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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Das Gladbecker Geiseldrama und die Medien

10.08.2018

Oldenburg Es gibt nur wenige Ereignisse im Leben eines Journalisten, die sich so nachhaltig im Gedächtnis festsetzen wie das Gladbecker Geiseldrama, das am 16. August 1988 begann, zwischenzeitlich zu einem Bremer Geiseldrama wurde und am 18. August in einem tödlichen Fiasko auf der Autobahn 3 bei Bad Honnef endete. Mehr als jedes Fortbildungsseminar hat es das journalistische Selbstverständnis verändert und den Blick auf das Berufsethos geschärft.

Aufarbeitung per Whatsapp

Als Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, zwei gescheiterte Existenzen mit langjähriger krimineller Geschichte, am Morgen des 16. August 1988 mit einem gestohlenen Motorrad zur Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck-Rentfort fuhren, begann ein Drama. Eines, das in den folgenden 54 Stunden drei Menschenleben kosten sollte und etliche Verletzte. Von den tiefen Wunden in der Psyche der Geiseln und ihrer Angehörigen ganz zu schweigen.

Wie konnte es dazu kommen? Die NWZ erzählt das historische Geschehen jetzt, genau 30 Jahre danach, per WhatsApp nach – nüchtern betrachtet aus der Perspektive des Beobachters, mit dem Wissen der Gegenwart. Dabei werden Fehler und ungenutzte Zugriffsmöglichkeiten der Polizei genau so benannt wie die Aneinanderreihung von Tabubrüchen aufseiten der Medien.

Interessierte können sich mit ihrem Smartphone bei unserem Dienst anmelden. Sie erhalten dann vom 16. bis 18. August pro Tag circa 5 bis 6 WhatsApp-Nachrichten, in denen das Geschehen aufbereitet wird.

So funktioniert’s: Gehen Sie auf die Seite www.NWZonline.de/gladbeck-geschichte. Akzeptieren Sie anschließend die Datenschutzerklärung. Dann erhalten Sie eine Nummer, die Sie in Ihrem Telefon als Kontakt anlegen. Senden Sie diesem Kontakt per WhatsApp die Nachricht „Start“. Am Donnerstag, 16. August, erhalten Sie die erste Nachricht.

„Die Medien und ihre Mörder“ titelte Jahre später doppeldeutig die Wochenzeitung „Zeit“ zur journalistischen Aufarbeitung dieses blutigen Dramas, in dem vor allem die Medien eine zuvor unvorstellbar aktive Rolle eingenommen hatten. Und bevor es hier zu einer Legendenbildung kommt: Auch der Schreiber dieses Beitrags stand seinerzeit als vergleichsweise junger Polizeireporter „jagdhungrig“ schon in den Startlöchern, als sich die Bankräuber Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski in einem gekaperten Linienbus mit ihren Geiseln in Richtung Hamburg aufmachten und dabei in unser Verbreitungsgebiet kamen.

In der Redaktion der NWZ kam es zu einer kurzen, aber sehr intensiven Debatte über die Frage: Wenn sich das Geschehen in unser Verbreitungsgebiet verlagert, müssen wir als „Zeitung vor Ort“ nicht ganz vorn dabeisein, um authentisch von diesem spektakulären Kriminalfall zu berichten? Erwarten das nicht die Leser von uns? Es war der damalige Leiter der Regionalredaktion, Rainer Rheude, der klar die Richtung vorgab: „Auf gar keinen Fall!“ und den bereits zur Abfahrt bereiten Redakteur Haselier samt Fotograf ausbremste.

Die Berichterstattung der NWZ war damals trotzdem gesichert und nicht weniger ausführlich, was auch an den Beiträgen des früheren dpa-Korrespondenten Manfred Protze lag, der sich mit einem Taxi an die Fersen der Geiselnehmer heftete und ihnen dabei so nahe kam, dass sie auf ihn und den Taxifahrer schossen, glücklicherweise ohne schwerwiegende Folgen.

Die voyeuristischen Fernsehbilder aber direkt aus dem Auto mit den Geiseln und der Pistole am Kopf, die unerträglichen „Pressekonferenzen“ des Schwerverbrechers Rösner, mit dem die gesamten Medien vor Ort einen furchtbaren stillen Deal abgeschlossen hatten, das alles führte letztlich zu einer Nachdenklichkeit über die Arbeit der Medien, die noch Jahre anhielt, und zu einer kontroversen Debatte darüber, was Journalisten dürfen und was nicht.

Redaktionsleiter Rheude stritt sich noch ein paar Wochen später bei einer Podiumsdiskussion der Akademie in Rastede mit dem damaligen Fernseh-Chefredakteur von Radio Bremen, Ulrich Kienzle, über die Verantwortung von Journalisten. Anders als Rheude vertrat Kienzle dabei die Auffassung, dass Live-Berichterstattungen von solchen Ereignissen weder verantwortungslos noch problematisch seien. Er würde wieder so entscheiden, allerdings die Bilder nicht mehr so unkommentiert präsentieren wie geschehen, so der Fernsehmann.

In seinem Leitartikel in der NWZ schrieb der damalige Leiter der Politikredaktion , Hans Wolff, am 19. August, also einen Tag, nachdem das Drama durch einen misslungenen Zugriff der Polizei mit der Ermordung der Geisel Silke Bischof desaströs geendet hatte, unter dem Titel „Schrecken nach dem Ende“: „Wer den ,Reporter des Satans‘ für eine Hollywood-Erfindung gehalten hat, sieht sich nun eines Schlimmeren belehrt. … Der deutsche Journalismus hat einige dunkle Stunden hinter sich.“

Danach dauerte es noch Monate, ehe dieser Fall auch politisch aufgearbeitet wurde. Denn eines offenbarte das Gladbecker Geiseldrama ebenfalls auf erschreckende Weise: Ungelöste Zuständigkeitsprobleme in einem föderalen System bei länderübergreifender Kriminalität, deutliche Mängel in der Organisation der Polizei hatten die Folgen dieses brutalen Verbrechens dramatisch verschärft. Man darf hoffen, dass beides – die Rolle der Medien und die Fehler von Politik und Polizei – sich in dieser Form nicht wiederholen. Sicher sein kann man sich nicht.

Autor des Beitrags ist Thomas Haselier. Der 63-Jährige war damals mit dem Geiseldrama befasst.

Grafik zum Thema als PDF.

Thomas Haselier

Archiv
Tel:
0441 9988 2085

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