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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Wenn der Wind Angst macht

28.10.2016

Stedesdorf /Oldenburg „Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Ratsmitglieder, mit großer Sorge beobachte ich, dass in unserem Dorf Mitbewohner scheinbar ohne Anamnese erkranken. Innerhalb weniger Wochen gab es einen Todesfall und mehrere lebensbedrohende Erkrankungen.“

Mit diesen Zeilen beginnt ein Brief an Politiker in der Gemeinde Stedesdorf, Landkreis Wittmund, östliches Ostfriesland.

Wolfgang Mänzel, Sprecher Bürgerinitiative „Gegenwind“ hat ihn kürzlich geschrieben. Weil immer mehr Menschen in Stedesdorf plötzlich gesundheitliche Probleme haben – ohne Vorgeschichte. Ein guter Freund von Mänzel ist schwer erkrankt, einige Nachbarn auch. Vielleicht 20 oder 30 Menschen im Ort.

Vor drei Jahren ging der Windpark in Betrieb: zehn Anlagen, bis zu 200 Meter hoch. Riesige Flügel drehen sich zwischen den Ortsteilen Stedesdorf und Osteraccum.

Wolfgang Mänzel hat den Verdacht, dass die Schallwellen der Windmühlen die Menschen krank machen. „Meine Frau und ich werden seit ein paar Wochen nachts wach“, erzählt er. Eine andere Erklärung dafür hat er nicht.

Mänzel will Antworten von den Entscheidungsträgern, fordert Bürgermeister und Rat zur einer Unbedenklichkeitserklärung für den Windpark auf. Viele Einwohner von Stedesdorf teilen seine Bedenken. Ein Dorf lebt in Angst.

Paradies mit Makeln

Im Feld hinter Osteraccum haben sich Hans Georg Janssen und Petra Sziedat ihr „Gartenparadies“ geschaffen. Mit Tausenden Buchs- und Dutzenden Obstbäumen, laut schnatternden Gänsen und furchtbar aufgeregten Hühnern.

Doch das Paradies ist von Makeln getrübt. Von Janssens Terrasse aus kann man sie sehen, die Windräder, die hinter den Bäumen aufragen. Und hören, wenn der Wind aus südlichen Richtungen kommt.

„Fisch, fasch, fisch.“

Noch schlimmer sei der Infraschall, erzählt Janssen. „Den höre ich nicht, den spüre ich nur. Ein tiefes Brummen.“ Vor allem im Haus.

Im vergangenen Jahre hatte der 55-Jährige einen Zusammenbruch. Vorher kerngesund und plötzlich: Burnout, Herzrhythmusstörungen, Magengeschwür. „Das kommt ganz klar von den Windkraftanlagen.“ Auch Hans Georg Janssen und Petra Sziedat können nachts nicht mehr gut schlafen, liegen oft stundenlang wach. „Man ist total nervös“, sagt er.

Als Petra Sziedat vor zehn Jahren das Haus gekauft hat, gab es weder die Windräder, noch den großen Baggersee auf der anderen Seite, der die Straße unterspült. „Verkaufen sie doch“, sagen die Leute zu der 46-Jährigen. Doch Sziedat will bleiben, wie Janssen. Und überhaupt: Was ist ein Haus am Windpark denn noch wert? Wer kauft sowas?

Andere gehen. Ein älteres Ehepaar aus Stedesdorf will bald wegziehen. Wie viele in der Region, in Utgast, Arle oder Roggenstede, wo die Windparks größer sind.

Die Frau hat Herzprobleme bekommen, der Mann Ohrgeräusche. Vermutlich Tinnitus. Und wenig überraschend: beide schlafen schlecht. Immer bei Nordost-Wind. „Nachts hört man, wie das abgeht“, sagt er. Also, die Windmühlen.

Sie zieht bei ungünstiger Windrichtung ins Wohnzimmer, legt sich auf dem Boden schlafen. Das Paar will anonym bleiben. Wegen der schlechten Stimmung im Ort.

Stedesdorf ist eine zerrissene Gemeinde, wie viele im Nordwesten. Kritiker und Befürworter der Windkraft stehen sich fast unversöhnlich gegenüber. In der Politik, der Familie, der Nachbarschaft.

In Stedesdorf dreht sich der Wind im Sommer 2015, als bekannt wird, was Kommunalpolitiker lange bestritten haben. Fünf weitere Windräder sollen gebaut werden.

Wolfgang Mänzel und andere fühlen sich getäuscht, gründen eine Bürgerinitiative gegen die geplante Verdichtung. Es kommt heraus, dass Ratsmitlieder finanziell vom Windpark profitieren.

Korruption?

Die Generalstaatsanwaltschaft Celle ermittelt gegen Beteiligte. Keine Anklage.

Bei einer Bürgerbefragung in Stedesdorf sprechen sich rund 70 Prozent der Bürger gegen neue Windräder aus. Bürgermeister und Rat versprechen, sich an das Votum zu halten. Doch das Misstrauen im Ort bleibt.

Die Kommunalwahl im September 2016 ist in Stedesdorf eine Abstimmung über die Windkraft. Im Rat wird aus einem 7:4 für den Ausbau ein 6:5 dagegen. Anfang November soll eine neue Bürgermeisterin gewählt werden.

Hans Georg Janssen ist in die Politik gegangen, wegen des Windparks. Weil er den Bau von bis zu 23 Windmühlen in Stedesdorf fürchtet. „Das Vertrauen ist weg.“ Janssen erzählt von einem Windkraftinvestor aus Ostfriesland, der angeblich einem Ratsmitglied Schläge angedroht hat. „Die gehen über Leichen“, sagt er leise.

Eingebildete Kranke?

Die Windenergie ist ein Millionengeschäft: hohe staatliche Subventionen, garantiert auf Jahre, bezahlt vom Stromkunden. So gewollt von der Politik. Der Infraschall ist kein Problem, sagen die Befürworter. „Nicht die Windkraftanlage, sondern der Kampf gegen Windkraftanlagen macht krank“, heißt es da.

Der Arzt von Hans Georg Janssen hat ihn nach dem Windpark gefragt. Mehr nicht. „Man müsste einen Arzt haben, der sich mit solchen Fällen auskennt“, seufzt Janssen, bevor er sich wieder um sein „Paradies“ kümmern muss.

Dr. Thomas Carl Stiller ist so ein Arzt. Genauer gesagt, ein Landarzt aus Südniedersachsen – und Umweltmediziner. Stiller, der zwei Praxen bei Göttingen betreibt, ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Ärzte für Immissionsschutz“. Seit drei Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Infraschall.

Stiller ist sich sicher, dass die unhörbaren, niederfrequenten Schallwellen, die permanent von den Windrädern ausgehen, Menschen krank machen können. Lange, gleichmäßige Schallwellen, die sich auch von Häuserwänden nicht aufhalten lassen, die bei regelmäßiger Dosis das Innenohr schädigen und das Immunsystem schwächen.

„Bei 1000 Meter Abstand müssten die Wände 4,30 Meter dick sein, um einen guten Schutz zu bieten“, meint Stiller. In Polen wird sogar ein Abstand von zwei Kilometern zur Wohnbebauung empfohlen, in Bayern immerhin die zehnfache Höhe der Anlagen. Niedersachsen fordert nur 400 Meter. In Stedesdorf sind es 600 bis 700 Meter.

Stiller ist sich auch sicher, dass die Gefahren der Windkraft mit Absicht verharmlost werden. „Die Politik will Ruhe schaffen und die Menschen nicht verunsichern.“ Das könne zum Boomerang für die Energiewende werden.

Die Ärzte für Immissionsschutz fordern modernere Lärmschutzmessungen, mehr Forschung zum Infraschall, eine systematische Erfassung von Krankheitsfällen. „Wir haben als Ärzte eine Schutzverpflichtung“, sagt Stiller.

Warnung vom Arzt

Im Wohnzimmer von Wolfgang Mänzel sitzt sein Freund Michael Hüttenberger; gebürtiger Hesse, zweite Heimat Ostfriesland. Erst waren es Schlafprobleme und Herzrhythmusstörungen, dann erkrankte Hüttenberger an Krebs. Nicht unbedingt wegen der Windkraft. Doch er wohnt jetzt wieder überwiegend in Darmstadt. Nach Stedesdorf lässt ihn sein Arzt nur noch zu Besuch fahren, für wenige Tage. Wegen der Windkraft.

„Durch Infraschall geht das Immunsystem in die Knie“, sagt Hüttenberger. „Infraschall schiebt sich wie ein Bassisockel unter die ganze Belastung.“ Das hat ihm sein Hausarzt erklärt – und Spezialisten vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. „Die Regierung geht mit der Volksgesundheit anders um als in anderen Ländern.“

Wolfgang Mänzel hat inzwischen eine Antwort auf seinen Brief an Bürgermeister und Rat, vom Kreis Wittmund. Eine Unbedenklichkeitserklärung ist es nicht. Der Kreis hat aber eine medizinische Stellungnahme eingeholt.

Der von den Windenergieanlagen ausgehende Infraschall unterhalb der Wahrnehmungsschwelle löse „nach wissenschaftlichem Konsens keine gesundheitsschädlichen Einflüsse“ aus.

Soll wohl heißen: Was man nicht hört, kann auch nicht schädlich sein.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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