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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Undichte Stelle im Vorzimmer

28.11.2013

Hannover Was macht eine Sekretärin, die meint, ihr Chef brauche mal wieder eine Pause von seinen 1424 Terminen im Jahr? Sie vereinbart weitere Termine für ihn, zum Beispiel diesen hier: „Mittagessen mit Professor M.“

In Saal 127 des Landgerichts Hannover lächelt Petra H., von 2003 bis 2010 zuständig für den Terminkalender des Niedersächsischen Ministerpräsidenten, stolz den Richter an: „Professor M. gibt es gar nicht!“ Professor M. war ein Code, übersetzt bedeutete er: Christian Wulff braucht eine Auszeit.

Codeknackerin

Es gab weitere Codes im Vorzimmer des Ministerpräsidenten: Unter dem letzten Septemberwochenende des Jahres 2008 fanden die Ermittler den Kalendereintrag „MP in Brandenburg“. Petra H., eine forsche, kleine Frau von 44 Jahren, knackt fröhlich auch diesen Code für das Gericht: „MP in Brandenburg“ heißt „Wochenende frei halten“. Was Ministerpräsident Wulff mit dem freizuhaltenden Wochenende anfing, ist hinlänglich bekannt: Er besuchte mit seiner Familie das Oktoberfest in München, einen Teil der Rechnungen zahlte vor Ort der Berliner Filmproduzent David Groenewold.

Es ist der dritte Verhandlungstag im Strafprozess gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff und David Groenewold wegen Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung, und inzwischen ist so etwas wie Vertrautheit eingekehrt: Wulff begrüßt in Saal 127 jeden Wachtmeister per Handschlag, klopft seinem Freund Groenewold die Schulter, knöpft das Jackett auf, fährt unter seinem Tisch die Beine aus. Später wird er mit Professor M. in der Gerichtskantine Mittag essen. Diesen Professor M. gibt es wirklich: Bernd Müssig ist Wulffs Verteidiger.

MP in München – wie privat war Wulffs Reise zum Oktoberfest? Sein Vorzimmer strich später „Brandenburg“ aus dem Terminkalender und fügte einen Kurzauftritt auf dem CSU-Parteitag hinzu. Auch ein Termin mit Verleger Hubert Burda soll verabredet worden sein, der sich allerdings nicht im Kalender fand. Hat Wulff private Termine um dienstliche herumgebaut? Oder war es umgekehrt? Etwas zu privat geraten ihm jetzt möglicherweise die Auskünfte seiner Ex-Sekretärin vor Gericht. Beinah aggressiv klinkt er sich in die Befragung ein, „kann es sein...?“, beginnt er suggestiv jede Frage. Bis ihn der Richter stoppt. Er wolle sich gegen den Eindruck wehren, „dass ich mich überwiegend auf Sylt und Capri aufgehalten habe“, sagt Wulff.

Verlegener Groenewold

Dann Auftritt Frau D., 61 Jahre alt, „so eine Art Chefsekretärin“ bei Groenewolds Odeon-Filmfirma. Sie stand einst Vater Groenewold zur Seite und Mutter Groenewold, und jetzt buchte sie die Oktoberfest-Hotelzimmer für Sohn David; sehr aufgeregt sitzt sie da im Zeugenstand, Handtasche und Steppmantel fest umklammert, eine gewaltige Lesebrille auf dem Tisch. Und dann so etwas: Frau D. sei eine Frau, „die gern in privaten Dingen herumschnüffelt“, zitiert der Staatsanwalt aus Groenewolds Vernehmung, sie sei eine „undichte Stelle“. Frau D. ist empört, „ich bin sehr enttäuscht“, sagt sie. David Groenewold guckt sehr verlegen.

Ab jetzt läuft es nicht gut für Groenewold. Er hatte erklärt, er habe Namen von der Hotelrechnung streichen lassen, damit Frau D. nicht von der Anwesenheit seiner neuen Freundin erfuhr? „Ich wusste davon schon vorher.“

Wer zahlte was und wann?

Es läuft auch nicht gut für Christian Wulff: „Mir war klar, dass alle Kosten von Herrn Groenewold übernommen werden würden“, sagt Frau D. Warum? Das seien doch private Gäste gewesen: Groenewold habe auf der Wies'n einen privaten Tisch bestellt, und das Hotel und über seine private American-Express-Kreditkarte buchen lassen.

Zurück also ins Luxushotel „Bayerischer Hof“ und zur Frage: Wer zahlte was und wann? Richter Frank Rosenow setzt die ermüdende Befragung von Hotelmitarbeitern fort. Wie bei den Zeugen am zweiten Verhandlungstag heißt es auch am dritten Verhandlungstag dreimal: leider keine Erinnerung.

„Es kommt doch vielleicht nicht jeden Tag vor, dass der Ministerpräsident von Niedersachsen im Bayerischen Hof ist“, versucht es Rosenow.

„Es kommt jeden Tag vor, dass bekannte Personen im Haus sind“, antwortet eine Hotelfachfrau.

Sie schaut zu Wulff. „Nein“, sagt sie dann, „ich habe an ihn explizit keine Erinnerung.“ Christian Wulff konnte offenbar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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