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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Rotorblätter stoppen Sterntaucher

02.07.2015

Wangerooge /Oldenburg Nordergründe, Sommer 2015: 15 Kilometer nordöstlich von Wangerooge, sachte wogt die Nordsee in diesen heißen Tagen. Endloser Horizont, weiter Blick. Seevögel ziehen ihre Bahnen über das Meer. Sanftes Rauschen, raue Schreie. Natur pur.

Nordergründe, Sommer 2016: 18 Stahlpfeiler sind in den Meeresboden gerammt. Die Erschütterungen haben Meeressäuger wie die Schweinswale vertrieben. In großer Höhe drehen sich 18 riesige Windräder, jedes Rotorblatt über 60 Meter lang und 23 Tonnen schwer. Im Meer treiben Vögel, zerfetzt, tot. Der Horizont endet jetzt hier.

Horror-Szenario für Naturschützer. Kritisiert, angeprangert, beklagt. Ohne Erfolg.

Im Frühjahr 2016 soll der Bau des Windparks Nordergründe beginnen. Seit etwa 15 Jahren geplant, vor sieben Jahren genehmigt, seit einem Monat finanziert. Im Herbst 2016 soll die 111-Megawatt-Anlage in Betrieb gehen. In der Zwölf-Seemeilen-Zone, in Sichtweite der Küste, nur etwa 550 Meter vom Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer entfernt.

Nearshore, wie die Fachleute sagen. Solche Windparks sind bisher selten, weil meist hoch umstritten.

Letzter Kämpfer

Manfred Knake sitzt in seinem Wohnzimmer im ostfriesischen Holtgast. Auf dem großen Tisch stehen eine Tasse Tee und ein Sterntaucher. Ausgestopft, versteht sich. „Die kennt kein Mensch, das sind Hochseevögel“, sagt der Koordinator des Wattenrats.

Im Drama um den Windpark Nordergründe spielen die Sterntaucher eine Hauptrolle. Knake hat seinen 1976 gefunden, auf dem Deich, bei Bensersiel, völlig verölt. Der Vogel habe nur ein paar Tage überlebt, erzählt er.

Manfred Knake ist einer der letzten Kämpfer gegen den Windpark, für das EU-Vogelschutzgebiet und die Natura-2000-Richtlinie. Obwohl andere Naturschutzverbände auch Bedenken haben.

Seit der BUND, unterstützt vom WWF, 2010 mit einer Klage scheiterte, ist es ruhig geworden. „Mich wundert, dass keiner mehr protestiert“, empört sich Knake. „Wir haben 15 anerkannte Naturschutzverbände in Niedersachsen. Wo ist Greenpeace? Das ist korrupt.“ Der Wattenrat selbst kann nicht klagen.

Wo fängt man an, wenn man die Geschichte des Windparks Nordergründe erzählen will? Beim Mellumrat, der bereits 2003 vor den Gefahren für das Wattenmeer warnt? Bei der Arbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten der Bundesländer, die einen Abstand von mindestens 1200 Meter von Windparks zu Vogelschutzgebieten empfiehlt? Beim Niedersächsischen Landkreistag, der ein hohes Kollisionsrisiko für Gebiete mit ziehenden Vögel sieht? Vor allem bei Nebel, Starkregen, Schneetreiben.

Oder bei der Politik? Die schwarz-gelbe Landesregierung befördert den Bau des Windparks, gegen Bedenken der eigenen Behörden. Das Umweltministerium manipuliert angeblich sogar Seevogelzahlen, um Ärger mit der EU-Kommission zu vermeiden. Durch die Regierungsübernahme von Rot/Grün 2013 ändert sich an der Planung nichts.

Auch die Windindustrie treibt des Projekt trotz aller Widerstände voran. „Die Planungsfläche liege außerhalb von Schutzgebieten“, erklärt die Bremer Energiekontor AG als Projektplaner nach der Genehmigung. Die Belange der Seeschifffahrt seien nicht gefährdet.

Vor zwei Jahren verkauft Energiekontor den Windpark an einen größeren Konkurrenten, die Bremer wpd Offshore GmbH – nach eigenen Angaben mit zwei bis drei Millionen Euro Verlust. Man habe starkes Vertrauen „in die Kontinuität der politischen Entscheidungen und gesetzlichen Rahmenbedingungen“, erklärt Achim Berge Olsen, Geschäftsführer der wpd.

Der Streit um den Windpark eskaliert erstmals 2008. Die Inselgemeinde Wangerooge verklagt das für die Genehmigung des Windparks zuständige Gewerbeaufsichtsamt Oldenburg. Bürgermeister Holger Kohls spricht von „Horizontverschmutzung“ durch die rund 180 Meter hohen Windräder.

Kohls fürchtet, dass Touristen abwandern, lässt bei den Gästen Tausende Unterschriften sammeln und reicht sie beim Umweltministerium ein.

Der Bürgermeister warnt auch vor einer Ölkatastrophe, falls ein havariertes Schiff mit den Windrädern in der Nähe des Weserfahrwassers kollidiert.

Das Gewerbeaufsichtsamt und die beteiligten Unternehmen halten die Klage für unzulässig, weil Wangerooge durch die große Entfernung nicht beeinträchtigt sei. Das Verwaltungsgericht Oldenburg sieht das ähnlich: abgewiesen. Das Oberverwaltungsgericht lässt eine Berufung nicht zu. Von Protesten auf Wangerooge hört man danach nichts mehr.

Zwei Jahre später will der Naturschutzverband BUND Nordergründe vor Gericht stoppen. Große Gefahr für Seetaucher, Seeschwalben, Möwen und andere Brut- und Zugvögel. Regierung und Windindustrie versuchen, das zu verhindern. Man wird sich überraschend schnell einig. Der BUND zieht die Klage zurück, zum Preis von rund 800 000 Euro – für eine nahe stehende Stiftung.

Enoch Freiherr zu Guttenberg, Mitbegründer des BUND, wirft dem Verband „Verdacht auf Käuflichkeit“ vor und tritt aus. Manfred Knake spricht von einem gängigen Geschäftsmodell beim Naturschutz: „Klageverzicht gegen Bares“.

Carl-Wilhelm Bodenstein-Dresler, Landesgeschäftsführer des BUND, verteidigt das Vorgehen: Durch den Vergleich „haben wir politisch erreicht, dass keine weiteren Windparks in Küstennähe gebaut werden sollten. Unser Widerstand hat mit dazu geführt, dass der Trend zu Windparks in Küstennähe gestoppt wurde.“

Auch Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) hält die Einigung von 2011 heute noch für einen guten Kompromiss, „mit dem alle Beteiligten gut leben können“. Das Ministerium verweist wie Bodenstein-Dresler auf ein Maßnahmepaket für den Vogelschutz, damals beschlossen. „Das Umweltministerium steht hinter dem geplanten Windpark. Der Kompromiss ermöglicht es, dass ca. 5,4 Millionen Euro in den Natur- und Klimaschutz investiert werden können“, heißt es.

Die Kritiker des Windparks lassen sich davon nicht beeindrucken. Der Naturschutzbund NABU lehnt den Bau strikt ab. „Dieses Vorhaben lässt sich nicht mit den Zielen der EU-Vogelschutzrichtlinie vereinbaren“, sagt der Sprecher des Landesverbandes, Ulrich Thüre. „Das Gebiet ist von besonderer Bedeutung für den Natur- und Artenschutz und wird durch dieses Vorhaben erheblich und nachhaltig geschädigt.“

EU finanziert mit

Der Mellumrat nennt die Risiken für Meeresvögel, den Vogelzug über die Nordsee und für Meeressäuger „unkalkulierbar“. Der Wattenrat befürchtet sogar, dass der Weltnaturerbe-Status des Wattenmeers in Gefahr sein könnte, wenn der nötige Abstand nicht eingehalten wird.

Widerstand zwecklos? Auf Sylt haben die Einwohner heftig gegen den Windpark Butendiek protestiert. 24 Anlagen in Sichtweite. Der NABU hat geklagt, wegen der Schweinswale und der Sterntaucher: „ökologische Katastrophe“. Doch keine Behörde fühlte sich zuständig, niemand war beklagbar. Seit Februar liefert Butendiek Strom.

Manfred Knake ist schon wieder auf der Palme. Die wpd hat bekannt gegeben, dass die Europäische Investitions-Bank (EIB), sozusagen die Bank der EU, das Projekt Nordergründe mitfinanziert. „Die EU, die eigentlich die Wächterin der Natura-2000-Richtlinie sein sollte, finanziert über ihre Bank die erheblichen Beeinträchtigungen der an den Nationalpark Wattenmeer angrenzenden Wattenbereiche.“

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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