorenheim in Wilhelmshaven. Haben Sie Hinweise, ob er dort mordete?
Kühme: Wilhelmshaven ist abgeschlossen, da gibt es keine Erkenntnisse. Wenn ich sage, wir haben keine Erkenntnisse, dann heißt das nicht, er hat definitiv nichts gemacht – das Dunkelfeld ist immens groß. Ganderkesee ist in der Endbearbeitung.
Frage: Uns wurde zugetragen, Sie hätten kistenweise Transportlisten des Rettungsdienstes beschlagnahmt. Um welche Dimensionen geht es bei diesen Ermittlungen?
Kühme: Wir haben weit mehr als 500 Notarzt-Einsatzprotokolle überprüft. Mehr können wir im Moment nicht sagen.
Frage: Wie geht es weiter bei den Exhumierungen?
Kühme: Wir werden in den nächsten zwei Wochen den neunten Friedhof abschließen. Dann dauert es ja wieder ein bisschen, bis die Gutachten kommen. In der Vorweihnachtszeit wird es keine Exhumierungen geben. Ich möchte, dass die Ermittler und alle Beteiligten an den Weihnachtstagen ein wenig zur Ruhe kommen. Es handelt sich um eine sehr belastende Arbeit. Ich hab mir das selbst angesehen. Etwa 60 Sterbefälle müssen noch begutachtet werden.
Frage: Wie viele Menschen sind da im Einsatz?
Kühme: Es sind pro Exhumierung immer mehr als 20 Beamten im Einsatz, vier davon direkt am Grab, zwei Ermittlungsbeamte und zwei Kriminaltechniker.
Frage: Wie verhalten sich die Angehörigen?
Kühme: Überwiegend offen, verständnisvoll, dankbar. Wir haben ja noch das Hinweistelefon. Da gibt es keine Hinweise mehr, aber viele Fragen von Angehörigen. Es gab auch einzelne, die sagten, wir wollen das nicht, aber die Rechtslage ist nun mal so. Überwiegend wird angenommen, dass es wichtig ist, dass wir uns darum kümmern. Es gab auch mal Irritationen, ein oder zwei Fälle, wo ein Grab nicht wieder so hergerichtet war, wie es sollte, oder ein Nachbargrab beschädigt worden ist. Da gab es dann auch mal im Einzelfall Beschwerden, die berechtigt waren. Die wurden sofort aufgegriffen, das ist jedes Mal gütlich geregelt worden.
Frage: Wann sind die Ermittlungen abgeschlossen?
Kühme: Ich rechne damit, dass die Exhumierungen im Frühjahr 2016 beendet sein werden. Die polizeilichen Ermittlungen werden wir wohl im ersten Halbjahr 2016 abgeschlossen haben.
Frage: Das heißt, ein dritter Högel-Prozess noch in 2016 ist wahrscheinlich?
Kühme: Das ist Sache der Justiz.
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.