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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Rotes Heimspiel im schwarzen Vechta

21.08.2018

Vechta Bürgermeister Helmut Gels (CDU) hatte es geahnt: Mit ihrer offenen Art, Dinge anzusprechen, würde es Andrea Nahles gelingen, den Besuch auf dem Vechtaer Stoppelmarkt zu einem Heimspiel zu machen: „Das entspricht im Wesentlichen auch der Mentalität vieler Menschen hier bei uns. Klar, direkt und ohne Schnörkel.“

Und tatsächlich gelingt es der SPD-Vorsitzenden am Montag auf dem Volksfest vom ersten Moment an, in Niedersachsen den richtigen Ton zu treffen. Das zumindest bestätigen Bärbel Seegmüller und ihre Freundinnen vom Frauenstammtisch, die sich als echte Stoppelmarkt-Profis seit Jahren montags den Biertisch vor dem Frühstücksraum sichern, in dem sich die Ehrengäste vor dem Rundgang über das Festgelände traditionell mit einem Schinkenstuten zu stärken pflegen.

Stammtisch schwärmt

Auf Zuruf des Stammtischs macht Andrea Nahles schon nach den ersten Schritten auf dem Stoppelmarkt wieder kehrt und plaudert kurz mit den Damen. Es wird gelacht und gescherzt – und schon hat die SPD-Vorsitzende die ersten Herzen im Sturm erobert. „So offen“ sei die Politikerin, schwärmen die Damen anschließend mit leuchtenden Augen – obwohl sie doch eigentlich gut mit dem CDU-Bürgermeister befreundet sind. Aber der hatte es ja schon beim Verfassen seiner Rede lange vor der Ankunft des Ehrengastes geahnt: Als gläubiger Katholikin werde es der Genossin in Vechta sicher gelingen, „Ungläubige in ihr Boot zu holen“, wird Gels später im Festzelt sagen.

Auf dem Weg zum Viehmarkt kann die resolute Politikerin dann mit ihrem robusten Schuhwerk bei den Einheimischen punkten: „Ich bin doch nicht Melania Trump, dass ich hier mit Stöckelschuhen ankomme“, sagt Nahles mit lauter Stimme und stampft schnellen Schrittes über den geschotterten Weg. Der führt sie als nächstes direkt zu Daniel Wiesweg und seinen irischen Tinker-Pferden. Zur Überraschung des Züchters erweist sich die Politikerin als Pferdekennerin, die natürlich auch diese Rasse richtig benennen kann. „Sie hat selbst einen Friesen“, weiß der Niedersachse nach dem Gespräch unter Fachleuten zu berichten – und scheint durchaus beeindruckt.

Dass sich Andrea Nahles so gut mit dem Landleben auskennt, hat natürlich einen Grund. Wohnt die Genossin doch auf einem Bauernhof, der schon ihren Urgroßeltern gehörte und auf dem sie auch selbst kräftig mit anpackt, wie Bürgermeister Gels das staunende Publikum im voll besetzten Festzelt später wissen lassen wird. Auch an diesem Morgen ist die Politikerin nicht etwa aus Berlin nach Vechta gekommen, sondern aus ihrem knapp 400 Kilometer entfernten Heimatort in der Eifel.

Mettbrötchen schmieren

Kein Wunder also, dass Nahles die Tonlage der Menschen auf dem Stoppelmarkt so gut trifft, finden auch die Mitarbeiter ihres Stabes, die etwas abseits den Auftritt verfolgen. Anders als die zahlreichen Personenschützer betrachten sie den engen Kontakt der SPD-Parteivorsitzenden zu den Bürgern in der CDU-Hochburg völlig tiefenentspannt: „Das kann sie am besten.“

Inzwischen hat Andrea Nahles das Festzelt „Zur fröhlichen Einkehr“ erreicht und marschiert direkt durch in den Küchenbereich. Ohne lange zu fackeln, entert sie einen Platz zwischen den Damen am Küchentisch, schnappt sich ein Messer und fängt an, Mettbrötchen zu schmieren. „Toll, die macht ja alles mit“, ist anerkennendes Lob aus dem Hintergrund zu hören.

Inzwischen ist noch ein politischer Vollprofi auf dem Stoppelmarkt eingetroffen. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) ist bei der Anreise aus der Landeshauptstadt auf der A 2 im Stau hängengeblieben und trifft dadurch erst kurz vor dem Ende der Platzrunde zu dem Tross seiner Parteigenossin. Immerhin reicht die Zeit noch für eine gemeinsame Runde auf dem Riesenrad und wenig später ist Weil im Festzelt bereits voll auf Betriebstemperatur. Mit seiner ebenso witzigen wie mitreißenden Rede legt er die Messlatte für die nach ihm folgende Nahles recht hoch, wie auch der Bürgermeister anmerkt.

Die SPD-Parteivorsitzende nimmt die Herausforderung im mit 1200 Gästen bis auf den letzten Platz voll besetzten Niedersachsenzelt an, und wirft das Manuskript ihrer Rede kurzerhand komplett über den Haufen. Neben ganzen Passagen über die AfD fliegen auch alle stilistischen Feinheiten und Konjunktive über Bord. Klare Kante mit einer kräftigen Prise derben Humors ist jetzt die Devise.

Bevorzugte Ziele der frei formulierten Attacken von Nahles sind Trump und die CSU, doch die Sozialdemokratin schreckt auch vor Witzen vor der eigenen Partei nicht zurück. Sie als SPD-Parteivorsitzende sei doch nur von den Vechtaern eingeladen worden, weil die sich gedacht hätten, „laden wir die lieber jetzt ein, wer weiß, ob es die SPD nächstes Jahr noch gibt“ – der Saal tobt. Am Ende wird Nahles mit viel Beifall von der Bühne verabschiedet. Herausforderung bestanden.

Jörg Jung
Redakteur
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2084

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