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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Pfleger packt bei Psychiater aus

09.01.2015

Oldenburg /Delmenhorst Was für ein Paukenschlag gleich zu Beginn des Prozesstages am Donnerstag vor dem Landgericht Oldenburg. Richter Sebastian Bührmann erzählt, dass der einzige Zeuge extra aus Graz angereist sei, dass Verteidigerin Ulrike Baumann gesundheitlich angeschlagen sei und man darauf Rücksicht nehmen müsse. Als sich alle im Gerichtssaal auf einen schnellen, unspektakulären Verhandlungstag einstellen, kommt der Hammer.

Der Angeklagte habe sich vom Gerichtspsychiater Konstantin Karyofilis „explorieren“ lassen, verkündet Bührmann lapidar. Dabei habe Niels H. einiges zur Sache gesagt. Peng, jetzt ist auch der letze im Saal hellwach. „Es ist noch kein Gutachten“, schränkt der Richter ein. Fragen will er nicht zulassen. Dann wird aus dem Sachverständigen ein Zeuge.

Wenn Helfer zu Tätern werden

Mord und Totschlag gibt es auch im Krankenhaus. Die Motive der Täter bleiben oft unklar. Einige Fälle:

2014: Am Münchner Uni-Klinikum wird im Juli eine Hebamme wegen Mordversuchs im Kreißsaal verhaftet. Bei Kaiserschnittgeburten soll sie viermal versucht haben, Frauen mit blutverdünnenden Mitteln zu töten.

2010: Wegen Mordes, Mordversuchs und Körperverletzung verurteilt das Landgericht Dresden eine Krankenschwester zu lebenslanger Haft. Sie tötete mehrere Menschen mit zu hoch dosiertem Insulin.

2007: Wegen fünffachen Mordes an schwer kranken Patienten wird eine ehemalige Krankenschwester der Berliner Charité zu lebenslanger Haft verurteilt. Die 55-Jährige brachte ihre Opfer mit Medikamenten um.

2006: Der „Todespfleger“ von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis. Laut Gericht hat der Mann 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Klinikpatienten zu Tode gespritzt.

2003: Wegen Totschlags in einem und versuchten Mordes in sechs Fällen wird eine Karlsruher Altenpflegerin zu 15 Jahren verurteilt. Laut Gericht verabreichte sie den Opfern ohne Notwendigkeit Insulin.

1993: Ein Krankenpfleger wird wegen Totschlags in zehn Fällen zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nach Überzeugung des Gerichts tötete er mit Luftinjektionen in Gütersloh Patienten zwischen 69 und 92 Jahren.

1991: Mit Überdosierungen von Medikamenten tötet eine Altenpflegerin in Köln sechs Patienten. Aus den Wohnungen der Opfer stiehlt sie Geld und Schmuck. 1993 wird sie zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt.

Psychiater als Zeuge

Viermal hat der Psychiater seit Weihnachten mit H. gesprochen. „Die Tatvorwürfe werden von ihm weitgehend eingeräumt“, sagt Karyofilis. Also die drei angeklagten Morde und zwei Mordversuche an Patienten auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst. Und es kommt noch dicker. Zwischen März 2003 und Juni 2005 will der Ex-Pfleger 30 weitere Patienten des Klinikums umgebracht haben. So erzählt es H. zumindest Karyofilis. In 60 Fällen soll es beim Tötungsversuch geblieben sein.

Die Tatwaffe: Gilurytmal. Das Herzmedikament kann bei Überdosierung tödlich sein. H. hatte es angeblich aus dem Medikamentenschrank auf der Station.

Motiv des Ex-Pflegers? Retterwahn? Langeweile? Keine Angaben.

Namen der betroffenen Patienten? H. könne sich zu seinem Bedauern an die meisten nicht mehr erinnern.

Tötungen im Klinikum Oldenburg? Streitet er ab.

Taten an Arbeitsstätten in Wilhelmshaven, im Rettungsdienst? Nein, da habe er niemandem geschadet.

Reue? Ja, H. übernehme die Verantwortung für seine Taten, halte sie für nicht entschuldbar.

Profilierungssucht? Nein, H. genieße die Verhandlungen entgegen der Medienberichte nicht.

Karyofilis Ende.

Zack, das sitzt. Die Zuschauer sind schockiert. Journalisten eilen nach draußen, um die Sensation zu vermelden. Eine Journalistin nutzt ihr Handy im Saal, bekommt prompt vom Richter eine Ordnungsstrafe aufgebrummt.

Gerichtssprecher Michael Herrmann betont später, dass es sich bei den Einlassungen von H. noch nicht um ein Geständnis im juristischen Sinne handele. Dazu müsse er sich noch entsprechend gegenüber der Kammer äußern. „Ein Geständnis würde zur Verfahrensverkürzung führen“, sagt Herrmann.

Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus.

Angehörige erleichtert

Gaby Lübben (Delmenhorst), Anwältin der Nebenkläger, befürchtet noch viel mehr Opfer. „Wir gehen von einem größeren Umfang aus“, sagt sie nach der Verhandlung. Lübben fordert die Staatsanwaltschaft auf, an der geplanten Exhumierung und Obduktion von Leichen festzuhalten. „Die Staatsanwaltschaft hat einen großen Fehler gemacht, nicht schon 2005 zu exhumieren.“ Lübben kritisiert, dass das Klinikum Delmenhorst keinerlei Mitverantwortung für die Todesfälle übernehmen wolle. Das Klinikum müsse den Angehörigen der Opfer Entschädigung zahlen.

„Es ist eine Bestätigung, dass sich mein Kampf gelohnt hat“, sagt Nebenklägerin Kathrin Lohmann (Elsfleth), deren Mutter mutmaßlich von H. im Klinikum Delmenhorst getötet wurde. Es bewahrheite sich, was sie seit Jahren geglaubt habe.

Der Vertreter der Nebenklage, Christian Marbach (Ganderkesee), zeigt sich nicht überrascht von den Angaben des Ex-Pflegers. „Wir sind von vielen Toten ausgegangen“, erklärt Marbach. „Es nimmt sehr viel Last von uns, dass der Täter das zugibt.“

Erich Joester, Anwalt des Klinikums Delmenhorst, ist verärgert, dass H. keine Namen von Opfern genannt hat. „Es ist zu befürchten, dass nur ein Teil der 30 identifiziert werden kann.“ Joester sieht das Klinikum Delmenhorst nicht in der Mitverantwortung. Über Schadenersatzzahlungen sagt er nichts.

„Das Geständnis des Angeklagten ist ein Puzzleteil in den intensiven Ermittlungen“, teilt der Leitende Oldenburger Oberstaatsanwalt Roland Herrmann mit. Die Ermittlungen der Soko „Kardio“ würden „uneingeschränkt weitergeführt“, betont der Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, Johann Kühme.

Das Versagen der Akteure des Gesundheitssystems und der Justiz müsse politisch im Interesse der Schwächsten aufgearbeitet werden, fordert Eugen Brysch, Vorstand Deutsche Stiftung Patientenschutz. „Warum konnte der Serientäter so lange unbehelligt morden?“

Kalium in Diskussion

Im Gerichtssaal nimmt der einzige offiziell geladene Zeuge des Tages Platz: Otto Dapunt, ehemaliger Chefarzt der Herzchirurgie des Klinikums Oldenburg.

Dapunt bezweifelt, dass dort in den Jahren 2000 bis 2002 bis zu zwölf Menschen mit Kalium getötet wurden. Zu dieser Zeit war H. Krankenpfleger in Oldenburg. Er halte den Schluss aus einem entsprechenden Gutachten für „absolut nicht gerechtfertigt“, sagt Dapunt. Erhöhte Kaliumwerte könnten auch natürliche Ursachen haben. „Im Moment ist die Aussage, im Klinikum Oldenburg hätte es diese Morde gegeben, nicht statthaft.“

„Für uns gibt es keinen Grund, an unserem Gutachter zu zweifeln“, sagt später der Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg, Dirk Tenzer. Er gehe weiterhin davon aus, dass Patienten aktiv geschädigt worden seien. „Wir werden Entschädigung zahlen.“

Der Gerichtspsychiater will sein vollständiges Gutachten in vier Wochen vorlegen. Mit einem Urteil wird im Februar gerechnet.


NWZ TV    zeigt einen Beitrag unter   www.nwzplay.de 
Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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