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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Wer seid ihr – und wie lange bleibt ihr?

17.11.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-11-17T15:14:03Z 280 158

Treffen Mit Flüchtlingen In Oldenburg:
Wer seid ihr – und wie lange bleibt ihr?

Oldenburg Wer seid ihr?

Wir kennen euch nur als Zahl: 1 364 079 Flüchtlinge, registriert zwischen Januar 2015 und September 2016 bei der Ankunft in Deutschland.

Wir wissen auch, dass die meisten von euch aus Syrien kommen, aus Afghanistan und aus dem Irak, das sind immerhin 61 Prozent von euch.

Und wir wissen, dass wir euch irgendwann in der Schule treffen werden: Mehr als jeder Dritte von euch ist jünger als 18, der große Rest befindet sich im Familiengründeralter. In Deutschland herrscht Schulpflicht, auch für Flüchtlingskinder.

Tränen in der Botschaft

Das hier sind wir, die Deutschen.

Zum Beispiel Markus Kratz: 23 Jahre alt, aufgewachsen in der Nähe von Frankfurt am Main. Markus hat lange Musik gemacht (er spielt Horn), später interessierte er sich mehr für Kunst. Er studierte zunächst Kommunikationsdesign in Braunschweig, dann wechselte er an die Universität Oldenburg. Er will Lehrer werden, für Kunst und Philosophie.

Ihr könntet Markus bald in der Schule treffen.

Begegnungen mit Flüchtlingen hatte Markus bislang kaum, „eigentlich keine“.

In der Schule könntet ihr auch Friederike Stefan kennenlernen, 20 Jahre alt, sie stammt aus Bienenbüttel bei Lüneburg. Nach dem Abitur ist sie ein Jahr lang um die Welt gereist: Sie ist den Jakobsweg gewandert, sie war in Australien und Schweden. Friederike spielt seit der 2. Klasse Klavier; jetzt studiert sie in Oldenburg Musik und Werte & Normen auf Lehramt.

In Bienenbüttel wohnen ein paar Flüchtlinge. Einmal, sagt Friederike, habe sie auf einem Fest mit Flüchtlingen Tischtennis gespielt, „Gespräche gab es keine“.

Wie viele Flüchtlinge sich am heutigen Tag in Deutschland aufhalten, kann niemand mit letzter Gewissheit sagen, die Zahlen schwanken stündlich. Nicht jeder hat schon seinen Asylantrag gestellt, andere sind weitergezogen oder zurückgekehrt, wieder andere kommen gerade erst an. Fest steht aber: Es wird auf Jahre Hunderttausende schulpflichtige Flüchtlingskinder geben in Deutschland.

Julia Egbers, 32 Jahre alt, ist Dozentin am Institut für Pädagogik der Uni Oldenburg. Sie sagt: „Flüchtlingskinder im Unterricht, das wird auf jeden Lehrer zukommen.“ Und sie fragt: Sollte nicht jeder angehende Lehrer mehr kennen als eine Zahl wie 1 364 079? Sollte er nicht wissen, was da für Menschen vor ihm sitzen?

Deshalb steht Julia Egbers jetzt in der Kulturetage, in der Hand ein Mikrofon, vor ihr ein paar Dutzend Lehramtsstudenten, und sie fragt die Studenten: „Wann haben Sie das letzte Mal geweint – geweint vor Glück? Wohl kaum, als Sie ein Visum in der Hand hielten, oder?“

Friederike Stefan sitzt ganz vorn, sie lacht. Klar, für Australien brauchte sei ein Visum. Sie hat sich darüber gefreut – aber deshalb weinen?

Julia Egbers gibt das Mikrofon an Allaa weiter. Allaa ist Referent beim Projekt „Life Back Home“.

Der beste Freund

„Ich bin Allaa“, stellt sich Allaa Faham vor: 19 Jahre alt, aufgewachsen in Idlib, Syrien. Allaa reißt Witze, zum Beispiel darüber, dass die Deutschen immer Kartoffeln essen. „Und wenn es mal keine Kartoffeln gibt, dann essen sie Pommes.“ Die Studenten lachen.

Allaa zeigt ein Foto, es ist ein Bild von Tareq, seinem besten Freund, Tareq lacht. „Eigentlich hatten wir ein ganz schönes Leben in Syrien“, sagt Allaa.

Als Tareq 15 war, wurde er von der Polizei verhaftet. Warum? Weil er den falschen Familiennamen trug, sagt Allaa. „Ich wartete einen Monat“, sagt Allaa, „ich wartete ein Jahr.“ Nach einem Jahr bekam er ein Foto von Tareq im Gefängnis. Das Foto zeigt einen sehr mageren Jungen mit kahlgeschorenem Kopf.

Und dann war Tareq tot. „Gefoltert, geschlagen“, sagt Allaa.

Allaa erzählt von den Demonstrationen, an denen er teilgenommen hat. Von den Schüssen der Polizei, von dem Toten links neben ihm, von dem Verletzten rechts neben ihm. Von seinem Vater, der sagte: Du musst weg!

Allaa hatte Glück, sein Vater arbeitete in Saudi-Arabien. Er floh nach Saudi-Arabien und von dort weiter in die Türkei. Dort bekam er das Visum für Deutschland.

„Ich weinte vor Freude“, sagt er.

„Ich bin Abdul“, stellt sich Abdul Abbasi vor, 22 Jahre alt. Abdul sagt, Abdul sei nur sein Spitzname hier, eigentlich heiße er . . . Die endlosen Kehllaute gehen im Kichern der Studenten unter.

Abdul zeigt zwei Fotos: eines vom zerstörten Köln am Ende des Zweiten Weltkriegs, eines vom leuchtenden Köln heute. Dann zeigt er ein Foto von Aleppo, seiner Stadt. Das Foto zeigt eine Trümmerwüste.

Er erzählt von seinen Matheprüfungen: „Alles ist ruhig, dann macht es BUMM! Wir gucken kurz, dann arbeiten wir weiter.“

Abduls Vater war Professor an der Uni, eines Tages sagte er: „Wir müssen das Land verlassen.“ So kam Abdul nach Ägypten. Nach Libyen. In die Türkei. In der Türkei bekam er nach sehr langem Warten ein Visum für Deutschland.

„Ich habe vor Freude geweint“, sagt auch er. In der Botschaft rief er der Sachbearbeiterin zu: „Ich liebe Dich!“

Jetzt sind sie hier. „Aber nicht freiwillig“, sagt Allaa.

Abdul studiert Zahnmedizin in Göttingen. Allaa wohnt in Hamburg und beginnt in Kürze ein Geschichtsstudium. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in Deutschland sein werde“, sagt Allaa. Abdul sagt: „Wir haben vieles verloren – aber unsere Träume haben wir behalten.“ Sein größter Traum war es, Zahnmedizin zu studieren. In Deutschland wird er nun wahr.

Aber. Allaa und Abdul haben Deutsch gelernt: nicht im Integrationskursus, sondern privat. Sie sind in sämtliche deutsche Fallen getappt (Allaa: „Ich habe ein Konto bei einer Bank eröffnet, ohne dass ich es wusste.“ Abdul: „Wann sagt man Du? Wann Sie? Wann begrüßt man sich mit Handschlag. Wann mit Umarmung, wann mit Wangenkuss?“).

Was lernen die angehenden Lehrer daraus?

„Wir müssten methodisch besser auf die Flüchtlinge vorbereitet werden“, glaubt Friederike. „Es fehlt an Fortbildungen.“

„Ich glaube, wir müssen das selber machen“, kontert Markus, ihr Kommilitone. „Im Lehrplan steht ja nicht, wie man unterrichtet – da steht nur, was man unterrichtet.“

„Aber was ist mit den Ängsten der Kinder?“, fragt Friederike. „Müssen wir denen die nicht nehmen?“

„Wir müssen allen Kindern die Angst nehmen“, sagt Markus, „nicht nur Flüchtlingskindern. Jedes Kind hat seine Geschichte.“

Eine Studentin fragt Allaa und Abdul: Wollt ihr irgendwann wieder zurückgehen nach Syrien?

„Syrien ist meine Heimat“, sagt Allaa. „Ich will auf jeden Fall irgendwann zurückkehren“, sagt Abdul.

Aber Abdul sagt auch: „Ich glaube, dass die Probleme in Syrien nicht so schnell gelöst werden. Es ist eine tolle Chance für uns, hier zu sein. Irgendwann, wenn der Krieg vorbei ist, können wir dann mit unseren unterschiedlichen Erfahrungen aus unterschiedlichen Ländern etwas Tolles entwickeln in Syrien.“

So sehen wir euch!

Er zeigt noch einmal das Foto von Köln: vorher, nachher. Für einen Wiederaufbau braucht man nicht nur Bauingenieure, sagt er. Man braucht Zahnärzte. Historiker. Lehrer.

Als Flüchtling braucht man bis dahin vor allem: Humor. Und ein dickes Fell.

Allaa und Abdul drehen lustige Videos, unter dem Logo „German LifeStyle“ findet man sie bei Youtube. Die Filme tragen Titel wie „So integriere ich mich in drei Schritten“ oder „Peinliche Situationen“, sie scherzen über Vorurteile, und sie alle bitten:" target="_blank"> Lernt uns kennen, uns Flüchtlinge! In der Oldenburger Kulturetage drehen sie gleich neue Filme, die Studenten machen mit.

Wer seid ihr? Und wer sind eigentlich wir, die Deutschen?

Bei Facebook haben Allaa und Abdul fast 100 000 Fans. Unter den Videos stehen viele Kommentare. Die meisten sind voller Lob. Andere sind voller Fremdenhass.