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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Spurensuche am Tatort Oktoberfest

06.12.2013

Hannover Es war ein ganz normaler Oktoberfestsamstag in Käfers Wiesn-Schänke, sagt die Zeugin: „wie immer unendlich voll, unendlich stickig, unendlich dampfig“. Die Wulffs aus Hannover waren da und der Schauspieler Hannes Jaenicke, man trank wie immer Bier und aß Brezel, außer sie selbst, „Brezn kann ich nicht essen, ich vertrag’ kein Gluten“, und am Ende bezahlte wie immer jemand die Rechnung: 3290,30 Euro.

Wer war dieser Gastgeber?, will der Richter wissen.

„Eigentlich gehe ich immer davon aus, dass mein Mann einlädt“, sagt Maria Furtwängler, die Zeugin, besser bekannt als „Tatort“-Kommissarin und Ehefrau des Verlegers Dr. Hubert Burda. „Weil er das immer macht.“

Burda war es aber nicht. Gezahlt hat an diesem Oktoberfestsamstag im September 2008 der Filmproduzent David Groenewold, der nun gemeinsam mit Ex-Bundespräsident Christian Wulff wegen Vorteilsgewährung und Vorteilsnahme in Hannover vor Gericht steht. Groenewold soll insgesamt Rechnungen in Höhe von 719,40 Euro für Wulff übernommen haben.

Hinten in Saal 127 des Landgerichts sitzen mehr Zuschauer als beim Prozessauftakt; eine berühmte Schauspielerin ist interessanter als ein ehemaliger Bundespräsident. „Maria Furtwängler-Burda, Schauspielerin und Ärztin“, stellt sich die Zeugin vor. „Alter?“, fragt der Richter. „Muss ich darauf antworten?“, fragt Furtwängler zurück. Muss sie. Sie ist 47 Jahre alt.

Ein einladendes Wesen

Ihr Mann, 73 Jahre alt, weiß auch nicht, wer gezahlt hat. „Sie gehen ja nicht aufs Oktoberfest und fragen: Wer ist der Gastgeber, wer zahlt denn hier?“, erklärt Hubert Burda dem Gericht. Richter Frank Rosenow zuckt mit den Schultern, er war noch nie auf dem Oktoberfest. „Kommen Sie mal mit“, sagt Burda zum Richter, „dann kommt automatisch die Maß.“ Er sei wohl davon ausgegangen, dass er von Wulff eingeladen sei.

Am fünften Verhandlungstag im Wulff-Prozess geht es aber nicht nur um die Frage, wer wem welche Maß Bier ausgegeben hat. Es geht auch darum, ob Wulff möglicherweise dienstlich an dem als „Oktoberfestsause“ berühmt gewordenen Wiesn-Abend teilgenommen hat. Ein „Ja“ als Antwort könnte Wulff entlasten, meint seine Verteidigung: Denn dann hätte eine Kostenübernahme von Kost und Logis durch David Groenewold ihm keinen Vorteil gebracht – Wulff hätte ja sämtliche Kosten über die Staatskanzlei abrechnen können.

Worüber wurde also gesprochen an diesem fast normalen Oktoberfestsamstag in der Wiesn-Schänke? „Kann es mit Ihrer Rolle im ,Tatort‘ zu tun gehabt haben und mit der Bedeutung des ,Tatorts‘ für Niedersachsen?“, fragt Richter Rosenow. „Keine Ahnung“, antwortet Maria Furtwängler alias „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm.

Verleger Burda erinnert sich an ein bisschen mehr. Ursprünglich habe er sich mit Wulff um 18 Uhr im Luxushotel „Bayerischer Hof“ treffen wollen, um über den Rundfunkstaatsvertrag zu sprechen. Den Termin habe Wulff aber kurzfristig abgesagt. Warum?, fragt der Richter. „So was fragt man doch nicht!“, antwortet Burda. Auf dem Oktoberfest habe er mit Wulff dann „vier bis fünf Sätze“ über Medienpolitik gewechselt, „dann wurde es zu laut“.

Kann man auf dem Oktoberfest überhaupt Hintergrundgespräche führen?, möchte Wulffs Verteidiger Bernd Müssig wissen. Selbstverständlich, sagt Burda, „Weltmeister diesbezüglich war der Strauß“: Franz Josef Strauß, Bayerischer Ministerpräsident von 1978 bis 1988.

Es sind enorme Summen, die der Filmproduzent Groenewold zwischen dem 26. und 28. September in München ausgab. 3077 Euro fürs Hotel, ähnlich viel auf dem Oktoberfest, 209,40 Euro und noch mal 119,40 im Restaurant „Trader Vic’s“, Taxifahrten, Trinkgelder. „Er ist großzügig“, wird eine alte Freundin Groenewolds später aussagen. „Er hat ein sehr einladendes Wesen“, hatte Wulff am ersten Prozesstag gesagt.

Es geht um mehr

Womöglich geht es in Hannover aber gar nicht mehr um die Frage, ob ein ehemaliger Ministerpräsident einen geldwerten Vorteil von 719,40 Euro angenommen hat oder nicht. Vielleicht geht es längst darum, wie Politik in Deutschland funktioniert. Dass sie in Luxushotels und Edel-Restaurants gemacht wird. Dass Entscheider vertraulichen und freundschaftlichen Umgang pflegen mit den Menschen, über deren Interessen sie zu entscheiden haben. Dass ein Filmproduzent mehrere tausend Euro ausgibt, um ein Luxus-Wochenende mit einem Mann zu verbringen, der großen Einfluss auf die Förderung seiner Filme hat. Es geht um: Lobbyismus.

Am Ende hat die Schauspielerin Maria Furtwängler, deren Mann normalerweise alles bezahlt, noch eine Frage an das Gericht: „Was könnte meine Aussage bestenfalls zur Aufklärung beitragen?“

Der Richter lächelt. „Das werden Sie bei der Urteilsverkündung erfahren“, sagt er.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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