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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Hölle im KZ auf Schienen

27.08.2019

Nordenham /Osnabrück Sie mussten zerbombte Schienen und Straßen reparieren, Kohle verladen, Blindgänger beseitigen und Stellungen für sogenannte Vergeltungswaffen bauen: rund 500 Häftlinge der 5. SS-Eisenbahnbaubrigade, eines Konzentrationslagers auf Schienen. Diese Baubrigade existierte zwischen Herbst 1944 und Kriegsende. Im Nordwesten war sie tätig, vor allem bei Osnabrück, aber auch in Brake und Nordenham finden sich Spuren dieser Baubrigade.

Der Historiker Karl Kassenbrock hat die Dokumente zu dieser weithin unbekannten Art einer KZ-Einrichtung ausgewertet – Akten, Fotos und Berichte von Häftlingen. Das Ergebnis dieser ungeheuren Fleißarbeit ist nun als Buch im renommierten Wallstein-Verlag (Göttingen) erschienen, und man muss nach der Lektüre sagen: Ein Glücksfall, der einmal mehr zeigt, dass die Auswertung von Dokumenten selbst 74 Jahre nach Kriegsende lohnt und noch wertvolle Erkenntnisse über das System und Funktionieren der nationalsozialistischen Diktatur erbringen kann.

Sklavenarbeit in Stollen

Ab 1942 setzte die SS erstmals KZ-Häftlinge außerhalb der Konzentrationslager ein, für Räum- und Bergungsarbeiten wurden sogenannte SS-Baubrigaden geschaffen. Und wegen Luftangriffen auf Peenemünde war die Produktion der Raketen und unbemannten Flugbomben (die sogenannten Vergeltungswaffen) an den Südrand des Harzes in Stollen verlegt worden, wo 200 000 KZ-Häftlinge außerhalb der KZ-Stammlager unter furchtbarsten Bedingungen Sklavenarbeit leisten mussten.

Im März 1944 war eine SS-Baubrigade in einem umgerüsteten Zug nach Frankreich gebracht worden, sozusagen ein Vorläufer der ab Herbst eingerichteten Eisenbahnbaubrigaden. Insgesamt bestanden acht Eisenbahnbaubrigaden der SS. Die 5. SS-Eisenbahnbaubrigade wurde im September 1944 gebildet und in Osnabrück stationiert und im Gleisbau eingesetzt. Die Eisenbahnbaubrigaden waren wichtig, weil auf den Zugverbindungen Richtung Westen die V-Waffen transportiert wurden.

Einsatz in Nordenham

470 KZ-Häftlinge aus dem KZ Dora-Mittelbau bildeten die Brigade, die auf 50 Waggons unterwegs war. Ein D-Zugwagen für den Stab, Personenwagen für die Wachen und kleine Güterwaggons mit Holzaufbau für die Häftlinge. An beiden Seiten der Güterwaggons waren drei Ebenen zum Schlafen für je vier Personen eingerichtet, in der Mitte befanden sich ein Tisch mit Bänken und ein Ofen. Die Waggons wurden nachts verschlossen. Ein Eimer war die Toilette. Wie es im Innern aussah, dokumentiert die Zeichnung für eine nach Kriegsende in Dänemark erschienene Dokumentation.

Nach dem Vorrücken der Alliierten zog sich die Eisenbahnbaubrigade im März und April 1945 über Syke nach Brake und Nordenham zurück. Drei Gräber von verstorbenen Häftlingen auf dem Friedhof in Atens künden von jener Zeit. Von Nordenham, wo sie Schiffe beladen mussten, wurden die überlebenden KZ-Häftlinge auf die östliche Weserseite nach Wesermünde und auf ein Frachtschiff („Rheinfels“) gebracht. Es fuhr durch den Nord-Ostsee-Kanal in die Ostsee. Erst am 10. Mai 1945 endete für die Überlebenden die Tortur der Haft und Sklavenarbeit. Hunger, Krankheiten, katastrophale hygienische Verhältnisse und sadistische KZ-Wachen mussten sie erdulden, beschreibt Historiker Kassenbrock. Er wertete die Erinnerungen von Überlebenden aus, darunter der spätere Nato-General Flemming Bussenius Larsen, der mit anderen dänischen KZ-Häftlingen in der Brigade arbeiten musste.

Kassenbrock hat auch das Schicksal der beiden Sinti Oskar und Otto Friedrich aufgearbeitet, die beide die KZ-Haft wie durch ein Wunder überlebten. Auch der aus dem Kosovo stammende Ismail Halid, der auch im Hafen von Nordenham arbeiten musste, überlebte die Eisenbahnbaubrigade.

Akribische Auswertung

Besonders die Einzelschicksale, dokumentiert durch Tagebuchaufzeichnungen und Augenzeugenberichte, verleihen den Opfern der Nazi-Diktatur ein Gesicht. Eindrucksvoll die akribische Totenliste und die Auswertung des Häftlingstagebuchs, anhand dessen man die Einsätze in der Region verfolgen kann.

Autor Kassenbrock hat einen wertvollen Beitrag zur regionalen Aufarbeitung der NS-Zwangsherrschaft geleistet.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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