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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Stolbergs Kampf gegen die Emotionen

21.01.2016

Bremen /Oldenburg Wer durch die Hölle musste, trägt danach Spuren davon im Gesicht. Das ist auch Niels Stolberg anzusehen, der vor wenigen Tagen sagte, dass die letzten Jahre eine Höllenfahrt für ihn gewesen seien. Der 55-jährige ehemalige Chef der Bremer Beluga-Reederei ist nicht mehr der smarte Vorzeige-Unternehmer, der ebenso elegante wie eloquente Überflieger, dem noch vor wenigen Jahren als Gastgeber bei der Schaffermahlzeit im Bremer Rathaus allerhöchste bremische Ehren zuteil wurden.

Nein, jetzt steht er als Angeklagter im ehrfurchteinflößenden Verhandlungssaal 218 des Bremer Landgerichts. Die große Anstrengung ist ihm anzumerken, als er vor Beginn der Verhandlung zwischen seinen Verteidigern Oliver Sahan und Bernd Groß steht und versucht, seine Emotionen hinter einer starren Gesichtsmaske zu verbergen.

Mehr als eine Viertelstunde steht er im dunkelgrauen Geschäftsanzug mit hellblauer Krawatte nahezu regungslos vor einem guten Dutzend Fotografen und Kameraleuten – bis Richterin Monika Schaefer mit ihren Kollegen den Verhandlungssaal betritt und den jetzt in Oldenburg lebenden Stolberg von der Tortur erlöst.

Eineinhalb Jahre waren die Vorsitzende der Großen Wirtschaftsstrafkammer 32 und zwei weitere Richter am Landgericht freigestellt, um sich auf den Prozess gegen „Verantwortliche der Unternehmensgruppe Beluga“ vorzubereiten. Dabei stützten sie sich auf die insgesamt fast dreijährigen Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Polizei. Dabei seien Daten mit einem Umfang von zehn Terabyte ausgewertet worden, heißt es. Die Ermittlungsakten bestehen aus mehr als 10 000 Seiten – und entsprechend sind die insgesamt drei Anklageschriften mit 800 Seiten dimensioniert.

Mehr als zwei Stunden benötigen die Staatsanwälte Frank Passade und Ingo Rathke, um eine Kurzfassung der Anklage vorzutragen.

Spezial zum Thema Beluga

Multimedia-Reportage: Beluga – Spuren eines Untergangs

Die Anspannung ist Stolberg auch dabei anzumerken. Immer wieder greift er mit der Hand an den Kopf, so als wolle er seine Gesichtszüge stabilisieren. Verständlich, denn es geht schließlich um sehr viel. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, könnte ihm eine Höchststrafe von zehn Jahren Gefängnis drohen.

Die Vorwürfe sind gravierend: Kreditbetrug, Bilanzfälschung, Untreue und Betrug in besonders schweren Fällen...

In der nüchternen Juristensprache tragen die beiden Anklagevertreter vor, was sie Stolberg und drei weiteren Beluga-Managern vorwerfen. Weil Beluga dringend neues Geld für zahlreiche Schiffsneubauten benötigt habe, seien den geldgebenden Banken falsche Tatsachen vorgetäuscht worden. Um eine höhere Finanzierung durch die Geldinstitute zu erreichen, seien die Baukosten von 20 Schiffen auf chinesischen Werften höher dargestellt worden.

Schäden in Millionenhöhe

Dazu habe man den Geldgebern Scheinverträge mit einem niederländischen Werftunternehmer über ergänzende Leistungen vorgelegt. In der Summe sollen so Scheininvestitionen von rund 93 Millionen Euro vorgespiegelt worden sein. In einem Fall habe das dazu geführt, dass eine Bank insgesamt 104 Prozent der tatsächlichen Bausumme finanziert habe.

Im zweiten Anklageteil geht es darum, dass die Lage bei Beluga geschönt worden sei, um den amerikanischen Investor Oaktree als Kreditgeber und Teilhaber zu gewinnen. Dazu seien Umsatzerlöse gefälscht worden, indem mit fingierten Rechnungen von Scheinfirmen beispielsweise in Panama operiert worden sei. Auch gefälschte Stornierungsverträge für vier Schiffsbauten seien in einem virtuellen Datenraum hinterlegt worden. Erheblich geschönt habe man auch den Auftragsbestand, so die Anklage. So seien für das Jahr 2011 Buchungen im Wert von 82 Millionen Euro angegeben worden, während in Wirklichkeit nur für 22 Millionen Euro Aufträge gebucht waren.

Der Plan, so die Anklage, habe einen Gesamtkredit von 165 Millionen Euro durch Oaktree vorgesehen, wobei 55 Millionen als offene Investitionsreserve gedacht gewesen sei. Am Ende sei dem Investor jedenfalls ein Schaden in Höhe von 5,4 Millionen Euro entstanden.

In einem weiteren Komplex wird Stolberg Betrug zu Lasten eines anderen Reedereiunternehmers vorgeworfen. Dem seien Schiffsbetreiber-Gesellschaften überlassen worden, die zuvor Verträge über den Bau von Mehrzweckfrachtschiffen mit einer chinesischen Werft abgeschlossen hatten. Dabei sei dem Geschädigten verschwiegen worden, dass die Werft sich verpflichtet hatte, von dem Gesamtkaufpreis insgesamt 10 Millionen US-Dollar an ein Stolberg-Unternehmen als sogenannte „kick-back-Zahlung“ zu leisten. Auch in diesem Fall sei ein Millionenschaden entstanden.

55 Verhandlungstage hat das Gericht bis jetzt angesetzt. Am kommenden Mittwoch hat Niels Stolberg das Wort und kann seine Sichtweise darlegen. Da wo er Verantwortung zu übernehmen habe, werde er das tun, ließ er seinen Verteidiger Groß mitteilen. Einige Vorwürfe würden sich aber relativieren oder auch als falsch herausstellen.


Lesen Sie ein Spezial zum Thema unter   www.nwzonline.de/beluga-krise 
Jürgen Westerhoff
Redakteur
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2055

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