• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Zetel verweigert Denkmal für KZ-Opfer

03.12.2015

Zetel „Fast jede Gemeinde hat ein Mahnmal für die gefallenen Soldaten“, stellt Christel Schwarz (67) fest. Aber an die von den Nazis verfolgten Minderheiten erinnere wenig, kritisiert der Vorsitzende des Freundeskreises für Sinti und Roma in Oldenburg. „Es gibt Ortschaften des Schweigens, die das wegdrücken. Es gibt Ortschaften, die mitgeholfen haben, die einen weghaben wollten. Alles, was da nicht reinpasst – Sinti, Roma oder Homosexuelle. Es kommt immer noch darauf hinaus: Wir gehören nicht dazu“, sagt Schwarz, selbst ein Sinto.

Er sagt das mit lauter Stimme, Empörung kann man hören und ein wenig Verbitterung. Und er weiß das aus eigener Erfahrung. Aus seiner eigenen Familie sind zehn Mitglieder ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden. Seine Mutter überlebte das Vernichtungslager, ebenso zwei ihrer Brüder – sein Großvater, seine Großmutter und fünf Kinder dagegen starben in Auschwitz. An sie erinnert ein Eintrag im Häftlingsbuch des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.

Mahnmal in Oldenburg

Ein Mahnmal für die aus Oldenburg deportierten Sinti steht am Friedhofsweg gegenüber dem Polizeipräsidium. Es war errichtet worden in Erinnerung an die circa 70 Sinti aus Oldenburg, die 1943 nach Auschwitz deportiert wurden. Doch eine Erinnerungstafel für die Familie Frank, so hieß die Familie des Großvaters von Christel Schwarz, gibt es an ihrem letzten Wohnort, der Gemeinde Zetel, nicht. Das ist das, was Christel Schwarz nicht einsehen möchte.

Die Familie Frank hatte einen kleinen Wanderzirkus gehabt, mit dem sie über Land zog. „Meine Großeltern hatten kein großes Zelt, einfach eine offene Manege. Meine Tante hat geturnt, mein Onkel hat mit Gewichten geworfen.“ Im Oktober 1939 war die Familie Frank in Zetel. Sie durften nun, nach dem sogenannten Festsetzungserlass des SS-Führers Heinrich Himmler, nicht mehr weiterziehen.

Ihr Wohnwagen stand nun in Zetel in der nach Horsten führenden Straße. Vater Georg Frank arbeitete in einer nahen Sandkuhle, Mutter Grete Frank in einer Gärtnerei. Die schulpflichtigen Kinder besuchten zunächst die Volksschule in Bohlenberge, bis der Schulbesuch für Sinti 1941 verboten wurde. Im März 1943 wurden die Franks und ihre Kinder – die Brüder Hans und Otto (genannt Koka und Spatzo), sowie die Schwestern Ella, Frieda und die kleine Angela – aus Zetel deportiert. Margot Franz, die Tochter von Grete Frank aus erster Ehe (deshalb der ähnlich klingende Geburtsname), wurde in Varel, wo sie in einer Schuhfabrik arbeitete, abgeholt. Außerdem ihr Bruder Anton Franz, der bei einem Bauern in der Nähe von Zetel arbeitete. Über Oldenburg und Bremen wurden die Franks und die Geschwister Franz in einem Transport ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht.

Georg und Grete Frank starben in Auschwitz, ebenso ihre fünf Kinder. Es überlebten Margot und Anton Franz sowie ihr ebenfalls nach Auschwitz deportierter Bruder Rudi (alle drei Kinder aus erster Ehe von Grete Frank).

Keine Mehrheit im Rat

Margot Franz heiratete nach dem Krieg Friedrich Schwarz, aus dieser Ehe stammt Christel Schwarz. Er hätte gerne ein Erinnerungsmal in Zetel, dem letzten – wenn auch erzwungenen – Wohnort der Familie.

Doch daraus wird wohl nichts. „Da muss ich ihn enttäuschen“, sagt Zetels Bürgermeister Heiner Lauxtermann und resümiert eine Debatte im Zeteler Gemeinderat. Eine große Mehrheit im Rat wolle keine einzelne Familie herausheben in „Sorge, dass man eine vergisst“. Es gab einen Antrag der Grünen, die ein Erinnerungsmal für die Familie Frank vorschlug, „aber wir werden das nicht machen“, sagte Lauxtermann. Es gibt in Zetel eine Erinnerungstafel für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft, erinnert Lauxtermann.

Eine solche allgemeine Ehrung reicht Christel Schwarz nicht. Wieder hebt er die Stimme, als er in dem kleinen Versammlungsraum des Freundeskreises für Sinti und Roma in der Münnichstraße spricht. „Wir bitten nicht, es die Pflicht der Deutschen daran zu erinnern, dass Menschen kaltblütig ermordet worden sind. Ist das zuviel verlangt?“ Wenn man für die Soldaten ein Denkmal setzen könne, dann doch wohl auch für die ermordeten Sinti der Gemeinde. „Die waren ja auch Bürger der Gemeinde“, sagt Schwarz. „Wir sind keine Täter gewesen und haben auch keinen Krieg angefangen.“

Am historischen Ort

Dr. Rolf Keller ist Leiter der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten in Celle. Gedenk- und Informationstafeln für die deportierten und ermordeten Sinti gibt es nach seinen Worten an vielen Orten, vor allem in den größeren Städten, aber auch in kleinen Gemeinden. „In Hannover beispielsweise gibt es mindestens drei solcher Orte: am Sammelplatz im Altwarmbüchener Moor, am Bahnhof Linden-Fischerhof (hier starteten die Deportationszüge) und am Polizeipräsidium. Insofern wäre ein Gedenkmal oder eine Informationstafel in Zetel nichts Neues oder Ungewöhnliches“, sagt Keller.

Die Gemeinde argumentiere, es gebe ja bereits in Zetel einen zentralen Erinnerungsort für alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. „Es besteht hier offenbar die Befürchtung, es könne sich hier eine inflationäre Memorialisierung des öffentlichen Raums durch Gedenk- und Informationstafeln für verschiedenste Personen und Gruppen entwickeln. Die Gefahr sehe ich eigentlich nicht“, sagt der Historiker. Zumal es sich bei den Sinti offenbar um die einzige nach Auschwitz deportierte Gruppe aus dem Ort handele, hält er es für angebracht, dies in besonderer Form öffentlich zu dokumentieren, beispielsweise am historischen Ort in Bohlenberge wie von den Grünen vorgeschlagen.

Keller weist auf Erinnerungsarbeit in der Nachbarschaft hin: Die Initiative Gröschlerhaus in Jever (sie versteht sich als Zentrum für jüdische Geschichte und Zeitgeschichte) erarbeitet zur Zeit eine Web-Dokumentation der „Erinnerungsorte“ im Kreis Friesland (www.groeschlerhaus.eu/erinnerungsorte). Der Wohnplatz der Sinti-Familie in Bohlenberge steht auch auf der Liste.

Hans Begerow
Leitung
Politik/Region
Tel:
0441 9988 2091

Weitere Nachrichten:

SS | Volksschule

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.