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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Mutter und Kind gemeinsam im Knast

24.12.2014

Vechta Die kleine Milla ist müde. Doch schlafen kann sie nicht. Das sechs Monate junge Mädchen findet keine Ruhe. „Ihr fehlt ihr Papa, der lebt in Heilbronn“, sagt ihre Mutter Maike und fügt nach kurzer Pause hinzu: „Unser einziger Rückzugsraum sind diese zwei Zimmer, aber die Wände sind sehr hellhörig und es ist wegen der anderen Kinder nie ganz leise. Für meine Tochter ist das hier kein Ort zum Leben.“ Doch so sehr es sich Maike wünscht, umziehen kann sie nicht. Denn die 28-Jährige sitzt mit ihrer Tochter im Gefängnis.

Betrunken zugeschlagen

Wegen gefährlicher Körperverletzung wurde Maike im August 2013 zu 30 Monaten Haft in der Justizvollzugsanstalt (JVA) für Frauen in Vechta verurteilt. Ihre beiden anderen Kinder sind zwei und sieben Jahre alt, sie lebten damals bereits in Pflegefamilien. „Ich war betrunken, da habe ich zugeschlagen“, erinnert sie sich an ihre Tat. Zuvor habe eine Freundin sie beleidigt, sich lustig gemacht, weil sie ihre Kinder weggeben musste. Ob sie die Tat bereut, lässt sie offen. „Ich schäme mich nicht, dass ich hier bin“, gibt sie sich aber selbstbewusst.

Eine von sieben Einrichtungen im Bundesgebiet

Das Mutter-Kind-Haus Vechta ist eine von sieben Einrichtungen für Mütter mit Kindern in Haft im gesamten Bundesgebiet.

Die Einrichtung hat an zwei Standorten Unterbringungsmöglichkeiten für Mutter-Kind-Paare: Im geschlossenen Vollzug (fünf Plätze) soll das Alter des Kindes drei Jahre zum Entlassungszeitpunkt der Mutter nicht überschreiten, im offenen Haus (bis zu 13 Plätze) ist eine Unterbringung bis zur Schulpflicht des Kindes möglich.

Ziele der Einrichtung sind insbesondere die Trennung von Mutter und Kind während der Haft zu vermeiden und hierdurch Störungen in der frühkindlichen Entwicklung entgegenzuwirken sowie die Mütter, entsprechend der Entwicklungsstufe ihrer Kinder in ihrer Erziehungsfähigkeit zu stärken und weiterzubilden.

„Ich weiß, was ich Milla damit angetan habe“, sagt Maike und blickt nun nervös auf den Boden. Ihre Augen scheinen rastlos. Hinter dem selbstkritischen Satz verbirgt sich nichts anderes als die Tatsache, dass Milla noch nie in Freiheit gelebt hat. Seit ihrer Geburt ist das Mutter-Kind-Haus in der wenige hundert Meter von der Hauptanstalt entfernten Abteilung für den offenen Vollzug in Vechta ihr Zuhause.

Mehr Kita als Gefängnis

Dabei präsentiert sich das schlichte Gebäude am Stadtrand mehr wie eine große Kindertagesstätte als wie ein Gefängnis. Weder vergitterte Fenster noch besonders gesicherte Türen stören den Blick, statt kahlen Anstaltswänden gibt es selbst gemalte und gebastelte Bilder, und im Flur baumelt in der Weihnachtszeit auch ein Adventskranz mit dicken roten Kerzen unter der Decke. Hinter dem Haus ist ein Spielplatz, der Zaun in Sichtweite gehört zum Nachbargrundstück.

„In den 17 Jahren, die es das Haus jetzt gibt, sind nur zwei Frauen geflohen“, sagt die stellvertretende Anstaltsleiterin Petra Huckemeyer. Jede der Frauen wisse, dass sie ihr Kind verlieren werde, wenn sie unerlaubt weggehe. „Und wohin sollen sie denn gehen.“ Für die meisten Mütter sei das Haus vielmehr ein Schonraum, denn sie hätten in der Zeit vor ihrer Verurteilung schlimme Dinge erlebt. „Missbrauch, Drogen, Gewalt – viele der Frauen waren lange Zeit Opfer, bevor sie zu Tätern wurden.“

„Acht Frauen und neun Kinder leben derzeit hier“, sagt Marianne Heumüller. Seit 1980 arbeitet sie in der JVA Vechta, seit 1993 leitet sie das Mutter-Kind-Haus. Das rot geklinkerte Gebäude bietet Platz für 13 Mütter mit Kindern, im Hauptgebäude gibt es fünf weitere Mutter-Kind-Plätze im geschlossenen Vollzug. Deutschlandweit gibt es nur wenige vergleichbare Angebote, die Nachfrage auch aus anderen Bundesländern ist deshalb immer groß.

Haftanlagen für Mütter und Kinder haben ganz besondere Anforderungen zu erfüllen, eine Gratwanderung zwischen Justiz und Sozialem nennt Heumüller dies. Denn die Kinder sollen – anders als ihre verurteilten Mütter – möglichst nichts vom Freiheitsentzug mitbekommen. Ein Team aus Erzieherinnen, einer Kinderpflegerin und ein speziell geschultes Vollzugsteam steht den Müttern mit Rat und Tat zur Seite. „Viele von ihnen sind mit McDonalds groß geworden, können nicht kochen“, sagt Heumüller. Gerade zu Beginn der Haftzeit müsse den Müttern zudem viel abgenommen werden, da sie oft in einem schlechten psychischen und physischen Zustand seien.

Mütter auf Prüfstand

Priorität bei der Belegung sei es, Mutter und Kind nicht zu trennen, betont Huckemeyer. Doch immer lasse sich das leider nicht vermeiden, ergänzt Heumüller. Dies sei etwa der Fall, wenn das immer im Fokus stehende Kindeswohl durch die Haftdauer – spätestens zur Einschulung muss sie beendet sein – oder den Umgang der Mutter gefährdet werde. Dies wüssten auch die Mütter, es setze sie unter Druck: „Sie stehen hier nicht nur als verurteilte Straftäter, sondern auch als Mütter auf dem Prüfstand.“

„Die kümmern sich hier sehr lieb um uns“, lobt Maike das Konzept des Mutter-Kind-Hauses. Es sieht vor, die Frauen für ein selbstständiges und selbstverantwortliches Leben ohne neue Straftaten nach der Haftzeit vorzubereiten. Dazu zählt auch eine Arbeitsverpflichtung für alle Mütter, deren Kinder älter als sechs Monate sind – die Kinder werden in der Zeit von Erziehern betreut.

Maike arbeitet inzwischen von 8 bis 12 Uhr in der Küche. Nachmittags hat sie frei und kann mit Milla Spaziergänge durch Vechta machen, mittwochs ist Putztag. Anders als bei normalen Häftlingen sind Fernseher im Zimmer verboten. Zum Schutz der Kinder, sagt Heumüller. Abends treffen sich die Frauen deshalb mit ihren Babyphonen oft auf dem roten Sofa im Gemeinschaftsraum.

Darüber hinaus müssen die Frauen in ihrem Alltag oft durch Erzieherinnen dabei begleitet werden, ihrer Verantwortung als Mutter gerecht zu werden. Deshalb sind hier viele Lockerungen möglich, von denen andere Häftlinge in Deutschland nur träumen können – täglich können die Frauen etwa stundenweise das Haus verlassen. An 21 Tagen pro Jahr dürfen sie zu ihrer Familie in Urlaub fahren. Maike kann deshalb das Weihnachtsfest mit ihrer Tochter bei der Familie ihres Freundes verbringen. „Darauf freuen wir uns sehr“, sagt sie und ihre ansonsten scheuen Augen fangen an zu leuchten. Vorher stehe noch ein anderes Großereignis an: Die Taufe von Milla. Taufpatin sei eine Frau, die sie vor einem Jahr im geschlossenen Vollzug kennengelernt habe. Maikes Ziel ist der März 2015. „Dann haben wir unseren Zweidrittel-Termin“, sagt sie. Dann dürfe sie die „Zitadelle“, wie die Mütter das Haus nennen, endlich verlassen und den Rest der Haftzeit im Kreis ihrer Familie verbringen. Ihr Freund habe bereits einen Job für sie gesucht.

Zwangsgemeinschaft

Denn trotz aller Lockerungen bleibt Haft eben Haft, Huckemeyer nennt es eine Zwangsgemeinschaft, mit der jede Frau erst zurecht kommen müsse. „Wir respektieren uns hier zwar alle, aber im Gefängnis gibt es keine Freundschaft“, sagt Maike. Jede Mutter versuche in erster Linie, sich um sich und ihr Kind zu kümmern. Zwar helfe man sich auch untereinander, oft würden aber Neid, Missgunst und Vorurteile auch für Streit unter den Frauen sorgen, sagt Mutter-Kind-Haus-Leiterin Marianne Heumüller. Unterschiedliche Bildungsstände und kulturelle Herkünfte würden dies noch verstärken.

Für Milla wünscht sich Maike, dass sie nach der Haft mehr Zeit mit ihrem Vater verbringen kann. Nach wenigen Minuten auf seinem Arm suche sie ihre Mutter, auch trösten könne er sie nicht. Maikes Hoffnungen gehen noch weiter: Zurück in der Freiheit würden sicher auch bald ihre anderen Kinder wieder zu ihr zurückkommen.

Lars Laue
Korrespondent
Redaktion Hannover
Tel:
0511/1612315

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