• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Richter will Wulff-Prozess verkürzen

03.01.2014

Hannover In der Kinobranche lässt man lieber Bilder sprechen als Worte. So hält es auch David Groenewold (40), derzeit wohl der bekannteste Filmproduzent Deutschlands: Als der Richter wissen möchte, wie es um seine Einkommensverhältnisse steht, formt Groenewold stumm aus Daumen und Zeigefinger einen krummen Kreis. Die Untertitel zum Bild liefert sein Anwalt, Friedrich Schultehinrichs: Auf „Null“ seien Groenewolds Geschäfte zurückgefahren, er habe keinerlei Einkünfte mehr, seine Familie müsse ihn finanziell unterstützen, „das war das ganze Jahr 2013 so“.

Polizeibeamter sagt aus

Das Korruptionsverfahren gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff (54) und Filmproduzent Groenewold wegen Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung ist im Jahr 2014 angekommen – lange soll es sich dort aber nicht aufhalten. Richter Frank Rosenow plant nun kurzen Prozess: Er möchte möglichst noch vor dem 22. Januar ein Urteil sprechen, vor dem Urlaubsbeginn von Wulff-Verteidiger Michael Nagel. Ein zweites Verfahren wegen Groenewold wegen falscher Aussage an Eides Statt würde Rosenow gern gegen Geldauflage einstellen, deshalb die Frage nach den Einkommensverhältnissen. Der Richter schlägt eine „Größenordnung um 1000 Euro“ vor, David Groenewold nickt.

Im Hauptverfahren stehen die Zeichen indes auf Freispruch für Wulff und Groenewold. Aber vorher möchte der Richter am 9. Januar noch den zweiten Chefermittler im Fall Wulff hören. Der erste Chefermittler sitzt ihm gegenüber am Zeugentisch: Kriminalbeamter S., 49 Jahre alt, feste Stimme, leicht nervöses linkes Bein. Fast zwei Stunden lang wird Rosenow ihn streng befragen, um anschließend feststellen: „Die Vernehmung hat nichts richtig Überraschendes ergeben.“

Ergeben hat sie nur wieder Fragen, zum Beispiel diese hier: Was macht so ein Filmproduzent eigentlich? Eine Antwort lautet: Lobbyarbeit.

Ermittler S. berichtet von Rede-Entwürfen zur Medienpolitik, die zwischen Groenewold und Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker hin- und hergingen. Von Einladungen zu einem „Abend zu Ehren des Niedersächsischen Ministerpräsidenten“. Und von einer „ganz prägnanten“ E-Mail Groenewolds an Wulff, verfasst einen Tag nach jener München-Reise im September 2008, die als „Oktoberfestsause“ Schlagzeilen machen sollte: S. las darin die „Bitte um eine Diensthandlung, sich für ein Filmprojekt“ einzusetzen.

Dieser Bitte, so heißt es in der Anklage, sei Wulff nachgekommen, als er am 15. Dezember per Brief Siemens-Vorstandschef Peter Löscher bat, sich „stärker als bisher“ in das Filmprojekt „John Rabe“ einzubringen.

Aber: Hatte Groenewolds Mail Wulff auch tatsächlich erreicht? Ermittler S. sagt Ja und beruft sich dabei auf Groenewolds Sekretärin – Bestätigungen in der Staatskanzlei fand er indes keine.

So kommt es in Saal 127 des Landgerichts Hannover zum bekannten Klein-Klein: Da gab es bei einem gemeinsamen Urlaub Wulffs und Groenewolds auf Sylt gebuchte Massagetermine für Christian und Bettina Wulff und dazu passende Kreditkartenabrechnungen bei Groenewold – aber wurden die Wulffs auch massiert? Es gab Restaurantrechnungen und Barbesuche – aber wer aß mit wem auf wessen Kosten? Belege fehlen.

Plädoyers am 9. Januar?

Unterm Zeugentisch tippelt der linke Fuß von S. aufgebracht. Oben spricht der Ermittler von „engem zeitlichen Zusammenhang“ und „sachlicher Nähe“, von „einem allgemeinen Bei-Laune-Halten“ Wulffs durch Groenewold und von „Abforderung einer Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt“. Auf Sylt, so S., habe man sich getroffen zwei Tage nach einer ablehnenden Antwort von Siemens-Chef Löscher auf Groenewolds Bitte um stärkere Unterstützung für den „John Rabe“-Film. „Da hatte man sicherlich Gelegenheit, darüber zu sprechen.“

Bilder, die mehr sagen als Worte: synchrones Kopfschütteln aller drei Verteidiger.

Richter Rosenow will die Beweisaufnahme schließen, nach der vermutlich letzten Zeugenaussage am 9. Januar möchte er die Plädoyers von Verteidigung und Staatsanwaltschaft hören. Bereits am 11. Prozesstag könnte dann das Urteil verkündet werden; angesetzt waren 22 Tage.

Stumm, aber mit zufriedenen Gesichtern verlassen Angeklagte und Verteidiger den Gerichtssaal.


Alle Berichte zum Thema:   www.nwzonline.de/wulff-affaere 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.